Biskra
»Königin des Ziban«, »Königin der Wüste« wird diese Oase in der bilderreichen arabischen Sprache genannt. Aber ich glaube, mancher, den diese Benennung gefangen genommen, der sich danach im Geist bereits ein Bild fertig ausgemalt hatte, wird im ersten Augenblick, da er den Ort kennen lernt, tiefenttäuscht sein. Unsere Gedankenverbindung geht nun einmal dahin, daß wir uns unter einer »Königin« etwas ganz Herrliches, Vornehmes, Unnahbares vorstellen. Eine rechte Königin muß Majestät um sich verbreiten, muß im goldgestickten Kleide mit der schimmernden Krone auf dem Haupte erscheinen. Diese wichtigen Tribute fehlen der »Königin des Ziban«. Man könnte die Oase eher mit einer schönen jungen Araberin vergleichen. Vom Kopf bis zu den Füßen in einen Schal gehüllt, der nichts als ein vielversprechendes Auge freiläßt. Sinkt die Hülle, so zeigt sie ein fesselndes Gesicht von dunklem Haar umrahmt und edle Formen, die von Schönheit und Grazie erzählen: So ist Biskra.
Die Ankunft auf dem kleinen, schmutzigen Bahnhof, der so verloren auf der öden Strecke liegt, der Weg in die Stadt auf schlechter, schattenloser Straße, das französische Viertel, das man zuerst erblickt, nicht Dorf, nicht städtisch, bilden den verhüllenden und wenig schönen Mantel. Und wer als flüchtiger Tourist Biskra besucht, wer bei der Ankunft schon festgesetzt hat, welcher Zug ihn am zweiten oder dritten Tage wieder über das Auresgebirge zurücktragen soll, der mag wohl in den seltensten Fällen den wirklich ungewöhnlichen Reiz dieser Oase kennen lernen. In seiner Erinnerung mag sie nur als eine von den vielen mittelmäßig Schönen weiterleben, die ihm auf langer Reise begegnet sind. Aber dem, der an sie glaubt, der nicht nach dem ersten Eindruck den Stab über sie bricht, der bleibt und um ihre Gunst sich bemüht, für den sinkt die störende Hülle, und den lohnt sie reich und verschwenderisch wie eine echte Königin mit all ihrer Schönheit.
Welch wundervolles Gefühl liegt allein in dem Bewußtsein an jedem Morgen: Heute wird der Himmel wieder blauen, die Sonne wieder scheinen!
Dort, in gar nicht weiter Ferne, hinter der Gebirgskette wehen eisige Winde, Schneegestöber füllt vielleicht die Täler. Über den himmelwärts strebenden Kuppen hängen schwere graue Wolken. Aber wie von unsichtbarer Hand werden sie dort festgehalten. Keine wagt sich herüber. Ein strahlendes, wolkenloses Firmament dehnt sich über Biskra, über die endlose dahinter liegende Sahara.
Jussuf ben Saad wurde unsere rechte Hand in Biskra. Durch Freunde, bei denen er längere Zeit sein Amt als Führer ausgeübt hatte, war er uns empfohlen. Wir wußten also, was wir an ihm hatten. Über mittelgroß, schlank gewachsen wie alle Araber, mit einer Art Raubvogelphysiognomie, durch leichte Pockennarben gezeichnet und in jeder freien Minute Zigaretten rauchend, das ist Jussufs äußerer Steckbrief. Seine Kollegen mochten ihn nicht gern. Sie machten ihm zum Vorwurf, daß er die Interessen der Fremden zu sehr vertrat, die sich ihm anvertrauten. Denn warum diesen Fremden irgend etwas sparen helfen, da sie doch gekommen waren, um Geld zu verausgaben? Das war die Ansicht, der sie huldigten. Aber Jussuf war stolz auf seinen Ruf und tat sein möglichstes, ihn zu erhalten. Dabei mag ihm dies gerade in jener Zeit nicht ganz leicht gefallen sein, denn er war in Geldnöten. Er hatte sich wieder einmal eine Frau gekauft. Es war die dritte. Von der ersten hatte er sich scheiden lassen, weil er sie nicht mehr leiden mochte. Die zweite liebte er sehr. Aber sie hatte die schlechte Angewohnheit, ihn während des Schlafes zu bestehlen. Für das Geld kaufte sie sich Schmuck oder sie gab es ihren Eltern. Da alle Schläge – das beliebte und häufig angewandte Erziehungsmittel des Arabers – nichts halfen, sandte er sie wieder nach Hause zurück. Und nun hatte er, wie gesagt, sich Nummer drei zugelegt. Bei den Arabern ist es streng verpönt, über ihre Frauen, überhaupt über Familienangelegenheiten zu sprechen. Aber Jussuf war schon so weit europäisiert, daß er antwortete, wenn man ihn über diesen Punkt befragte. Und so erfuhr man, daß die Frau gerade dreizehn Jahre geworden und schön, sehr schön sei. Und daß er unter verschiedenen Bewerbern als Sieger hervorgegangen war, weil er den höchsten Preis geboten hatte, nämlich 1500 Franken. Da er nicht soviel an Vermögen besaß, hatte er nur einen Teil der Summe bezahlt, und der Rest sollte in Raten beglichen werden. Konnte er diese nicht innehalten, so kamen ohne Frage die Eltern und holten ihr schönes Töchterchen wieder nach Hause. Das waren keine ergötzlichen Aussichten. Aber trotz seiner großen Verliebtheit und seiner Geldsorgen stand Jussuf auf der Höhe der Situation. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein war er uns ein freundlicher und williger Cicerone. Öfter kam es vor, daß man ihn für den Rest eines Tages entließ, weil man glaubte, seiner nicht mehr zu bedürfen. Wünschte man dann eine Weile später aus irgendeinem Grunde ihn doch zu haben, so stand er sicher, wie dahin gezaubert, wieder vor dem Hotel. Und niemals empfand man seine Gegenwart störend, wie dies so oft bei europäischen Führern der Fall ist. Er wußte genau, wann er reden und wann er schweigen sollte. Er verstand die große Kunst, sich unbemerkt zu machen, ohne als untergeordnetes Wesen zu erscheinen.
Jussuf