Solche Fälle wie der eben geschilderte sind sehr häufig vorgekommen. Auch Katzenmütter haben Aehnliches geleistet.
Einen reizenden Anblick gewährt es, eine Katzenmutter inmitten des Kreises der Ihrigen zu beobachten. Keine Menschenmutter, schreibt ein bekannter Naturforscher, kann mit größerer Zärtlichkeit und Hingebung der Pflege ihrer Kinderchen sich widmen als die Katze. In jeder Bewegung, in jedem Laute der Stimme, in dem ganzen Gebaren gibt sich Innigkeit, Sorgsamkeit, Liebe und Rücksichtnahme nicht allein auf die Bedürfnisse, sondern auch auf die Wünsche der Kinderchen kund. Solange diese klein und unbehilflich sind, beschäftigt sich die Alte hauptsächlich nur mit ihrer Ernährung und Reinigung. Behutsam nähert sie sich dem Lager, vorsichtig setzt sie ihre Füße zwischen die krabbelnde Gesellschaft, leckend holt sie eines der Kätzchen nach dem anderen herbei, um es an das Gesäuge zu bringen, ununterbrochen bestrebt sie sich, jedes Härchen glatt zu legen, Augen und Ohren, selbst den After reinzuhalten. Noch äußert sich ihre Liebe ohne Laute: sie liegt stumm neben den Kleinen, spinnt höchstens dann und wann, gleichsam um sich die Zeit, welche sie den Kinderchen widmen muß, zu kürzen. Scheint es ihr nötig zu sein, das Lager zu wechseln, so faßt sie eines der Kätzchen mit zartester Behutsamkeit an dem faltigen Felle der Genickgegend, mehr mit den Lippen als mit den scharfen Zähnen zugreifend, und trägt es, ohne daß ihm auch nur Unbehagen erwächst, einem ihr sicherer dünkenden Orte zu, die Geschwister eilig nachholend. Ist sie sich der Freundlichkeit ihres Herrn bewußt, so läßt sie es gern geschehen, wenn dieser sie bei solcher Umlegung der Jungen unterstützt, fügt sich seinem Ermessen oder geht, bittend miauend, ihm voraus, um das ihr erwünschte Plätzchen zu zeigen. Die Jungen wachsen heran, und die Mutter ändert im vollsten Einklange mit dem fortschreitenden Wachstume allgemach ihr Benehmen gegen sie. Sobald die Aeuglein der Kleinen sich geöffnet haben, beginnt der Unterricht. Noch starren diese Aeuglein blöde ins Weite; bald aber richten sie sich entschieden auf einen Gegenstand: die ernährende Mutter. Sie beginnt jetzt, mit ihren Sprößlingen zu reden. Ihre sonst nicht eben angenehm ins Ohr fallende Stimme gewinnt einen Wohlklang, welchen man ihr nie zugetraut hätte; das »Miau« verwandelt sich in ein »Mie«, in welchem alle Zärtlichkeit, alle Hingebung, alle Liebe einer Mutter liegt; aus dem sonst Zufriedenheit und Wohlbehagen oder auch Bitte ausdrückenden »Murr« wird ein Laut, so sanft, so sprechend, daß man ihn verstehen muß als den Ausdruck der innigsten Herzensliebe zu der Kinderschar. Bald auch lernt diese begreifen, was der sanfte Anruf sagen will: sie lauscht, sie achtet auf denselben und kommt schwerfällig, mehr humpelnd als gehend, herbeigekrochen, wenn die Mutter ihn vernehmen läßt. Die ungefügen Glieder werden gelenker, Muskeln, Sehnen und Knochen fügen sich allgemach dem erwachenden und rasch erstarkenden Willen: ein dritter Abschnitt des Kinderlebens, die Spielzeit der Katze, beginnt. Diese Spielseligkeit der Katze macht sich schon in frühester Jugend bemerklich, und die Alte tut ihrerseits alles, sie zu unterstützen. Sie wird zum Kinde mit den Kindern, aus Liebe zu ihnen, genau ebenso, wie die Menschenmutter sich herbeiläßt, mit ihren Sprößlingen zu tändeln. Mit scheinbarem Ernst sitzt sie mitten unter den Kätzchen, bewegt aber bedeutsam den Schwanz. Die Kleinen verstehen zwar diese Sprache ohne Worte noch nicht, werden aber gereizt durch die Bewegung. Ihre Aeuglein gewinnen Ausdruck, ihre Ohren strecken sich. Plump täppisch häkelt das eine und andere nach der sich bewegenden Schwanzspitze; dieses kommt von vorn, jenes von hinten herbei, eines versucht über den Rücken wegzuklettern und schlägt einen Purzelbaum, ein anderes hat eine Bewegung der Ohren der Mutter erspäht und macht sich damit zu schaffen, ein fünftes liegt noch unachtsam am Gesäuge. Die gefällige Alte läßt, mit mancher Menschenmutter zu empfehlender Seelenruhe, alles über sich ergehen. Kein Laut des Unwillens, höchstens gemütliches Spinnen macht sich hörbar. Solange noch eines der Jungen saugt, wird es verständnisvoll bevorzugt; sobald aber auch dieses sich genügt hat, sucht sie selbst die kindischen Possen, zu denen bisher nur die sich bewegende Schwanzspitze aufforderte, nach Kräften zu unterstützen. Bald liegt sie auf dem Rücken und spielt mit Vorder- und Hinterfüßen, die Jungen wie Fangbälle umherwerfend; bald sitzt sie mitten unter der sich balgenden Gesellschaft, stürzt mit einem Tatzenschlage das eine Junge um, häkelt das andere zu sich heran und lehrt durch unfehlbare Griffe der trotz aller Unruhe achtsamen Kinderschar sachgemäßen Gebrauch der krallenbewehrten Pranken; bald wieder erhebt sie sich, rennt eiligen Laufes eine Strecke weit weg und lockt dadurch das Völkchen nach sich, offenbar in der Absicht, ihm Gelenkigkeit und Behendigkeit beizubringen. Nach wenigen Lehrstunden haben die Kätzchen überraschende Fortschritte gemacht. Von ihren gespreizten Stellungen, ihrem wankenden Gange, ihren täppischen Bewegungen ist wenig mehr zu bemerken. Im Häkeln mit den Pfötchen, im Fangen sich bewegender Gegenstände bekunden sie bereits merkliches Geschick. Nur das Klettern verursacht noch Mühe, wird jedoch in fortgesetztem Spiele binnen kurzem ebenfalls erlernt. Nunmehr scheint der Alten die Zeit gekommen zu sein, auch das in den Kinderchen noch schlummernde Raubtier zu wecken. Anstatt des Spielzeuges, zu welchem jeder leicht bewegliche Gegenstand dienen muß, anstatt der Steinchen, Kugeln, Wollflecken, Papierfetzen und dergleichen, bringt sie eine von ihr gefangene, noch lebende und möglich wenig verletzte Maus oder ein erbeutetes, mit derselben Vorsicht behandeltes Vögelchen, nötigenfalls eine Heuschrecke in das Kinderzimmer. Allgemeines Erstaunen der kleinen Gesellschaft, doch nur einen Augenblick. Bald regt sich die Spiellust mächtig, kurz darauf auch die Raublust. Solcher Gegenstand ist denn doch zu verlockend für das bereits wohlgeübte Raubzeug. Er bewegt sich nicht bloß, sondern leistet auch Widerstand. Hier muß derb zugegriffen und festgehalten werden; soviel ergibt sich schon bei den ersten Versuchen, denn die Maus entschlüpfte dem jungen Kätzchen, das sie doch sicher gefaßt zu haben vermeinte, überraschend schnell und konnte nur durch die achtsame Mutter an ihrer Flucht gehindert werden. Der nächste Fangversuch fällt schon besser aus, bringt aber einen empfindlichen Biß ein: Miezchen schüttelt bedenklich das verletzte Pfötchen. Doch schon hat Hänschen die Unbill gerächt und den Nager so fest gepackt, daß kein Entrinnen mehr möglich ist. So bildet sich das Kätzchen allmählich zur vollendeten Mäusefängerin heraus.
Zu der vorstehenden naturwahren Schilderung möchte ich bemerken, daß es ganz irrig wäre, den Unterricht der Menschen und den der Tiere gleichzustellen. Der Unterricht bei den Tieren hat immer Erfolg. Er kann auch ganz fehlen und bezweckt demnach nur eine Beschleunigung des Lernens. Von dem Unterricht der Menschen läßt sich nicht das gleiche behaupten. Unser Unterricht steht vielmehr der Dressur der Tiere gleich, die häufig genug erfolglos ist.
[43]. Die Feinde der Katze.
Wie uns Fräulein Bachmann erzählt, hat ihr Hans wiederholentlich Kämpfe mit Hunden ausgefochten. Namentlich ist es zu Zusammenstößen gekommen, wenn sie ihn nach dem Kohlenplatz brachte. Einmal habe sie rettend eingreifen und ihren Liebling flink in einen Korb stecken müssen. Sonst aber habe er sich seinen Gegnern überlegen gezeigt.
Außer den Hunden hat die Katze in allen Hundeartigen Feinde. Der Wolf zerreißt sie sicherlich, denn der viel schwächere Fuchs macht Jagd auf Katzen. Erfahrene Förster haben mir immer wieder versichert, daß man eine Fuchsfalle mit keinem besseren Leckerbissen versehen könne als mit einem Stück Katzenfleisch. Zwei Füchse überwältigen jede Katze, wenn sie sich nicht schnell auf einen Baum rettet. Die einzelne Katze ist vor dem Fuchs nur sicher, wenn sie sehr stark ist.
Noch schlimmere Feinde drohen der Katze in ihrer eigenen Verwandtschaft. Wie der starke Wolf nicht der Freund des Fuchses ist, sondern ihn verzehrt, wenn er ihn packen kann, so sind die größeren Katzenarten die gefährlichsten Feinde der kleineren. Ein Naturforscher, der einen gezähmten Luchs besaß, berichtet, daß er gegen nichts größeren Haß besaß als gegen Hauskatzen. Alle auf seinem Besitztum befindlichen Katzen wurden von ihm zerrissen, ebenso die Katzen in der Nachbarschaft.
Jede Katze weiß auch, daß ihr Gefahr von einer größeren Katzenart droht. Der Bildhauer Urs Eggenschwyler, von dem wir früher erzählten, daß ein Ziehhund mit seinem zahmen Löwen raufen wollte, hat das oft beobachtet. Während der Ziehhund infolge seines schwachen Gesichts den jungen Löwen gar nicht als Löwen erkannte, flüchteten alle Katzen schon von weitem, sobald sie den gefährlichen Verwandten zu Gesicht bekamen.
Auch hier kann man wiederum beobachten, daß die Katze ein ausgezeichnetes Sehvermögen besitzt, ganz im Gegensatz zum Hunde. Uebrigens ist dem Volk das längst aufgefallen, wie wir aus dem später angeführten Sprichwort ersehen.