Die Katze

[30]. Hund und Katze waren beide früher Raubtiere. Warum sehen sie trotzdem so verschieden aus?

Peter hatte, wie wir sahen, ein kleines Geplänkel mit des Nachbars Katze. Wir wollen uns diese einmal etwas näher betrachten.

Wie damals sitzt sie in dem Kellereingang und läßt sich die warme Morgensonne auf den Pelz scheinen. Schlecht scheint es ihr wirklich nicht zu gehen, denn sie ist kräftig und sieht ganz wohlgenährt aus. Das ist auch nicht weiter wunderbar, denn in einem Kohlenkeller pflegt es stets Mäuse zu geben. Der Kohlenhändler hält sie wohl auch deswegen. Uebrigens ist uns die Katze schon seit längerer Zeit bekannt. Sie ist etwa ebenso alt wie Peter und in Wirklichkeit ein Männchen, also ein Kater, der »August« genannt wird.

Fassen wir das Tier ins Auge, so fällt uns namentlich folgendes auf. Erstens: der kleine Kopf mit den Schnurrhaaren. Zweitens: die zierliche, kräftige und runde Form des Rumpfes. Drittens: Füße und Schwanz fügen sich übereinstimmend in dieses Bild. Die Füße sind fast bedeckt und der Schwanz geht im Bogen nach vorn. Viertens: bewundernswert ist bei der Gesamterscheinung die unerschütterliche Ruhe, da am Körper sich nicht das geringste bewegt. Ein aus Erz gegossenes Kunstwerk könnte sich kaum regungsloser verhalten.

Doch diese Leblosigkeit ist nur Schein, denn sie beruht auf einer außerordentlichen Beherrschung aller Muskeln. Jetzt kommt Leben in August, denn seine Herrin, deren Liebling er ist, kehrt von einem Gange zurück. Das Schmeicheln der Katzen ist, wie wir jetzt sehen, ganz anders wie das der Hunde. Ein Hund, der sich bei seinem Herrn beliebt machen will, springt an ihm herauf und sucht beide Vorderpfoten auf seine Beine zu legen. Der Kater dagegen läuft hin und her und reibt sich dabei an den Kleidern seiner Herrin, wobei er den Schweif hochgestellt hält. Ständen wir ganz dicht dabei, so würden wir August auch schnurren hören.

Doch seine fleißige Herrin hat nicht lange Zeit, sich mit August weiter zu beschäftigen. Sie hat aber ihrem Lieblinge einen Leckerbissen mitgebracht, den der Kater jetzt frißt. Hierbei fällt uns der merkwürdige Unterschied des Fressens beim Hund und der Katze auf. Einen solchen Happen, anscheinend ein kleines Stück von einem größeren Fisch, würde ein Hund im Nu verschlungen haben. Der Kater dagegen braucht eine ganze Weile, ehe er den Happen bewältigt hat. Nach unseren Begriffen ißt die Katze gesittet, während der Hund ein roher Schlinger ist. Wir müssen an das Sprichwort denken: »Iß wie eine Katze und trink' wie ein Hund.« Nach dem Essen putzt sich August, indem er sich gewissermaßen »wäscht«. Nach dem Volksglauben bedeutet es bekanntlich, daß Besuch eintrifft, wenn die Katze sich wäscht.

Dieses Waschen bewerkstelligt August in folgender Weise, wie wir beobachten können. Er macht eine Pfote mit der Zunge feucht und benutzt diese angefeuchtete Pfote als Schwamm, um seinen Kopf und andere Körperteile, soweit er reicht, damit zu reinigen.

Nachdem August so sein Aeußeres wieder in Ordnung gebracht hat, betrachtet er zunächst die Welt anscheinend mit der Ruhe eines Weltweisen.

Da August ein kräftiges Tier ist, so hat er vor Durchschnittshunden keine Furcht. Er hat seinen Nachbarn Peter längst durchschaut und weiß, daß dieser wohl im Blaffen groß, aber kein furchtloser Draufgänger ist. Für gewöhnlich macht er bei der Annäherung von Hunden kaum einen Buckel. Dagegen zieht er sich vor einem ausnehmend scharfen Dachshunde, der mit Schmarren bedeckt ist und um die Ecke wohnt, regelmäßig zurück. Da August jetzt seiner Herrin in den Keller gefolgt ist, so wollen wir zunächst uns das, was wir bei ihm erschaut haben, zu erklären suchen.