Hund und Katze sind beide Raubtiere, wie wir wissen. Aber sie wenden ganz verschiedene Mittel an, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Der Hund spürt mittels seiner feinen Nase einen Pflanzenfresser auf, wie noch jetzt seine wilden Verwandten, die Wölfe und andere hundeartige Tiere, und sucht ihn durch seine Schnelligkeit zu erbeuten. Er ist, wie wir schon sagten, ein Hetzraubtier.

Ganz anders verfährt die Katze. Ueber ihre Abstammung soll später gesprochen werden. Jedenfalls gleicht sie heute noch ihrer nahen Verwandten, der europäischen Wildkatze, fast in allen Stücken. Gleich dieser hat sie erstens keine feine Nase, um eine Hasenspur zu verfolgen, wie ein Hund. Sähe sie aber wirklich im Felde einen Lampe, wie man den Hasen nennt, so denkt sie nicht daran, wie ein Hund hinterher zu laufen. Dazu ist sie nicht schnell genug. Sie kann zwar sehr schnell einige Sprünge machen, aber ein Dauerläufer ist sie nicht.

Während also der Hund den Weg der offenen Gewalt einschlägt, verabscheut die Katze diese Fangart und bekennt sich zur Anwendung der List. Sie sagt sich: warum soll ich dem Hasen nachlaufen, den ich doch nicht einhole? Viel einfacher ist es, wenn ich mir den Hasen kommen lasse.

Und unsere Mieze hat mit ihrer Fangart außerordentlichen Erfolg. Das weiß jeder Jäger, wie gefährlich gerade wildernde Katzen dem Wildstande sind.

Man sollte meinen, daß Hasen, Rebhühner und anderes Wild nur die Stellen zu meiden brauchten, wo eine Katze sitzt. Aber die Katze ist eine solche Meisterin in ihrer Fangart, daß sie selten ohne Erfolg bleibt.

Bricht die Dämmerung herein, so verspürt der Hase, der auch ein nächtliches Tier ist, Hunger im Magen. Er will sich deshalb auf das Feld begeben, um sich an dem saftigen Klee und anderen Gewächsen zu laben. Zu diesem Zwecke läuft er gewisse Steige, sogenannte Pässe, entlang, wie ja auch der Mensch mit Vorliebe Straßen benutzt. Vorsichtig prüft er erst mit der Nase, ob er nicht irgendeinen Räuber entdecken kann. Aber seine Nase kann nichts Feindliches feststellen. Noch mehr verläßt sich der Hase auf sein feines Gehör. Nicht umsonst hat er die langen Löffel (Ohren). Aber auch die Ohren können ihm keine Gefahr melden. Nicht das geringste Geräusch ist zu vernehmen.

So hoppelt denn unser Lampe mit Seelenruhe seinen Paß entlang. Trotzdem ist es sein letzter Weg. Denn hinter einer bewachsenen Erhöhung überfällt ihn blitzschnell eine verwilderte Katze und trotz seines wie Kindergeschrei klingenden Quäkens endet er bald sein Leben unter ihrem Gebiß und ihren Prankenschlägen.

Vergegenwärtigen wir uns diese Räubertätigkeit der Katze als vollendeter Schleicherin, so wird uns ihre Gestalt und ihr Verhalten vollkommen klar.

Eine Schleicherin muß scharf sehen können, ob sich das Opfer nähert. Die Katze ist daher ein Augentier, das ein scharfes Sehvermögen, aber nur einen mäßigen Geruchssinn besitzt. Die Nase braucht daher nicht so ausgebildet zu sein wie beim Hunde. Infolgedessen erscheint der Kopf rund. Das ist für eine im Gebüsch harrende Schleicherin von Vorteil, denn ein langer Kopf wäre schwerer zu verbergen.

Wer sich ferner nicht verraten will, der muß ganz geräuschlos auftreten und darf kein Zappelphilipp sein. Die Katze versteht das. Ihr Auftreten ist so geräuschlos, daß man selbst im Zimmer bei schärfster Aufmerksamkeit das Gehen einer Katze nicht hört.