[25]. Verstellung und Beistand bei Hunden.

Von den Fällen, wo Hunde sich verstellten, seien hier folgende angeführt:

1. Ich besaß, schreibt ein Naturforscher, einen rauhhaarigen Hund, Pintsch genannt, der in ausgezeichnetem Grade log. Pintsch vertrieb sich die Zeit sehr gern mit »Bummeln«, wußte auch sehr wohl, daß er das nicht durfte, und kam infolgedessen nicht offen von seinen Spaziergängen nach Hause, sondern schlich sich heimlich ein. Dann aber, wenn er im Hause war, ging er meist nicht auf geradem Wege zu den Menschen, sondern machte folgendes Kunststück: er stieg, immer noch heimlich, auf den Speicher oder an eine andere versteckte Stelle, wartete, bis er unten im Hause jemand sprechen hörte und kam dann, tapp, tapp, mit unschuldigster Miene die Treppe herab. Sein späterer Besitzer bestätigte mir diese Beobachtung, ohne von mir darauf aufmerksam gemacht worden zu sein; so auffallend war die List, womit er seinem Herrn weiszumachen strebte, daß er den ganzen Tag im Hause verschlafen habe.

2. Es waren in einem Gasthause verschiedene Hunde, die sich alle Winterabende um das Kaminfeuer in dem Gastzimmer herumlagerten, doch so, daß sie den Gästen nicht im Wege waren. Einer von diesen Hunden, der sich gewöhnlich immer später als die anderen einfand, mußte mit einem entfernten Platze vorlieb nehmen. Bisher hatte er immer Geduld gehabt; an einem Abend aber, an welchem die Kälte ihm wahrscheinlich zu unerträglich war, ersann er folgenden listigen Streich, der ihm auch vollkommen gelang. Nachdem er sich einige Zeit zur Rechten und zur Linken umgesehen hatte, um ein Plätzchen in der Nähe des Feuers zu bekommen, aber seine Absicht nicht erreichen konnte, verläßt er auf einmal das Zimmer, läuft nach der Haustür und fängt an, aus allen Kräften zu bellen. Augenblicklich machen sich alle Hunde im Zimmer auf die Beine, laufen und bellen, so gut ein jeder kann. Der Hund, der das Zeichen gegeben hatte, ließ sie gehen, kam mit einer triumphierenden Miene zurück und suchte sich die beste Stelle beim Feuer aus. Seit der Zeit bediente er sich zur großen Belustigung der Gäste jedesmal, wenn er es für nötig fand, dieses Kunstgriffes und verfehlte nie seinen Endzweck.

3. Den gleichen Kunstgriff wandte ein kleiner gieriger Hund an, um dem großen Hausgenossen das Futter zu stehlen. Nachdem er seine Mahlzeit verschlungen hatte, lief er bellend zum Tore, gefolgt von dem Bernhardiner. Heimlich ging er zurück und fraß das Futter des Großen. Am vierten Tage kam der Bernhardiner hinter den Schlich des Kleinen und hätte ihn zuschanden gebissen, wenn der Hausherr nicht dazwischengetreten wäre.

Ueber Beistand, den die Hunde einander leisten, schreibt der vorhin erwähnte Besitzer von Pintsch folgendes: Meiner Wohnung gegenüber lag der Hund eines Bierwirts, ich will ihn Boxer nennen, häufig auf der Straße und sonnte sich. Boxer war ein ungeschlacht aussehendes Vieh, von dem ich nichts kannte als die Kraft seiner Zähne; die Lastträger, welche bei seinem Herrn verkehrten, belustigten sich öfter damit, ihn in einen vorgehaltenen Strick beißen zu lassen und ihn dann an diesem herumzutragen, was er beliebig lange aushielt. Eines Tages kam ein fremder kleiner schwarzer Hund durch das Stadttor gelaufen, und wie das zu geschehen pflegt, wurde er sofort von den kleinen Kötern, denen er in den Weg lief, angebellt. Bald stellten sie ihn; gerade unter meinem Fenster blieb das schwarze Tierchen ängstlich stehen, und um ihn bildete sich ein Kreis, bestehend aus allen kleinen Hunden der Nachbarschaft, die ihn feindselig ankläfften und berochen. Er war augenscheinlich in großer Not, und schon wollte ich mit einem Wurfgeschoß zu seinen Gunsten einschreiten, da erhob sich Boxer, der auf der anderen Seite der Straße lag, aus seiner faul behaglichen Ruhe, schritt herzu, durchbrach den Kreis der Kläffer und stellte sich breitbeinig mitten über den kleinen schwarzen Hund! Boxer sagte nichts dazu, aber er warf einen Blick rings um sich, solch einen Allgemeinblick, wie ihn kein ernster Schauspieler beredter und verächtlicher loslassen kann! Die würdige Haltung stand zwar zu seinem ziemlich gemeinen Gesichtsausdruck in einem außerordentlichen Widerspruch, der zum Lachen reizte, aber sie wirkte unübertrefflich; in wenigen Sekunden war die Meute der Angreifer nach allen Richtungen zerstoben, und Boxer blieb mit seinem Schützling allein. Einige Augenblicke ließ er diesen noch unter sich stehen, dann zog er schwerfällig sein rechtes Vorderbein über dessen Rücken weg, wandte sich und suchte, ohne umzuschauen, sein früheres Lager wieder auf. Der kleine Schwarze aber lief fröhlich davon.

Aehnliche Fälle, wo Hunde dem Menschen oder anderen Hunden oder Tieren Beistand geleistet haben, kann man nicht selten beobachten. Beistand und Verstellung sind dem Hunde naturgemäß, weil sie beide ihm in seiner früheren Lebensweise angeboren waren. Von jeher mußten sich die einzelnen Glieder eines Rudels im Kampfe gegen wehrhafte Pflanzenfresser beistehen. Aber auch die Verstellung ist ihm etwas Natürliches. Noch heutigen Tages schleppen die Schakale eine Beute ins Gebüsch und sehen erst mit der harmlosesten Miene nach, ob die Luft rein ist. Es könnte ja sonst sein, daß ihnen ein Mensch oder ein großes Raubtier die Beute entrisse. Da ferner der Leiter des Rudels als unbeschränkter Herrscher diejenigen straft, die sich seinen Befehlen nicht fügen, so hat sich der Hund von jeher daran gewöhnt, seinen Gebieter durch Verstellung zu täuschen.

[26]. Leistungen der Hunde zum Nutzen der Menschen.

Ueber Polizei- und Blindenhunde ist schon an einer früheren Stelle gesprochen worden. Allgemein dürfte bekannt sein, daß im Weltkriege viele Soldaten durch Sanitätshunde gerettet worden sind.

Die Sanitätshunde haben ihre Vorläufer in den sogenannten Bernhardinerhunden. Das Ueberschreiten des Bernhardpasses ist wegen der Unbilden der Witterung sehr gefahrvoll. Deshalb besteht dort ein Hospiz zur Pflege und Rettung der Reisenden. Jeden Tag gehen zwei Knechte mit Hunden über die gefährlichen Stellen des Passes. Groß ist die Zahl der durch diese klugen Hunde Geretteten. Der berühmteste Hund der Rasse war Barry, das unermüdlich tätige und treue Tier, das in seinem Leben mehr denn vierzig Menschen das Leben rettete. Er ist im Museum von Bern ausgestellt.