Dorf an einem Salzsee

Jussuf liebte diesen jüngsten Bruder zärtlich und brachte es nicht fertig, ihm zu zürnen, selbst wenn dessen Streiche, wie es manchmal geschah, auf seine Kosten gingen. Nur einmal, ja, da hätte seine Geduld doch beinahe versagt. Und das war so gekommen: Ein Fremder, dem Jussuf als Führer diente, hatte sich ein Rennkamel gekauft. Er hatte es sich wunderschön gedacht, auf einem solchen Tier, das fast gar keine Ansprüche macht und mit großer Geschwindigkeit weite Strecken zurücklegt, Ausflüge in die Wüste zu unternehmen. Ob der Besitzer nun nicht die Fähigkeit hatte, dem Kamel seine Wünsche klarzumachen oder – ob diesem am Ende der Reiter nicht paßte und es nicht verstehen wollte? – auf alle Fälle gewann der »Rumi« keine Macht über das Tier. Sobald er auf dessen Rücken saß, fing es an zu laufen und lief und lief, ungeachtet jedes Einspruches, so lange, bis es von selbst nicht mehr mochte. Und so kamen sie meist viel, viel weiter, als es dem Reiter beliebte. Als dieser das Vergebliche seines Mühens einsah, packte ihn ein heftiger Zorn und der Wunsch, das eigensinnige Vieh so schnell als möglich los zu werden. So schenkte er es Jussuf.

Und Jussuf, der seines Führeramtes wegen nicht selbst abkommen konnte, delegierte Muhamed, das Kamel nach Tugurt zu bringen, wo sich ein Käufer dafür gemeldet hatte. Muhamed tat, wie ihm befohlen war. Schon nach kurzer Zeit kam die Nachricht, daß er das Tier für 600 Franken losgeschlagen habe. Nun wartete man natürlich mit Freude und Ungeduld auf die Rückkehr Muhameds, der das schöne Geld bringen sollte. Aber Wochen vergingen, und kein Muhamed kam. Und als er endlich eintraf, kam er zwar lachend und singend in Erinnerung an die herrliche Zeit, die er genossen hatte, aber – mit völlig leeren Taschen. Der Verführungen in Tugurt waren es zu viele gewesen, und den schönen Augen der Ouled Naïls hatte Muhamed nichts abschlagen können. Und damals war es geschehen, daß Jussuf beinahe seine Geduld verloren hätte.


Unter den blendenden Strahlen der Wüstensonne verliert das Auge fast völlig die Fähigkeit, Entfernungen richtig zu bemessen. Häuser, Zelte, Tiere und Gegenstände, denen das grelle Licht die Farbe benimmt und sie dem Erdboden gleichsehend macht, lassen sich erst in allernächster Nähe erkennen. Und die Oasen wiederum, die man nur eine kurze Strecke entfernt glaubt, scheinen sich immer weiter zurückzuziehen.

Der Marsch an diesem Nachmittag glich einer Art Geduldsspiel. War man solch einem schwarzen Schatten am Horizont endlich auf den Leib gerückt, so tauchte auch schon ein neuer auf, und dann wieder einer, und als wir Ourlana erblickten und es schon erreicht zu haben glaubten, hieß es immer noch ein langes Stück Wegs zurücklegen, ehe wir wirklich an Ort und Stelle waren.

Abseits der Oase, mit der Aussicht auf ihre dunkelgrünen Palmenwipfel, schlugen wir das Lager auf. An ein behagliches häusliches Niederlassen aber war noch nicht zu denken.

Hatte unsere Ruhestunde im alten, schattigen Park von Ourir schon etwas unter der Zudringlichkeit der Mücken gelitten, und hatten sie uns in ben Rezig am Ufer der Seguia in unserer Arbeit mit Erfolg zu stören versucht, so wurden sie hier zu einer fast unerträglichen Plage. Die ganze Luft war erfüllt damit. Haufenweise konnte man sie greifen. Sie krochen in Ohren und Nase, und sowie man den Mund öffnete, benutzten sie auch diesen als Schlupfwinkel. Wir dachten ein großes Feuer zu machen, in der Hoffnung, sie dadurch wenigstens in einem kleinen Umkreis zu vertreiben. Aber wie es der Zufall wollte, gerade an diesem Tage war das Brennmaterial knapp. Was wir aus Biskra mitgenommen, war bereits verbraucht. Es war ohnehin wenig gewesen, da Jussuf versichert hatte, es würde sich unterwegs immer genügend davon auftreiben lassen. Diese Behauptung hatte uns höchlich erstaunt. Aber bis jetzt war sie zugetroffen. Gewöhnlich während der letzten Marschstunde sammelten die Kabylen alles, was sie auf dem Wege fanden, Reiser, Wurzelknollen und dergleichen. Wie diese Dinge dahingekommen waren, konnte man sich nicht erklären. Aber sie waren da, und zusammen mit dem harten, halbvertrockneten Gras, das wir überall, wo wir Station machten, vorfanden, hatte es immer für ein tüchtiges Feuer gelangt. Heute aber war die Lese so wenig ergiebig gewesen, daß der Ertrag kaum reichte, um eine bescheidene Mahlzeit dabei herzurichten.