Bald schaffte auch der Ausländer, um die Wahrheit seiner Worte zu erweisen, zwei prachtvolle dänische Doggen herbei, eine weiße und eine blaue mit schwarzen Flecken und einem eigentümlichen weißen Auge, das ihr ein besonders wildes Aussehen gab. Fast jedes von diesen Geschöpfen wog nahezu 200 Pfund. Muskeln hatten sie wie Tiger, und man glaubte dem Ausländer gern, als er erklärte, diese beiden allein nähmen es mit dem größten Wolf auf. Ihre Art zu jagen beschrieb er folgendermaßen: »Sie haben nichts weiter zu tun, als ihnen eine Fährte zu zeigen, und wenn sie auch schon einen Tag alt ist, folgen sie ihr unverzüglich und lassen sich auf keine Weise davon abbringen. Bald werden sie den Wolf finden, mag er auch noch so sehr die Spur zu verwirren und zu verstecken suchen. Dann gehen sie ihm an den Leib; er will davonrennen, aber der Blaue packt ihn in der Flanke und schleudert ihn so« – der Erzähler warf eine Brotkrume in die Luft – »und ehe er wieder auf den Boden kommt, hat ihn der Weiße am Kopf und der andere am Schwanz, und sie reißen ihn auseinander – sehen Sie, so!«
Das klang nicht schlecht, und alle brannten darauf, die Probe zu machen.
Leider fanden die Viehzüchter bei ihren Ausflügen keinen Wolf, auf den sie die Doggen hätten hetzen können. Sie kamen daher auf den Gedanken, den zahmen, einem Gastwirt gehörenden Wolf, der an der Kette lag, als »Versuchskaninchen« zu gebrauchen. Sie kauften dem Wirt das Tier ab. Die Hunde ließen sich mit Mühe zurückhalten, so kampflustig waren sie, nachdem sie einmal den Wolf gewittert hatten. Aber ein paar starke Männer hielten sie an den Riemen fest, und der Wolf wurde nicht ohne Schwierigkeiten herausgebracht. Zuerst sah er erschreckt und verwirrt aus. Als er sich frei fühlte und mit Geschrei und Hallo gescheucht wurde, machte er sich in langsamem Trott davon nach Süden zu, wo unebenes Terrain lockte. In diesem Augenblick ließ man die Hunde frei, die mit wütendem Gebell dem jungen Wolfe nachsprangen. Die Männer ritten mit lautem Hurra hinterdrein. Von vornherein schien für den Wolf keine Möglichkeit des Entkommens zu bestehen, denn die Hunde waren weit schneller als er, und der Weiße konnte rennen wie ein Windhund. Der Ausländer war außer sich vor Begeisterung, wie sein schnellster Hund über die Prärie flog und jede Sekunde dem Wolfe sichtlich näher kam. Viele wollten auf die Hunde wetten, aber kein Mensch nahm die Wette an. Jetzt griff der Wolf aus, so gut er konnte, aber nach tausend und einigen Metern war der Hund gerade hinter ihm und fuhr auf ihn los.
Im Augenblick waren die Tiere aneinander. Beide fuhren zurück, aber keiner flog, wie es der Ausländer vorausgesagt hatte, in die Luft, im Gegenteil, der Weiße überschlug sich mit einer furchtbaren Wunde in der Schulter und war kampfunfähig, wenn nicht tot.
Nach zehn Sekunden war der Blaue zur Stelle. Auch diesmal dauerte das Duell nur kurze Zeit und verlief fast ebenso unbegreiflich wie das erste. Kaum sah man, daß die Tiere sich berührten. Der Graue sprang beiseite, während sein Kopf bei einer blitzschnellen Wendung einen Augenblick unsichtbar blieb, und der Blaue taumelte und zeigte eine blutende Flanke. Von den Männern angefeuert, griff er noch einmal an, aber nur, um sich noch eine Wunde zu holen, die ihn nach keiner weiteren Verlangen tragen ließ.
Ein einjähriger Wolf, der an der Kette gelegen hat, wird also spielend mit zwei riesigen Doggen fertig. Das beweist die große Ueberlegenheit des grauen Räubers. Allerdings hatte dieser junge Wolf bereits große Erfahrung im Kampfe mit Hunden, denn man hatte zahllose Hunde auf ihn gehetzt.
Der Wolf als freilebendes Tier ist ungeheuer viel schneller und gewandter im Beißen, auch bringt er den Hunden, besonders kurzhaarigen, furchtbare Wunden wegen des mangelnden Haarschutzes bei.
[21]. Rätselhaftes beim Hunde.
Von einigen Rätseln, die uns der Hund aufgibt, haben wir bereits gesprochen, nämlich von seinem Zeitsinn und Ortssinn. Beide Sinne teilt er mit den meisten anderen Tieren.
Seit dem Altertum glaubt man vom Hunde, daß er Gespenster und Gottheiten wahrzunehmen vermöge. Dieser Glaube ist sehr verständlich. Der Naturmensch beobachtete täglich, daß der Hund das Vorhandensein von Dingen merkte, die ihm trotz aller Anstrengungen entgingen, man denke z. B. an die Anwesenheit eines durch Schutzfärbung unsichtbaren Wildes. Da der Naturmensch Gespenster und Gottheiten mit eigenen Augen nicht erblicken konnte, so war es naheliegend, dem Hunde auch in diesem Falle die Fähigkeiten beizulegen, die dem Menschen fehlten.