Unter Jussufs Führung lernten wir Biskra so sehen, wie man es sehen muß, um die Oase liebzugewinnen. Oh, diese unvergeßlichen Schlenderstunden in Alt-Biskra! Diese köstlichen Vormittagswanderungen durch seine verträumten Gassen! Die Morgensonne zaubert zartrosa Reflexe auf die gelben, primitiven, oft geborstenen Lehmwände. Stolze Palmenhäupter neigen sich in der frischen Brise grüßend darüber. Meist führen die kapriziös gewundenen Wege an der langsam dahingleitenden Seguia[5] entlang, die unter den Häusermauern hindurch in kleinen Rinnsalen ihr kostbares Naß in die Gärten sendet. Straßenweit manchmal kein lebendes Wesen zu erblicken. Kein anderer Ton zu vernehmen als das melancholische Murmeln eines Brunnens.

Unter Straßenüberbrückungen, in denen kühler Schatten nistet, liegen graue Gestalten, in den Burnus gehüllt, die Kapuze über das Gesicht gezogen. Selbst in der Nähe von dem Erdboden kaum zu unterscheiden. Schlafen, wachen, träumen sie? Wir streifen hart an ihnen vorüber. Aber nicht die leiseste Bewegung verrät, daß Leben in ihnen wohnt.

Auf der Plattform eines Hauses steht eine vermummte Frauengestalt. Auch sie reglos, wie zu Stein erstarrt. Doppelt phantastisch wirkend unter einer zu lautem Jubel herausfordernden Sonne.

Ein gehaltenes Sprechen dringt an unser Ohr. Stimmen, die erwidern. Wir gehen dem Klange nach und finden in dem Erdgeschoß eines Hauses etwa zwölf Männer versammelt. Im Kreise sitzen sie auf dem mit Matten bedeckten Boden um einen Mann mit einem Patriarchenkopf. Er ist ein Gelehrter, der einzige aus der Versammlung, der die Kunst des Lesens beherrscht. Mit gedämpfter Stimme trägt er einen Satz aus dem Koran vor, und unter Fragen und Antworten, Reden und Gegenreden wird dieser Satz nun von allen Seiten beleuchtet und zerpflückt.

»Sie stören nicht. Treten Sie nur ein,« redet uns Jussuf zu.

So wagen wir uns über die Schwelle, in den kahlen, halbdunklen Raum, dessen Türe weit offen steht. Und in der Tat, nicht ein Auge wendet sich nach den Eindringlingen. Es ist, als ob wir gar nicht existierten.

Ein paar der Jünger gehen. Voller Ehrfurcht pressen sie einen Kuß auf den Burnus des Meisters, schlüpfen in ihre Pantoffeln, die sie innerhalb des Einganges abgelegt haben, und verlassen lautlosen Schrittes den Raum.

In einer anderen Gasse empfangen uns fröhliche Kinderstimmen. Entzückende kleine Buben stürzen auf uns zu. Zartgliedrig sind sie, sonngebräunt, mit kecken Gesichtern und dem schwarzen Haarbüschel mitten auf dem Kopf, an dem Allah sie einst zu sich holt. Und sie werden von ebenso kecken kleinen Mädchen verdrängt, mit feinen, weichgerundeten Gliedern, auffallend schlanken, schöngeformten Händen und Füßen und großen dunklen Augen, die eine lebhafte und kokette Sprache reden. Die kleinen Jungens oft ganz nackt oder mit einem viel zu großen Burnus angetan, die Mädchen in bunte Lumpen gehüllt. Sie alle wollen von den Fremden Backschisch. Und eine lustige Szene entwickelt sich, wenn eines der ihnen zugeworfenen Geldstücke vom schmalen Weg hinab in das Bett der Seguia rollt und der ganze Kindertroß im nächsten Moment in der kühlen Flut sich balgt, um den Ausreißer zu erwischen.

An der Seguia in Biskra