II, 80:

Hört! auf der Flucht vor dem Feind hat Fannius selbst sich getötet.

Ist es denn Wahnsinn nicht, sterben, damit man nicht stirbt?

Toleranz im Religiösen; kein Rassenhaß.

Die gleiche Schonung gilt prinzipiell auch den Trägern der Gottesdienste. Nur Afranius hat in alter Zeit einmal ein Stück „Der Augur“ auf die Bühne gebracht, wo solch ein Priester, dem die Vogelschau oblag, ein Augur, die gefürchtete Hauptperson war: der einflußreiche Mann schreit und rast so, daß der Himmel darüber einzustürzen droht; aber sein Gesichtsausdruck ist falsch und widerwärtig wie eine angemalte Wand[422]. Das war Afranius, und das ist alles. Späterhin ist es nur einmal noch der Christ Luxorius, der über einen trunksüchtigen Priester seiner Kirche herfällt[423].

Die Sacerdotes waren eben schon durch ihr Amt geschützt. Überdies aber waren es in der vorchristlichen Zeit den besten Kreisen, ja, dem Hochadel angehörende Männer und Frauen, die, zumeist verheiratet, von der sonstigen vornehmen Welt sich im täglichen Leben durch nichts abhoben, da sie in ihren Privathäusern lebten und nur während der heiligen Handlung des Opfers und Gebetes das Priestergewand anlegten. So hielt es ja auch der Kaiser selbst, der als Oberpriester, Pontifex maximus, persönlich die Staatsopfer vollführte. Eine anspruchsvolle Isolierung und Weihe des geistlichen Standes, die den Spott oder Widerwillen des Unfrommen hätte herausfordern können, gab es noch nicht.

Nur die asiatischen Cybelepriester hat Martial in der Tat mit seinem Hohn verfolgt[424], deshalb, weil sie mit ihrer schändlichen Menschenjagd, die sie in den Städten Italiens betrieben, auch amtlich verfehmt waren, und so trifft denn einmal auch die Göttin Cybele selbst, die die Entmannung ihrer Anbeter forderte, ein entrüstetes Wort[425].

Das steht für sich. Sonst aber wird von den fast unzähligen Religionen, die damals in den Mittelmeerländern durcheinander wogten, kaum eine einzige von diesen Dichtern angetastet oder der Kritik ausgesetzt. Isis, Serapis, Mithras, Anubis, Jehova, das Christentum — um von den überkommenen römischen Nationalgöttern ganz zu schweigen —, alle diese Gottheiten und Bekenntnisse fanden damals ihre Verehrer. Wer aber mag sie in ihrem Glauben stören? Religion ist Privatsache; der Witz biegt vor diesen Dingen aus. Vor allem ist von diesen Dichtern, soweit ihre Werke uns vorliegen und eine Kontrolle möglich ist, nie Christus verhöhnt worden. Das scheint mir ewig denkwürdig.

Und was von den Religionen gilt, gilt endlich annähernd auch von den Rassenunterschieden. Massenhaft dienten z. B. die Syrer in Rom als elegante Sklaven und Sänftenträger, so unbeliebt sie auch wegen ihres durchtriebenen Charakters waren; aber nur einmal trifft sie bei Martial eine angreifende Wendung[426]. Auch gegen die sonst so gerne verfolgten Juden ist er nur an einer Stelle ausfällig[427]. Wo er auf der Gasse jüdische Bettler sieht, findet er durchaus kein bösartiges Wort[428], wohl aber muß er sich seinerseits gegen einen jüdischen Widersacher, der ihn angegriffen hat, verteidigen[429]. Ärgerlich war es, daß die römischen Mädchen, wenn Germanen, Juden oder Perser nach Rom kamen, sich gleich in diese Fremden verliebten und die römischen jungen Herren alsdann als Luft behandelten. Den Ärger darüber kann uns der Dichter nicht verschweigen[430].

So begegnen wir nun einmal wirklich auch einem Germanen in Roms Gassen, und das muß unsere besondere Neugier erwecken. Ein Unfreier ist’s, vielleicht ein von der städtischen Verwaltung zur Straßenreinigung angestellter Sklave. Aber der Mensch benimmt sich sehr rücksichtslos, als wäre er der Herr Roms. Aus einem Wasserbehälter der Fernleitung, der mit köstlichem Gebirgswasser gespeist wird, will ein Knabe, ein römischer Bürgerssohn, trinken; der Germane kommt und stößt ihn herrisch fort, weil er zuerst trinken will. So geschehen zu Rom im Jahre 96 n. Chr. Daß Martial den Menschen grob anfährt, das können wir ihm wohl nicht verargen[431]. Erheiternder aber ist es noch zu lesen, wie einmal ein Gallier, auch dies ein Kraftmensch, von ihm eingeführt wird; da erhalten wir wieder einmal ein Straßenbild, und zwar bei Nacht: