Als wir wieder einmal unseren Pferden die Zügel ließen und in herrlichem Galopp dahinflogen – diesen Genuß gönnten wir uns und ihnen etwa einmal in der Stunde –, tauchte unerwartet ein Hindernis vor uns auf: ein kleiner, mit zwei Maultieren bespannter Leiterwagen, der mit einer Anzahl Kinder befrachtet war. Daneben marschierte ein Araber, und die Nachhut bildeten drei weibliche Wesen, die mit nachlässiger Grazie ihre Lumpen im Sande nachschleiften.

Unser plötzliches Näherkommen zerstörte im Nu das friedliche Idyll, und auch unser rasches Anhalten konnte nichts mehr nützen. Erschreckt und völlig kopflos geworden, rasten die Tiere mit dem Gefährt davon. Der Mann lief, was er konnte, um es einzuholen, die Kinder brüllten, die Frauen stießen laute Angstrufe aus und rangen voller Entsetzen die Hände. Ihre vollendete Haltung, ihre großen, edlen Gesten in diesem Augenblick beobachten zu können, bedeutete geradezu einen ästhetischen Genuß. Viele unserer besten Künstlerinnen brauchen Jahre des Studiums, um auch nur annähernd solchen Adel in Gang und Bewegung zu zeigen, wie er diesen braunen Töchtern der Wüste angeboren ist.


An diesem Tage fanden wir wieder ein köstliches Plätzchen für die Mittagspause. Im Schatten der jungen Palmenanlage, zu Füßen der Bordj ben Rezig, die auf einer hohen Düne lagert, wurde das Zelt errichtet. Dichtes Grün zu Häupten, üppiges Grün unter den Füßen, und das leise Murmeln der Seguia zur Seite! Nur wer über die weite, fruchtlose, sonnenverbrannte Ebene der Sahara gewandert ist, kann dies richtig genießen. Und nur wer kennen gelernt hat, was es heißt, mit jedem Tropfen Wasser rechnen zu müssen, weiß die Seguia völlig zu schätzen.

Sehr bald war uns klar geworden, daß wir unsere Anforderungen an Reinlichkeit während der Dauer dieser Reise bedeutend herabsetzen mußten. Ein Bad zu erhalten, war völlig ausgeschlossen. Das Wasser der Brunnen, die wir trafen, war so salzig, daß wir fürchteten, es würde uns die Haut gründlich verderben. Blieb also nur unser gutes Batnawasser. Aber damit hieß es selbstverständlich haushalten, und Jussuf maß es uns nur tropfenweise zu. Mit diesen Punkten hatten wir uns bereits abgefunden. Da mußten wir die unangenehme Entdeckung machen, daß Teller und Küchengeschirr nicht mit heißem Wasser, sondern nur mit Sand gereinigt wurden. Jussuf, Salem, Ahmed, alle waren ganz erstaunt, als wir gegen diese Art von »Abwaschen« Einspruch erhoben. Für sie war es das Natürlichste der Welt. Die Frauen reiben ihre Kinder mit Sand ab, um sie zu säubern, der Nomade, der die Wüste durchwandert, nimmt die vor jedem Gebet vorgeschriebene Waschung mit Sand vor, man reinigt das Geschirr damit. Sie benützten das »Wasser der Wüste«, wie der Sand der Sahara genannt wird. Was war daran auszusetzen?

Zisterne in den Dünen

An uns war die Reihe, uns den herrschenden Verhältnissen anzubequemen. Aber das ging nicht so leicht, trotz allem guten Willen. Und bei der ersten Gelegenheit, hier zu Füßen der Bordj ben Rezig, am Ufer der langsam gleitenden Seguia, feierte unser mühsam unterdrückter europäischer Reinlichkeitssinn ein großes Fest: da wurde gewaschen, geputzt und gescheuert, bis alles vor Sauberkeit strahlte. Befriedigt betrachteten wir unser Werk. Aber Jussuf und Salem und Ahmed, unsere Helfer bei dieser Arbeit, setzten philosophische Gesichter auf, als ob sie sagen wollten: »Wozu all diese Mühe? Morgen ist doch schon wieder alles so wie es vorher gewesen!«

Und wenn man es recht bedenkt, gar so unrecht hätten sie eigentlich nicht gehabt.