Ein arabischer Doktor und sein Patient in Algier

Er ist ein tüchtiger und geschickter Führer, unser Ali ben Bachir, mit seinem feinen, scharfgeschnittenen, aber leider von der tödlichen Hand der Schwindsucht gezeichneten Gesicht. Nachdem wir uns verschiedene alte und neue Moscheen angesehen, führt er uns durch den von exotischen Blumen duftenden Jardin de Marengo hinauf zur alten und berühmten Moschee Abderrhaman. Gegen ein Entgelt ist es auch den Ungläubigen erlaubt, den Ort zu betreten, wo der berühmte Prophet Abderrhaman seine Ruhestätte gefunden. Tausende und Abertausende sind schon hierhergewandert, um im Gebet Erhörung ihrer Bitten zu erflehen, und wie in katholischen Wallfahrtsorten wächserne Hände und Füße und Herzen ihre Geschichte erzählen, so reden hier hunderterlei Gegenstände von dem felsenfesten Glauben und der Dankbarkeit der Anhänger Mohammeds. Es ist allerdings ein seltsamer und wunderlicher Anblick: man glaubt in einen überfüllten Trödelladen zu kommen. Die Gläubigen scheinen anzunehmen, daß ihrem Gotte die Erzeugnisse anderer Länder die größte Freude bereiten. Nur wenige Arbeiten arabischen Ursprungs sind zu sehen, aber sonst ist alles vertreten, vom wundervollen venezianischen Kronleuchter bis zur ordinärsten bunten Schlafzimmerampel, von herrlich geschnitzten alten Standuhren bis zum Drei-Mark-Wecker, vom köstlich gewebten Brokatstoff bis zum buntgedruckten Schnupftuch, wie es bei uns die Bauern tragen.

Überhaupt diese Schnupftücher! Der findige Kopf, der sie einführte, hat nicht schlecht spekuliert, denn es gibt kaum einen Araber, dem es nicht vom Gürtel oder aus dem Knopfloch herunterbaumelt. Aber es wirkt ordinär und zerstört die Vornehmheit, die der Kleidung selbst des ärmsten Arabers sonst eigen ist.

Die Moschee Abderrhaman ist winklig und verschoben gebaut. Schmale, dunkle Gänge führen von einem Betraum in den andern bis ins Allerheiligste, wo der berühmte Marabut seinen ewigen Schlaf schläft. Verblaßte, fadenscheinig gewordene Fahnen und Stoffreste verhüllen seinen Sarg, und ein muffiger Geruch erfüllt den Raum. Wir laufen in großen Pantoffeln, geradeso wie wenn man deutsche Schlösser besichtigt, aber nicht etwa um wie dort das Parkett zu schonen – denn das gibt es hier nicht –, sondern weil der bloße Fuß des Ungläubigen den Boden entweihen würde. Ich kam mir tief schuldig vor, als ich im Eifer der Besichtigung, ohne es zu fühlen, den einen Pantoffel verloren hatte und das Entsetzen in dem Gesicht des Moscheenführers sah, als er das Manko bemerkte.

Kleine Kapellchen sind der Moschee angebaut, in denen ebenfalls die sterblichen Reste einiger Marabuts ruhen. Fromme Beter lehnen außen an den vergitterten Fenstern. Alte, berühmte Geschlechter haben hier oben ihre Grabstätten, deren Schmuck aus gemalten Kacheln besteht, meist blau und gelb, in wunderschönen satten Farben und in alter arabischer Arbeit. Vereinzelte hohe Sykomoren spenden Schatten auf die Gräber. Vermummte Frauengestalten wandeln dazwischen auf schmalen Pfaden. In einer lauschigen Ecke murmelt ein Brünnchen; Ali ben Bachir sagte, es sei eine Wunderquelle. Meilen- und meilenweit kämen die Kranken, um von dem Wasser zu trinken, denn es mache gesund. Und die Armen und Bedrückten kämen, denn es bringe ihnen Glück. All seine Überredungskunst half jedoch nichts. Selbst auf die Gefahr hin, alle diese schönen Dinge zu verscherzen, konnten wir uns nicht entschließen, aus einem Becher zu trinken, den eben erst ein von Schmutz und Ausschlag starrender Araber an die Lippen geführt hatte. Aber Ali quälten keine solchen Bedenken, mit einer geradezu ergreifenden Andacht leerte er den Inhalt. Armer, beneidenswerter Kerl! –

Die Sonne muß so leuchtend scheinen, der Himmel so herrlich blauen und Land und Meer in solch übermütigen Farben einem zu Füßen liegen, wie es hier von der Höhe der Moschee Abderrhaman der Fall ist, daß man seine fröhliche, leichte Stimmung so schnell wiedergewinnen kann, wie es bei uns geschah.

Moschee Abderrahman in Algier