Der größte Feind der Hundearten ist aber die eigene Verwandtschaft, wie es bei den Menschen auch so häufig der Fall ist. Wer die Fabeln von der Freundschaft zwischen Haushund und Wolf, ebenso die zwischen Wolf und Fuchs ausgeheckt hat, war kein wirklicher Tierkenner.

Ebenso hört man die unausrottbare Ansicht, daß ein verwilderter Hund von den Wölfen zum Anführer gewählt wird. Der Gedankengang ist dabei folgender. Der Hund hat von dem klugen Menschen so viel Klugheit mitbekommen, daß die Wölfe willig seine geistige Herrschaft anerkennen und auch von der Klugheit des Hundes Nutzen ziehen wollen.

In Wirklichkeit liegt die Sache so, daß die Haushunde im Kampfe mit dem Wolfe in der lächerlichsten Weise übertölpelt werden. Schon im Altertum schilderte man ganz zutreffend, wie leicht ein paar Wölfe ein Schaf erbeuteten trotz der Anwesenheit von dem Hirten und seinem Hunde oder seinen Hunden. Ein Wolf nähert sich der Herde und wird natürlich von der wachsamen Schar der Hunde wahrgenommen und von ihr ingrimmig verfolgt. Unterdessen hat sich unbemerkt der andere Wolf an die Herde geschlichen und trägt in Gemütsruhe ein Opfer fort.

In wolfreichen Gegenden holen sich, wie mir erfahrene Jäger versichert haben, in ähnlicher Weise die Wölfe den starken Haushund, wenn sie der Hunger kühn gemacht hat. Ein Wolf nähert sich dem Tore des Gehöfts. Der Hund ist sich seiner Pflicht bewußt und verfolgt den grauen Räuber eine Strecke weit. Inzwischen hat ein anderer Wolf dem Hunde den Rückzug abgeschnitten und eilt ihm nach. Der verfolgte Wolf dreht sich plötzlich um, und beide stürzen sich auf den Hund, der in kurzer Zeit sein Grab im Wolfsmagen findet.

Trotz der großen Aehnlichkeit zwischen dem Wolfe und manchen großen Hunderassen ist der Wolf unzweifelhaft der an Kräften Ueberlegene. Der Wolf, der am Waldesrande sitzt oder durch den Forst trabt, ist nach Tschudi in Bau und Farbe dem Fleischerhunde so ähnlich, daß er mit ihm verwechselt werden könnte und von gleicher Abstammung zu sein scheint. Und doch hat man von jeher die Erfahrung gemacht, daß beide Tiere einen entschiedenen Widerwillen gegeneinander haben. Der starke Wolf vermeidet es gern, dem viel schwächeren Hunde zu begegnen. Dieser zittert und sträubt die Haare, wenn er den Wolf wittert. In der Schweiz wagen es nur jene starken und treuen Hunde, welche die Bergamasker Schafherden in den Engadiner Alpen bewachen, einzeln auf den die Herde umlauernden Räuber loszugehen und mit ihm in höchster Erbitterung auf Leben und Tod zu kämpfen. Wird der Wolf Meister, so liebt er es, den halbzerfleischten Hund aufzufressen, während der siegreiche Hund selbst den erlegten Wolf noch verabscheut.

Ein Fall aus der Schweiz, in dem zwei Männer mit ihrem Gespann durch einen Hund vor dem Ueberfall eines Wolfes bewahrt wurden, sei hier angeführt. Es war klarer Mondenschein, aber auch eine bitterkalte Winternacht, als ein Arzt mit dem abgesandten Eilboten sich auf den offenen sogenannten Reitschlitten setzte und, von seinem mächtigen Bergamasker Hunde Beloch, der ihm schon manche Probe von Klugheit, Treue und Mut gegeben, begleitet, die Fahrt zu einem Kranken begann. Rasch wurde mit dem guten Pferde auf frostharter Bahn ein Stück Weg zurückgelegt. Als das Cotza-Tobel erreicht war, hielt plötzlich der Hund, der mit dem Pferde bisher Schritt gehalten, an und sprang mit einem großen Satz auf eine hochbuschige Hecke am Wege, hinter der sich ein Tier bewegte, das von dem nächtlichen Reisenden für einen Fuchs gehalten wurde. Langsam gelangte das Fuhrwerk auf die Höhe von Quartins. Der Hund folgte längs des Buschwerks und näherte sich hier seinem Herrn wieder, sich hoch neben demselben aufrichtend und zähnefletschend, mit gesträubten Haaren, gegen einen großen Wolf knurrend, dessen Augen durch die Hecke glänzten. Unwillkürlich hielt das Pferd an. Wolf und Hund maßen sich, beide knurrend, mit wütendem Blicke. Der Arzt und sein Begleiter erkannten entsetzt die Gefahr, deren Opfer sie jeden Augenblick werden konnten, und da sie ganz waffenlos waren, suchten sie ihre Rettung in der Flucht. Sie peitschten das Pferd, und pfeilschnell schoß der leichte Schlitten dahin. Aber ebenso schnell folgten Wolf und Hund diesseit und jenseit der Hecken und Mauern, die sich des Weges entlang zogen. Mehrere Male versuchte die heißhungrige Bestie über die Verzäunung zu springen, aber überall fand der Wolf Beloch vor der Lücke, bereit, ihn mit seinem gewaltigen Gebiß zu empfangen. So ging die Hatz eine halbe Stunde lang bis zur Kirche von Lovin, wo erst der Wolf seine Beute aufgab und mit wütendem, heulendem Gebrüll sich gegen das Gebirge zurückzog. Die geretteten Männer weckten ihren Gastfreund im Dorfe, um sich eine Erfrischung und Waffen zu erbitten. Nicht ohne Rührung bemerkten sie, wie nun Beloch das ihm gereichte Stück Brot sofort aus der Stube trug und sich vor das Pferd setzte, um das Brot zu verzehren, alle Augenblicke bereit, das Pferd gegen den vielleicht zurückkehrenden Wolf zu verteidigen.

Der Gewährsmann des vorstehenden Erlebnisses ist der bekannte Naturforscher Tschudi. Folglich ist der Bericht durchaus glaubwürdig. Der zur Sommerzeit am Tage nach unseren Begriffen feige Wolf zeigt sich als nächtliches Raubtier in der Mitternachtszeit bei starker Winterkälte, wo ihn der Hunger plagt, als ein sehr gefährliches Raubtier. Wahrscheinlich war es noch ein junges Tier und gehörte zu der kleineren Wolfsart, da er zunächst für einen Fuchs gehalten wurde. Denn auch die Wölfe sind in ihrer Größe sehr verschieden.

Es wurde schon erwähnt, daß in Nordamerika der große Waldwolf und der fuchsgroße Coyote leben. Der Coyote wird natürlich wie unser Fuchs von jedem stärkeren Hunde abgewürgt. Dagegen nimmt es nach Thompson der Waldwolf mit mehreren Hunden auf. Er schildert Fälle, wo ein Dutzend Hunde es nicht wagten, einen einzelnen Waldwolf anzugreifen.

Thompson hat bei den Viehzüchtern gelebt, deren größte Feinde die Wölfe sind, und so kann man ihm Sachkunde nicht absprechen. Da die Wölfe von den Herden der Züchter lebten, so richteten sie unermeßlichen Schaden an, und alle Mittel wurden gegen sie versucht, um sie zu vernichten. Da riet ein Ausländer den Viehzüchtern, gegen die Wölfe mit den stärksten Hundearten vorzugehen.