Dieses Verhalten so kluger Tiere dürfte darauf zurückzuführen sein, daß der Pudel ein zu großer Menschenfreund ist, um überhaupt Menschen zu beißen. Dem Jagdhunde steckt sein Wild so im Kopfe, daß ihm andere Menschen, wenn sie nicht auf Jagd gehen, gleichgültig sind.
Dagegen ist der Pudel ausgezeichnet zu allerlei Kunststücken geeignet, und da solche Kunststücke beim Volke sehr beliebt sind, so ist auch der Pudel ein sehr geschätzter Hund.
Mit der größten Bereitwilligkeit ist auch unser »Karo«, wie der Pudel heißt, bereit, zu zeigen was er kann. Kaum haben wir seinem Herrn gegenüber den Wunsch geäußert, einige Glanzleistungen von Karo zu sehen, so erhalten wir eine richtige Vorstellung. Erst werden die einfachen Sachen vorgeführt: Hinsetzen, Schönmachen, die Pfote geben, auf den Hinterbeinen gehen. Dann kommen die schwierigeren Sachen: über Stock und Stühle springen und tanzen. Dazwischen muß Karo zeigen, wie der Hund spricht und beweisen, daß er rechts und links unterscheiden kann. Nur einen Happen, den er von der rechten Hand seines Herrn bekommt, nimmt er, sonst läßt er ihn ganz unberücksichtigt.
Um Karo als Schwimmer und Taucher zu bewundern, gehen wir nach dem nahegelegenen See. Der Pudel schwimmt vortrefflich, fast wie eine Ente, und apportiert mit unglaublicher Ausdauer. Wenn er aus dem Wasser kommt, muß man sich natürlich vorsehen, daß man nicht beim Ausschütteln des Felles naß wird. Dieses Schütteln der Haut können wir ihm nicht nachmachen, da die unsrige nicht so beweglich ist. Wie groß die Beweglichkeit der Hundehaut ist, ersehen wir deutlich, wenn wir einen Hund am Nacken hochheben.
Karo ist ein Rüde und etwa 1½ Jahre alt. Wie Herr Böhm erzählt, hat er ihn erst seit einigen Monaten. Er ist durch einen Zufall zu ihm gekommen, da sein bisheriger Herr plötzlich verstorben war, und ihm der Hund zu einem Spottpreis angeboten wurde. Die erste Zeit sei das Tier allerdings sehr traurig gewesen und habe wenig Nahrung zu sich genommen. Jetzt aber habe er sich in die neuen Verhältnisse eingewöhnt und fühle sich augenscheinlich sehr wohl.
Es ist eigentlich recht wunderbar, daß fast alle Tiere ohne Unterricht schwimmen können. Wie lange braucht der Mensch, um ordentlich schwimmen zu können? Mancher lernt es überhaupt niemals.
Auch hier wollen wir uns bei den wilden Verwandten erkundigen, wie es mit ihrer Schwimmkunst steht.
Die Wildhundarten als Raubtiere müssen natürlich schwimmen können, denn sonst würden die Pflanzenfresser, die sie verfolgen, sich jedesmal dadurch retten, daß sie in das Wasser flüchten. Wölfe schwimmen nicht nur gut, sondern scheinen auch gern in das Wasser zu gehen. Der Fuchs kann ebenfalls schwimmen, aber man wird nicht behaupten können, daß er gern ins Wasser geht. In Jagdrevieren kann man beobachten, daß er lieber einen Umweg macht und über einen Steg geht, als daß er den Graben durchschwimmt.
Oft hat Herr Böhm gesagt, wenn der Pudel etwas falsch machte: »Aber Karo, schämst du dich gar nicht?« Wir kommen darauf zu sprechen, ob der Hund ein wirkliches Gefühl für »sich schämen« besitzt? Ich bezweifle es sehr stark, denn ich nehme an, daß der Hund aus dem Tone der Sprache heraushört, daß der Herr böse ist, und daß ihm etwas Aergerliches in Aussicht steht. Ich glaube also, daß diese allgemein übliche Redensart eine Vermenschlichung ist, die beim Tier nicht recht paßt. Zu einem sonst braven Knaben, der eine Dummheit begangen hat, können wir mit Recht sagen: Schämst du dich nicht? Wir rufen sein Ehrgefühl an und verzichten deshalb auf eine Bestrafung. Beim Tiere aber, selbst wenn es ein kluger Pudel wäre, ein solches Ehrgefühl anzunehmen, scheint mir unbegründet zu sein. Bei jeder Erklärung muß man zunächst versuchen, mit einer möglichst einfachen auszukommen.
Mein Bekannter macht hiergegen geltend, daß ein feinfühliger Hund oft, wenn er gescholten sei, seinen Herrn links liegen lasse, also gewissermaßen schneide. Diesen Einwand habe ich schon oft gehört. Dieses Benehmen ist wohl aber mehr auf Eitelkeit als auf Ehrgefühl zurückzuführen. Ein Knabe schämt sich bei der Ermahnung seines Lehrers, weil er sich im stillen sagt: Wenn ich mich ordentlich angestrengt hätte, würde ich das aufgegebene Gedicht fließend aufsagen können. Bei einem Hunde kann man aber einen solchen Gedankengang nicht annehmen.