In zwei Kästen wimmelt es von Raupen unseres Maulbeerspinners. Sie haben etwa die Länge des kleinen Fingers eines Mannes, nur sind sie nicht so dick. Ihre Tätigkeit scheint in dem Programm zu bestehen: Fressen, fressen und abermals fressen. Dementsprechend ist auch die Verdauung. Ueberall sehen wir schwarze Klümpchen auf dem Boden liegen. Verglichen mit den anderen Seidenspinnern sieht übrigens der Schmetterling des Maulbeerspinners sehr unscheinbar aus. In einem Nebenzimmer können wir nämlich die andern Spinnerarten bewundern, den Eichenseidenspinner Nordchinas, den Ailanthusspinner Chinas und Japans, den südamerikanischen Spinner Telea Polyphemus usw.

Die Farbe der Seidenraupe ist perlgrau, die der kleinen Eier ziemlich ebenso. Eine Menge Kokons können wir erblicken, welche die so geschätzte Seide liefern. Ein Kokon enthält einen Faden von 1000 bis 3000 Meter Länge. Hiervon ist jedoch nur ein Teil zur Herstellung von Seide verwendbar. Obendrein müssen mehrere Kokonfäden zusammengedreht werden, um einen Seidenfaden zu liefern.

Zu einem Kilo Seide sind 10 Kilo Kokons erforderlich. Ein Kilo Kokons enthält etwa 2500 Stück.

Deutschland führt jährlich etwa 11 Millionen Kilo im Werte von 158 Millionen Mark ein, wobei nach der heutigen Valuta der Betrag entsprechend erhöht werden muß.

Es wäre sehr wünschenswert, daß ein Teil dieses Materials bei uns selbst hergestellt würde, zumal die Seidenraupenzucht durch Kriegsbeschädigte, Frauen und Kinder ausgeübt werden kann. Sie kostet weniger Mühe als beispielsweise die Bienenzucht.

Ich entsinne mich, an verschiedenen Stellen unserer Heimatprovinz alte Maulbeerbäume gesehen zu haben, deren Früchte vortrefflich schmeckten. Von den Ortseinwohnern erfuhr ich, daß sie im achtzehnten Jahrhundert auf Anordnung von Friedrich dem Großen angepflanzt seien, um die Seidenraupenzucht bei uns einzuführen.

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war sogar die Seidenraupenzucht bei uns in einer gewissen Blüte. Dann aber brachen Seuchen unter den Raupen aus, und jetzt ist die Ausbeute sehr gering.

Es ist das Verdienst von Pasteur, die Gefahr der Seuchen fast beseitigt zu haben.

Um in unserem Vaterlande die Seidenraupenzucht wieder zu heben, ist natürlich in erster Linie die Beschaffung von Futter für die Seidenraupen erforderlich. Wie schon der Name sagt, ist ihr zuträglichstes Futter Maulbeerblätter. Als Ersatz kommen Schwarzwurzeln in Betracht. Viele meinen, daß der Rückgang der Seidenraupenzucht deshalb eingetreten sei, weil der Maulbeerbaum bei uns nicht aushalte. Das wird aber von Kennern bestritten, die sich darauf berufen, daß die Maulbeerbäume sogar den harten Winter von 1916 bis 1917 überstanden haben. Außerdem liefert nach ihnen der deutsche Maulbeerbaum viel kräftigeres Futter, so daß schon 7 Kilo Kokons ein Kilo Seide ergeben.