Drum hat ihr Herr, der sie so liebt,
Ihr Bild, das sie prächtig wiedergibt,
Mit eigner Hand gemalt: so treu!
Man weiß nicht, welches die Issa sei,
Das Tier selbst? oder das Konterfei?
Das ist römisches Leben, bis herab zum Stubenhündchen; wie intim berührt das alles! Aber ich lasse nunmehr den Vorhang fallen. Alle dürftig und ungenügend ist, was ich hier geboten, und wer es kann, sollte den Martial selber lesen. Denn alle Übersetzungen sind doch nur bestenfalls Talmigold oder Simili-Brillanten[419]; in den meisten seiner Miniaturen aber bringt der lebhafte Dichter nebenher noch eine solche Fülle von Anspielungen, daß zum Verständnis eine einfache Übersetzung gar nicht ausreichen würde. Auf alle Fälle aber wird mein Leser begreifen, daß Martial alsbald und durch viele Jahrhunderte immer wieder eifrige Nachahmer gefunden hat.
Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester geschont.
Aus der Spätantike erwähne ich die Dichter der sog. Anthologia latina, sowie den Ausonius und Luxorius. Die beiden zuletzt genannten sind Christen; gleichwohl steigert sich noch bei ihnen das geflissentliche Aufsuchen des Unanständigen bis zum Monströsen. Wertvoller ist Claudian, der Dichter des christlich gewordenen Kaiserhofes um das Jahr 400; denn in ihm ersteht endlich wieder ein Kämpfer, der es wagt, mit offenem Visier zu beleidigen[420]. Offenbar war es der kaiserliche Hof selbst, der ihn dabei deckte. Neues, was uns fesseln könnte, bringen diese Spätlinge nicht. Nur freilich den Flieger. Der Flieger taucht bei Luxorius auf. Man staune indes nicht allzu sehr; denn in Wirklichkeit war es nur ein Equilibrist. Luxorius lebte im Anfang des 6. Jahrhunderts im afrikanischen Vandalenreich, wo immer noch die altrömische Kultur blühte und es immer noch römische Amphitheater gab. In solchem Raum geschah das Wunder: einen Riesenweitsprung, der dem Flug gleichkam[421], vollführte da ein junger Zirkuskünstler durch die ganze Länge der Arena, wenn wir es glauben wollen, 40 Meter weit. „Es ist kein Mensch,“ sagt der Dichter; „nur Vögeln ist das möglich, und ich wundere mich nicht mehr, daß ein Dädalus einst auf Flügeln über das Meer flog. Guten griechischen Wein hab’ ich dem jungen Menschen kredenzt. Er ist so leicht wie eine Schwalbe, aber der Wein soll ihn schwer machen.“
Wir wollten lernen. Haben wir hiermit endlich genug gelernt? und sind wir in der Lage, ein Endurteil zu fällen? Keineswegs! sondern das Wertvollste bleibt noch übrig. Wer urteilen will, hat nicht nur auf das Vielerlei, das in den Dichtern steht, er hat auch auf das, was diese Dichter verschweigen, achtzugeben. Denn lehrreicher ist oft, was das Altertum nicht sagt, als was es sagt. Und die Beobachtung, die sich da ergibt, ist rasch erledigt; ich meine nur dies, daß bei allen diesen Dichtern nahezu jeder Ausdruck des Rassenhasses fehlt, ferner jeder religiöse Gegensatz, jeder konfessionelle Hader völlig unberührt bleibt und sich nirgends ein Wort gegen die Priester findet, ja, daß endlich auch der Soldatenstand von keinem je verunglimpft wird. Nichts merkwürdiger, nichts charakteristischer, nichts bewunderungswürdiger als das!
Plautus hatte einst den Miles gloriosus geschrieben. Da wurde der dumme griechische Offizier, der sich für den schönsten aller Männer hält und mit den unglaublichsten Großtaten renommiert, unendlichem Gelächter preisgegeben. Das spätere Rom weiß davon nichts mehr. Das römische Militär war unantastbar. Auch die römischen Feldwebel und Rekruten, auch der Legionär und der Tribunus militum werden gewiß ihre Schwächen gehabt haben, und nichts war frecher im Auftreten als die kaiserliche Garde in der Hauptstadt selbst. Aber unsäglicher Respekt umgab sie. Kein Wort des Spottes hören wir je. Nur einmal bringt Martial das zahme Distichon: