Ich erkläre mir die Schlafstellung der Vögel anders und zwar auf Grund folgender Beobachtung.

An einem schönen Sommertage ging ich im Tiergarten spazieren. Ich blieb stehen, um eine Wildente zu beobachten, die auf einen in das Wasser gefallenen Baum gestiegen war und dort ihr Gefieder glättete. Es kam noch eine Ente angeschwommen und sprang – nicht flog – vom Wasser auf den Baum. Das ist ein Kunststück, das man nicht glauben würde, wenn man es nicht mit eigenen Augen sähe. Ueberhaupt benahmen sich die Enten auf dem gestürzten Baume so vertraut, daß ich mir sagte, in waldreichen Gegenden scheinen sie lieber auf Bäumen als am Ufer zu ruhen. Das ist auch ganz klar, denn am Ufer kann sie manches Raubtier, z. B. der Fuchs erbeuten, der auf den Baumstamm nicht so leicht gelangt. Demnach schien der Baumstamm mit seiner trockenen Rinde ein herrliches Ruheplätzchen zu bieten. Nur ein Wulst auf dem Baumstamm fiel mir auf, weil ich nicht recht wußte, was ich aus ihm machen sollte. Dieser Wulst, den ich zunächst übersehen hatte, kam mir mit der Zeit immer merkwürdiger vor. Ich bedauerte aufrichtig, nicht ein scharfes Jagdglas bei mir zu haben. Plötzlich bekam der Wulst Bewegung und, was ich schon geahnt hatte, entpuppte sich als – schlafende Ente.

Ich mußte staunen, wie vortrefflich das Gefieder der Wildente, die sich dicht auf den Stamm gedrückt hatte, zu der Baumrinde paßte. Sodann war es aber klar, daß ich trotzdem die schlafende Ente niemals hätte übersehen können, wenn sie nicht ihren Kopf in das Gefieder des Rückens gesteckt hätte. Ich glaube hiernach zu der Vermutung berechtigt zu sein, daß die merkwürdige Schlafstellung den Zweck einer Schutzstellung hat.

Die Wildente ist, wie wir wissen (Kap. [145]) ein zum Teil nächtliches Tier. Sie hat also am Tage naturgemäß ein Schlafbedürfnis. Ihre schlimmsten Feinde sind außer dem Menschen die Tagraubvögel, insbesondere Wanderfalk und Habicht. Sie ist also in dieser Schlafstellung einigermaßen vor ihnen gesichert. Würde sie mit dem Kopfe nach vorn schlafen, so könnte sie von dem scharfen Auge ihrer gefiederten Feinde mit Leichtigkeit wahrgenommen werden.

Als Jäger wäre ich an dieser Wildente vorbeigelaufen, obwohl ich gerade für sich verbergende Geschöpfe ein sehr geschultes Auge besitze.

Aus Furcht vor den nächtlichen Feinden, den Eulen, stecken also die Friedvögel den Kopf in die Federn, damit sie leichter übersehen werden.

Uebrigens haben die Nachtaffen genau die gleiche merkwürdige Schlafstellung. Man betrachte beispielsweise ihre Bilder in Brehms Tierleben. Diese Schlafstellung wird aber sofort verständlich, wenn man sie als sogenannte Mimikry, d. h. Nachäffung der Umgebung auffaßt.

Adler und Geier scheinen eine solche Mimikry nicht zu brauchen und deshalb stecken sie den Kopf nicht in das Gefieder.

[189]. Die Rassen des Kanarienvogels.