Zwischen der neunten und zehnten Pyramide schlugen wir unser Lager auf. Da wir mit Rücksicht auf die ermatteten Tiere schon frühzeitig den Marsch beendeten, lag ein langer Abend vor uns. Zum Schutze gegen die Kälte, die sich jetzt noch empfindlicher als im Anfang der Reise fühlbar machte, wurde vor dem offenen Speisezelt ein tüchtiges Feuer unterhalten. Wie behaglich es sich da saß, plauderte, träumte! Mit dem Burnus, den wir adoptiert und bereits als eines der praktischsten Kleidungsstücke schätzen gelernt hatten, schien auch etwas von der Natur des Muselmans auf uns übergegangen zu sein. Die nüchternen Klosterzellen, die uns in Tugurt beherbergt hatten, die öden Schlafräume in den Karawansereien, die Dunkelkammer in El-Oued, wie weit lag das alles schon wieder hinter uns! Aber die Erinnerung daran ließ uns die Gegenwart noch bewußter genießen.
Es war ein selten stimmungsvoller Abend. Die Leute, die trotz des ungewöhnlich anstrengenden Marsches und trotz ihrer primitiven Ernährung in bester Verfassung waren, fanden selbst Freude daran, uns ihre eigenartigen Gesänge vorzutragen, jene süßen, aufreizenden, traurigen Lieder, die so vorzüglich den Charakter des naiven, heißblütigen, verträumten Volkes wiedergeben. Und zum Schluß führten sie, aller Mühsal des Tages vergessend, sogar noch einen ihrer absonderlichen religiösen Tänze auf. Ein älterer Kabyle befestigte sich mit einem Bande den Burnus in der Taille, so daß er einer Tunika glich. Die flache hölzerne Kuskusschüssel diente ihm als Tamburin. Muhamed und ein anderer junger Mann faßten sich bei der Hand, und zu dem Takte eines Couplets machten sie mit einem schwunghaften Anstoß, der an die Bauchbewegung im Cakewalk erinnerte, einige kurze Schritte vorwärts auf den Alten zu und wieder zurück. Mit jedem Vers wiederholten sich dieselben Schritte. Der Alte hüpfte und sprang und hämmerte auf seinem improvisierten Tamburin, während alle übrigen Leute mit untergeschlagenen Beinen im Kreise saßen, nach jedem Vers den Refrain wiederholten und dazu den Takt mit den Händen schlugen. Bis der Tanz dann mitten im schnellen Rhythmus abrupt endete.
Über uns den tiefblauen Nachthimmel mit einem Sternengefunkel, wie es nur südliche Nächte zeigen, um uns die große Einsamkeit mit ihrem schweren Schweigen, vor uns von den flackernden Flammen beleuchtet, gespenstisch wirkend in ihren faltenreichen weißen Umhüllungen, die seltsamen Tänzer und die singenden Menschen. Ein unvergeßlicher Gesamteindruck!
Nächtliche Tanzszene im Lager. Nach einer Zeichnung von Walther Caspari
Der Vorgang hatte, ohne unser Wissen, noch einen Zuschauer gehabt. Auf der Grenze, wo der helle Schein des Feuers schon mit der Finsternis stritt, kauerte ein Nomade. Lautlos hatte er im Schatten der Nacht sich eingefunden. Neben ihm lag ein ungeheures dunkles Etwas, sein Kamel, sein Kamerad.
Es dauerte nicht allzulange, bis wir am nächsten Morgen die beiden Wanderer überholten, obwohl sie stundenlang vor uns aufgebrochen waren. Das wunderte uns nicht. Denn ein Kamel, das nicht getrieben oder geführt wird, strebt jedem Grasbüschel nach, den es entdeckt. Sein Meister schreitet inzwischen fürbaß. Wird die Entfernung zu groß, so wartet er geduldig, bis der saumselige Gefährte sich wieder einfindet.
Jussuf, der mit dem Manne gesprochen hatte, erzählte uns, daß dieser bereits über zwei Monate unterwegs sei. In dieser ganzen Zeit war der Himmel sein Dach, die blanke Erde seine Liegestatt, ein paar trockene Datteln seine Nahrung, das stumme Tier sein alleiniger Begleiter. Nur wer die Wüste so tief und ehrlich liebt wie der Nomade, nur wer mit der Natur so völlig verwachsen ist wie er, ist imstande, ein solches Dasein zu ertragen. Schon nach kurzer Zeit waren die zwei einsamen Gestalten weit hinter uns zurückgeblieben.
In der welligen Ebene tauchte nun allmählich wieder etwas Pflanzenleben auf. Niedrige Sträucher mit verkrümmten Ästen, denen man den unaufhörlichen Kampf um das bißchen Leben deutlich ansah, und graugrüne Grasbüschel, hinter denen sich der Sand so lange anhäuft, bis er sie eines Tages unter sich begraben kann.