Nach dem anderen Ende der Stadt zu ebbte das Leben immer mehr ab, aber selbst bis in die außerhalb gelegene Bordj drang noch etwas von der Unruhe des Tages.
Häufiger als irgend sonstwo auf der ganzen Reise fanden wir in der Nähe von Gomar den alten, primitiven arabischen Brunnen, Khotra genannt. Auf zwei niedrigen Pfosten ist ein Querbalken festgemacht und über diesen der Stamm eines Palmbaumes gelegt. An dem einen Ende dieses Stammes hängt ein Eimer, aus Fell gearbeitet, an dem anderen Ende ist ein schwerer Stein angebracht, um das Gleichgewicht herzustellen. Das Wasser muß oft aus sechzig Meter, an manchen Orten im Tale des Oued Rir sogar aus achtzig Meter Tiefe heraufgeholt werden. Der Bau dieser Brunnen, noch häufiger aber die Reparaturarbeiten, die durch das Versanden nötig werden, haben schon vielen Männern Gesundheit und das Leben gekostet. Diese primitive Art der Wassergewinnung ist jedoch immer mehr in Wegfall gekommen, seitdem durch die Franzosen die artesischen Brunnen eingeführt wurden, die soviel besser und zuverlässiger funktionieren, und die früher stattliche Zunft der eingeborenen Brunnenbauer ist heute bis auf ein kleines Häuflein zusammengeschmolzen.
Das ziemlich öde, immer noch tief sandige Gelände, das uns hinter Gomar aufnahm, wirkte so ermüdend, daß uns die siebzehn Kilometer bis zur Quelle Bir Salem, an der wir übernachten wollten, wie eine Unendlichkeit erschienen. Und dort erwartete uns eine äußerst unangenehme Überraschung: die Quelle war völlig versandet und kein Tropfen Wasser erhältlich.
Palmengärten um El-Oued
Ob den Tieren doch noch etwas von der gewaltigen Anstrengung, die der Marsch über die großen Dünen bedeutete, in den Gliedern steckte? Fast schien es so. Denn im Laufe des nächsten Vormittags brachte es die Karawane nicht über fünf bis sechs Kilometer in der Stunde. Unsere allzeit willigen Pferde, mit den Muskeln aus Stahl, ließen ebenfalls ihre gewöhnliche Frische vermissen. Negro, dem sonst nur in Gesellschaft wohl war, blieb immer weiter zurück, und »Schäfchen«, das sich seit dem Zornesausbruch in Sidi Amran wieder tadellos benommen hatte, zeigte klar und deutlich seine Unzufriedenheit, indem es sich mitsamt seinem Reiter in den Sand legte und erst nach einer ganzen Weile sich zum Weitergehen entschloß.
Wir zählten die Viertelstunden, bis wir in der Mittagszeit die Bordj Bou Chaama erreichten. Hier gab es Wasser. Das mußte die durstenden Tiere wieder beleben. Aber eines nach dem anderen zog nach dem ersten Schluck den Kopf zurück und war nicht zum Weitertrinken zu bewegen. Die ohnehin nicht allzu klare Flüssigkeit war so salzig, daß weder Mensch noch Tier davon genießen konnten. Zum Glück hatten wir in El-Oued gutes Trinkwasser gefunden und volle Fäßchen von dort mitgebracht, aus denen wir nun die Guerba der Kabylen auffüllten. Es tat einem in der Seele weh, die halbverschmachteten Tiere wieder auf den Weiterweg zu senden. Um so mehr, als wir genau wußten, in den nächsten vierundzwanzig Stunden keinen anderen Brunnen auf dem Wege zu finden. Aber was half's? Ein Zurück gab es nicht.
Und leider wurden die Beschwerden des Marsches noch erhöht durch den grundlosen Sandboden. Mit seinen niedrigen, unregelmäßigen Erhöhungen glich er einer schlechten Kopie der großen Dünen. Auch auf dieser Strecke, wo jeder Windstoß die Fährte verwischt, ist es allein die Guemira, die dem Wanderer als Richtzeichen dient.