Wir hatten uns auch in El-Oued, just der Wissenschaft halber, dem einzigen dort bestehenden »Hotel« anvertraut, das klein und unansehnlich am Rande der Stadt im Schutze des ausgedehnten Festungsgebäudes liegt. Wurden von den Besitzern, einem französischen Ehepaar, freundlich aufgenommen und am ersten Tage sehr gut verpflegt. Wären wir gleich wieder abgereist, so hätten wir jedoch ein ganz falsches Bild von der Leistungsfähigkeit des Hauses mit uns genommen. Am zweiten Tage stellte es sich nämlich heraus, daß diese bereits zu Ende war. Unsere Wirte befanden sich in einer peinlichen Lage, denn in ganz El-Oued, einer Stadt mit 4000 Häusern, gibt es nichts zu kaufen. Alle Bedürfnisse an Nahrungsmitteln werden auf dem Markte gedeckt, der nur einmal in der Woche stattfindet. Auf diese Weise erlebten wir, wie in einem Hotel einmal Schmalhans als Küchenmeister fungierte.

Auch die Schlafstelle, die wir drei Damen im Gasthause selbst inne hatten – die Herren waren in einer Dunkelkammer im Nebenhause untergebracht – bot neue Sensationen. Man betrat die fensterlose Stube durch einen kleinen Vorraum direkt vom Hofe. Die Türe fehlte völlig, die Öffnung wurde durch einen Kattunvorhang, dem es an Breite und Länge mangelte, verhängt. Aber der Raum, der mit Urgroßväter Hausrat vollgestopft war und der, allem nach zu urteilen, sonst als Schlafstube für die Wirtsleute diente, zeigte einen besonderen Schmuck: protzige, wohlgenährte Skorpione. An der gewölbten, hell gestrichenen Zimmerdecke bildeten sie große dunkle Flecke. Da diese Dekoration durchaus nicht unserem Geschmack entsprach, baten wir die Wirtin, sie entfernen zu lassen. Doch da stießen wir auf energischen Widerstand. Unter keinen Umständen durfte das geschehen. Diese Abneigung, für die die Frau keine Gründe angab, konnten wir uns nur damit erklären, daß irgendein Aberglaube dahinter steckte. Wir umwickelten uns Kopf und Gesicht mit einem Mullschleier und deckten uns bis zur Nasenspitze zu. Und so gegen die Angriffe unserer ungebetenen Mitbewohner gewappnet, überließen wir uns dem Schlaf der Gerechten.

El-Oued

Am Morgen des dritten Tages erlösten wir die armen Wirte von unserer Gegenwart.

Unseren prächtigen Nomaden und den Mann mit den beiden Kamelen hatten wir entlassen. Jussuf konnte nun wieder allein die Führung übernehmen.

Noch immer befanden wir uns im Dünengebiet. Aber die Dünen fielen jetzt sozusagen auseinander. Es herrschte nicht mehr die faszinierende Harmonie der großen Linie.

Ein frischer Morgenwind trieb sein lustiges Spiel auf dem Sande, zeichnete phantastische Muster in das eindrucksfähige Material, löschte sie aus und ließ im Nu wieder neue entstehen. Aber neben diesen Augenblicksbildern formt er aus demselben staubfeinen Boden in unablässiger Arbeit auch dauerhaftere Kunstwerke, festgefügte Blumenformen, von den Eingeborenen »die Rosen der Wüste« genannt. Farb- und geruchlos sind diese Rosen, aber sie schmücken doch den armen Boden, dem jedes Wachstum versagt ist. Fast scheint es, als ob dem windigen Künstler nicht alles Material gleich genehm sei, denn nur auf einer verhältnismäßig kurzen Strecke fanden wir diese reizvollen Gebilde.


Gegen Mittag erreichten wir Gomar, das gerade seinen Markttag hatte, und auch hier fanden wir wieder dasselbe bunte, stets von neuem fesselnde, malerische Bild. Aber die Stadt selbst, welch ein Gegensatz zu El-Oued! Wie düster und unfreundlich, ja beinahe feindselig wirkt sie, trotzdem dieselbe strahlende Sonne darüber liegt! Die schmale Gasse, die wir passieren mußten, nachdem wir alle Hindernisse des Marktplatzes glücklich überwunden hatten, war rechts und links von Burnusträgern gesäumt. Aber keiner von ihnen wandte auch nur den Kopf nach uns, und keiner von ihnen rührte ein Glied, um sich gegen den Hufschlag der Pferde zu schützen. War es Abneigung gegen das Fremde, war es bloße Teilnahmlosigkeit, die solches Verhalten bestimmte? In den ernsten verschlossenen Gesichtern war keine Aufklärung zu holen.