Diese Verhältnisse waren mir genau bekannt. Ich war daher aufs äußerste erstaunt, als ich am hellen Nachmittage etwa gegen 4 Uhr erst eine und dann später noch zwei andere Katzen aus dem Dorfe wandern sah, um ihrer Jagdlust zu frönen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt.
Mir ging die Sache nicht aus dem Kopfe, und ich grübelte darüber nach, was wohl die Katzen veranlaßt haben mochte, sich einer so augenscheinlichen Gefahr auszusetzen. Es war ein wunderschöner Tag, und kein Wölkchen am Himmel sichtbar. Gegen Abend änderte sich plötzlich das Bild. Es zog ein schweres Gewitter auf, und in der Nacht regnete es in Strömen.
Jetzt wurde mir das Verhalten der Katzen klar. Sie hatten den Wetterumschlag bereits gefühlt und, da sie bei Regen nicht auf Jagd ausgehen, sich entschlossen, sich lieber am hellen Tage der Gefahr auszusetzen, als auf die Jagd zu verzichten. Aehnliche Fälle habe ich noch mehrfach erlebt, so daß für mich kein Zweifel besteht, daß manche Tiere ein Vorgefühl für einen Wetterumschlag besitzen, der dem Durchschnittsmenschen abgeht.
Ein solches Vorgefühl treffen wir namentlich bei den Tieren an, denen das bevorstehende Wetter gesundheitlichen oder sonstigen Schaden bringen kann. So ist es bekannt, daß, wenn Kaninchen am Tage eifrig auf Nahrungssuche ausgehen, baldiger Regen zu vermuten ist. Denn auch das Kaninchen ist sonst ein nächtliches Tier. Ferner ist es wie die Katze empfindlich gegen Regen.
Ein besonders feines Vorgefühl finden wir bei den Vögeln, namentlich den Raubvögeln. Für den Raubvogel ist es eine Lebensfrage, rechtzeitig den eintretenden Wetterumschlag zu kennen, denn mit Flügeln, die mit Wasser beschwert sind, kann er nichts fangen, auch sind dann wenige Friedvögel zu erblicken. Es ist daher kein Wunder, daß es im Altertum, wo man die Tiere weit eifriger beobachtete als zu unseren Zeiten, eine besondere Kaste der Vogelflugdeuter, die sogenannten Auguren, gab.
Die an sich ganz richtige Beobachtung, daß gewisse Tiere einen Wetterumschlag im voraus fühlen, ist den Gebildeten dadurch unglaubwürdig geworden, weil man durch ganz haltlose Zusätze den wahren Kern verdunkelt hat. Nebenbei bemerkt wollen Leute, die an Migräne und ähnlichen Krankheiten leiden, einen solchen Wetterumschlag ebenfalls im voraus empfinden.
Das Vorgefühl kann sich natürlich nur auf die nächsten vierundzwanzig Stunden erstrecken. Es ist daher geradezu albern, wenn man alljährlich in vielen Zeitungen lesen kann: Da die Zugvögel uns sehr zeitig verlassen, so steht uns ein strenger Winter bevor. Oder das Bevorstehen von starkem Frost wird damit begründet, daß die Bienen ihre Wohnung besonders stark gegen Kälte abschließen.
Noch größer aber war die Torheit, daß man bei vielen Völkern den Schluß zog: Wenn das Tier weiß, wie das zukünftige Wetter ausschaut, so kann es überhaupt in die Zukunft sehen. Ehe man etwas Wichtiges unternahm, schaute man daher auf die Vögel, ob sie sich dem Unternehmen durch ihr Benehmen günstig oder ungünstig erwiesen.
Diesen Schluß hat man auch für das Benehmen der Katze gezogen, was natürlich Aberglauben ist. Wahr dagegen ist folgendes:
Die Katze fühlt voraus, daß für die nächsten vierundzwanzig Stunden das Wetter schön bleibt oder wenigstens kein Regen eintritt. Sie beabsichtigt daher, einen Ausflug zu machen und putzt sich daher vorher zu diesem Zwecke. Tatsächlich bleibt das Wetter an diesem Tage schön, und die in der Nähe wohnenden Lehmanns sagen daher: »Bei dem schönen Wetter wollen wir heute Schulzes besuchen.« Diesen Schulzes gehört die sich putzende Katze. Beim Eintritt der Familie Lehmann sagen sie: »Wir wußten, daß heute Besuch kommt, denn unsere Mieze hat sich so sorgfältig geputzt.« Richtig wäre es, wenn Schulzes sagten: »Unsere Mieze hat sich heute sorgfältig geputzt und ist in die Felder gegangen. Da Katzen aus Furcht vor Regen nur dann einen größeren Ausflug machen, wenn das Wetter in den nächsten Stunden schön bleibt, so war das also vorläufig anzunehmen. Bei schönem Wetter kommt leicht Besuch. Daher wundern wir uns nicht, daß ihr uns heute besucht!« Ein Kern von Berechtigung ist also in dem alten Glauben enthalten. Natürlich hätten Schulzes auch auf das Benehmen anderer Tiere hinweisen können. Wenn Bienen schwärmen oder Spinnen ihr Netz erneuern, kann man ebenfalls annehmen, daß vorläufig das Wetter schön bleibt.