Wir setzten unsere Pferde in Trab, um das Wasser, dessen Wellenschlag man zu vernehmen glaubte, zu erreichen. Aber mit jedem Schritte, den wir näherkamen, veränderte sich das Bild, ward unklarer, verblaßte, bis schließlich nichts mehr übrigblieb als eine große, glänzende Fläche – der Schott[11] Merouan. Über seinem mit Salzkristallen bedeckten Boden hatte die Sonne diese köstliche Fata Morgana hervorgezaubert.

Eine neue, fremdartige Szenerie fesselte nun das Auge. Zur Linken der unübersehbare Schott mit seinen phantastischen Luftspiegelungen, zur Rechten ein weites, völlig ebenes Land, das streckenweise im nordischen Winterkleide zu liegen schien. Die hohen Palmen, die niedrigen Büsche, die dürftigen Gräser, alles sah aus, als wäre es mit Rauhreif bezogen. Und weiter gen Süden tauchten als dunkle Zeichnung auf lichtem Grund die zahlreichen Oasen des Oued Rir auf.

Bei der Wäsche

Dumpf und hohl klangen die Hufschläge der Pferde und das Trappeln der Maultiere auf der Straße, die sich längere Zeit an diesem blendenden Sumpfgebiet entlang windet, das etwa zwanzig Meter unter dem Meeresspiegel liegt.

In der Mittagsstunde erreichten wir Ourir, eine große Plantage im Besitze der Société du Sud-Algérien. Man bemerkte sofort: hier herrschte ein anderer Geist, zielbewußter, exakter als der des wenig tatkräftigen Arabers.

Auf einer breiten, vorzüglich gehaltenen Straße gelangten wir zur Bordj, deren einer Flügel für den französischen Verwalter der Oase und dessen Familie als Wohnung eingerichtet ist. Durch die überaus liebenswürdige Gastfreundschaft dieser Menschen knüpfen sich für uns an Ourir die angenehmsten Erinnerungen. Der dringlichen Aufforderung, als Mittagsgäste zu bleiben, wichen wir allerdings aus, ebenso der Einladung, uns an kühler Limonade zu laben, denn wir waren davor gewarnt, das als schlecht und gefährlich bekannte Wasser dieser Gegend in irgendeiner Form zu genießen. Aber mit Dank begrüßten wir die Gaben, mit denen die Hausfrau unseren Tisch bereicherte: frisches Gemüse, zarten Salat, rosige Radieschen und köstliches Obst.

An einer schattigen Stelle in der alten, parkartigen Oase hatte Salem unser Mahl gerichtet, und nachdem wir uns gestärkt und etwas geruht hatten, besichtigten wir unter Führung des Ehepaares verschiedene interessante Dinge in dem Bereich, der ihre Welt bedeutete. Wir machten einen Gang in die große, neue Plantage, die sich im Norden der Bordj ausdehnt, und wir wanderten durch das Dorf der Arbeiter, die sich fast ausschließlich aus Negern rekrutieren. Niedrige Lehmhütten, die die Gesellschaft errichten ließ, bilden ihr Heim. Außen, neben jedem Türeingang, liegen auf einem erhöhten Erdhaufen ein paar Steine. Das ist Herd und Küche zugleich. Nackte Kinder und schwarze, kraushaarige Frauen belebten die schattenlose Dorfgasse. Wir standen staunend vor dem gewaltigen artesischen Brunnen, der aus dem unterirdischen Flusse, dem Oued Rir, die riesigen Wassermengen heraufschafft, die für das Gedeihen der Oase unerläßlich sind; wir sahen den Arbeitern zu, die, hoch oben in den Gipfeln hockend, die Befruchtung der Palmen vornahmen, denn dieses Amt wird nicht dem Zufall überlassen, sondern man bestimmt selbst, welche Art von Früchten der Baum tragen soll.

Die Blüte der männlichen Palme, die in einer schwertförmigen Hülse steckt und der weiblichen Blüte sehr ähnlich sieht, wird geschnitten, sobald der Blütenstaub reif ist, und der feine Puder aus den weißen, faserigen Staubbeuteln wird auf die weibliche Blüte geschüttet. Der Blütenzweig einer männlichen Palme genügt, um eine große Anzahl weiblicher Blüten zu befruchten. Die nicht gebrauchten Blüten werden auf den Märkten verhandelt oder, sorgfältig in Tücher verpackt, bis zur nächsten Befruchtungszeit aufgehoben, die hauptsächlich in die Monate Februar und März fällt. Man kerbt die Palmen und köpft die Bäume, die keine Früchte mehr tragen, und aus dem ausfließenden Safte wird der Palmenwein hergestellt. Ein süßes und erfrischendes Getränk, solange es nicht in Gärung übergegangen ist. Nachher säuerlich und alkoholhaltig genug, um sich einen richtigen Kater damit holen zu können.

Bei einem Glase Lagmi[12] verabschiedeten wir uns von unseren liebenswürdigen Wirten, voll Dank für all die Freundlichkeiten, die sie uns Fremden erwiesen, und voller Bewunderung für die tapfere Art, wie sie ihr einsames Leben lebten auf diesem kleinen grünen Eiland in der unendlichen Weite der Sahara.