Auf seiner eignen Wohnung lebend beigesetzt[432].
Anders die Satire. Religiöse Aufklärung.
So weit die Spottdichtung und das Sinngedicht, so weit die fliegenden Blätter Roms. Welche Zurückhaltung sich diese leichtlebige Kunst im Altertum auferlegte, haben wir gesehen. Ganz anders die große römische Satire, zu der wir uns jetzt noch wenden. Indem wir auch sie noch zu Wort kommen lassen, hört alsogleich das Behagen auf; die Lehre beginnt, und sie reißt uns aus all der Heiterkeit, die uns bisher umgab, in den Ernst hinüber, der bis zum Ingrimm geht, und in die Sorgen um die schweren Grundfragen des Lebens. Denken wir nur an die religiöse Frage. Die Satire ist es, mit deren Hilfe wir einem der größten menschheitlichen Ereignisse, dem Übergang aus dem Polytheismus in das Christentum, der großen religiösen Umwälzung der Antike, die eben zu jenen Zeiten langsam vor sich ging, nähertreten können. Es sind die etwa fünf Jahrhunderte von 200 v. Chr. bis 300 n. Chr. In diese Entwicklung hat auch die große römische Satire mit eingegriffen; denn ihre Aufgabe war eben die Erziehung des Volkes. Aber das Aufstellen von tugendhaften Lehrsätzen genügte ihr nicht; sie rief auch dabei wieder den Spott zu Hilfe. Alle falschen Werte riß sie mit Hohn herunter; alles, was hohl und vermorscht, schlug sie in Trümmer.
Ich sehe hier von der wichtigen Aufklärungsarbeit der griechischen Philosophen ab und halte nur auf Rom, das Zentrum der Welt, das Auge gerichtet. Da hatte dereinst schon der Dichter Ennius im 2. Jahrhundert v. Chr. kaltsinnig an dem alten Götterglauben gerührt und für die Entstehung der Vorstellungen von Jupiter und den anderen Nationalgöttern trivial-euhemeristische Erklärungen vorgetragen, die sich wie ein amüsanter Roman für die Halbbildung lesen. Das übermütig freche Volkstheater, der sog. Mimus, wirkte überdies schon lange ganz im gleichen Sinne. In den Schwänken, die es da gab, wurde Jupiter, der höchste Gott, wie ein alter Onkel hübsch begraben, die Göttin Diana machte ihr Testament, und ähnliche Scherze mehr, wobei immer das Sündhafteste dem Publikum gerade das liebste war. Dann kam Varro, der Philologe, mit schwerstem Geschütz, der in einem dicken Sammelwerk den ganzen bunten Götterglauben des Altertums mit seinen tausend Namen redlich buchte, aber diesen Glauben dabei als nichtig nachwies und nur die Naturkräfte im All noch als göttliche und heilige Mächte gelten ließ. Derselbe Varro schrieb aber auch Satiren, z. B. einen „gefälschten Apoll“, in denen er von den Göttern handelte und die Volksvorstellungen nur deshalb bestehen ließ, um possierlich mit ihnen zu spielen[433]. Gleichzeitig mit Varro wirkte dann auch Cicero, und er machte diese freien Ansichten populär; Ciceros berühmte Schrift „Über die Natur der Götter“ ist das erste große Aufklärungswerk gewesen, das durchschlug. Der Staatskultus mit seinem reichen Tempeldienst bestand freilich ungeschmälert weiter, aber jeder Gebildete dachte dabei hinfort, was er wollte. In Wirklichkeit haben sich damals alle, die nachdachten, auf die stoische Religion zurückgezogen, die von den Philosophen ausging und deren Lehre sich mehr und mehr und immer deutlicher zum geistigen Monotheismus hindurchrang. Die Frage war nur, was aus den herkömmlichen Göttern schließlich werden sollte.
Persius. Seneca. Juvenal.
Wundervoll geläutert sind schon die Vorstellungen, die Persius zu Kaiser Neros Zeit in seinen Satiren vortrug. Es handelt sich um das Gebet; albern und gottlos, sagt Persius, sind die Menschen, die sich Bargeld und sonstige angenehme Dinge wünschen und mit solchen Bitten die hohen Götter behelligen. Gott ist gütig, und er weiß selbst am besten, was uns not tut. Und neben Persius stand nun auch schon Seneca, der endlich die Axt an die Wurzel legte, indem er sich gegen den herrschenden Gottesdienst selbst, gegen den Ritus mit seinen Opfern und Zeremonien wandte. Gott ist ein Geist; er bedarf dieser menschlichen Armseligkeiten nicht. „Über den Aberglauben“, de superstitione, betitelte Seneca sein umstürzendes Buch, von dem wir gewisse Abschnitte unbedingt zur Satirenliteratur rechnen; denn die beißendste Satire war darin seine Waffe. So wie die Satire immer das Extreme aufsucht, so hat hier Seneca gerade die lächerlichsten Auswüchse der sog. Frömmigkeit, die ihm als Aberglaube gilt, geschildert, und wir lesen seine Schilderung mit Staunen. Es handelt sich an der einen Stelle, die uns vorliegt, um das vornehmste Gotteshaus der altrömischen Trinität Jupiter, Juno und Minerva: „Ich kam auf das Kapitol. Man muß sich schämen über die Tollheit, die sich da öffentlich zeigt, und wozu sich eine sinnlose Schwärmerei verpflichtet hält. Einer legt da dem Gott das Hauptbuch (über die Verwaltung des Tempelvermögens) vor, ein anderer meldet dem Jupiter, wieviel Uhr es ist; einer steht als Lictor oder Platzmacher herum; wieder einer ist des Gottes Einsalber und tut mit einer zwecklosen Armbewegung so, als salbte er ihn wirklich ein. Auch an Personen, die der Juno und Minerva das Haar machen, fehlt es nicht; aber sie stehen von den Götterbildern, ja sogar vom Tempel selbst weit ab und bewegen nur so die Finger, als frisierten sie sie. Andere halten den Spiegel dazu. Dann kommen welche, die (in eigener Prozeßsache) die drei Götter zu einer Bürgschaftsleistung einladen, ihnen ihre Anklageschrift bringen und ihren Fall vortragen. Auch einen Schauspieldirektor von guter Schule, aber schon alt und verlebt, sah ich da, der täglich auf dem Kapitol sein Rollenfach mimte, als könnten die Götter an ihm, den kein Mensch sich mehr ansehen mochte, noch Vergnügen haben. Und so sind da alle Sorten von Künstlern oder Kunststückmachern vertreten, die ihre Zeit damit vergeuden, die unsterblichen Götter zu ehren. Alle diese Leute tun nun gewiß, was überflüssig ist, allein sie entehren sich doch nicht selber; aber auch Weiber, die meinen, sie könnten mit Jupiter in Liebesverkehr treten, hocken auf dem Kapitol, und nicht einmal der Anblick Junos schreckt sie ab, die ja doch, wenn die Dichter recht haben, sehr leicht in Zorn gerät.“
Jetzt wissen wir, wie es da zuging. Diese Schilderung Senecas gibt uns endlich das, was Martial verschweigt: eine köstliche Ergänzung zur Kenntnis des römischen Stadtvolks, besonders in seinen unteren Schichten. Leider ist uns aus Senecas Schrift sonst fast nichts erhalten; der Kirchenvater Augustin hat nur eben dies daraus ausgezogen, weil es seiner christlichen Tendenz besonders zu Hilfe kam. Wir würden gerne auch das Weitere und Gewichtigere lesen.
Juvenal gegen den Fanatismus. Satire der Kirchenväter.
Auf Seneca aber endlich folgt Juvenal, der letzte und wuchtigste der Satiriker. In machtvoller Breite rollen seine Predigten daher. Die Gesellschaft sittlich zu heben, die Herzen zu reinigen, das war auch Juvenals Zweck; was aber Seneca schon geschrieben hatte, brauchte er nicht zu wiederholen. So wandte er denn seinen Zorn gegen ein anderes drohendes Gespenst, den religiösen Fanatismus, der im Orient seit langem sich regte. Nach Ägypten kehrte er seine Augen; da war unlängst Ungeheuerliches geschehen, und er beschloß dies erschreckende Beispiel in grausiger Schilderung aller Zukunft zur Warnung hinzustellen. Es ist Juvenals 15. Gedicht.
Zwei ägyptische Nachbarstädte, Omboi und Tentyra, waren es. Beide haben andere Götter, und sie hassen sich deshalb bis zur Raserei. Bei den Ombiten ist gerade Festtag, und sie begehen ihn mit rauschendem und berauschendem Gottesdienst. Da werden sie von den Leuten aus Tentyra überfallen, eine Rauferei beginnt; sie zerschlagen sich erst nur die Gesichter. Dann wird schon mit Steinen geworfen; dann greift man zum Messer, bis die Angreifer fliehen; einer der Fliehenden aber wird ergriffen und von der siegreichen Menge zerrissen und in unerhörtem Kannibalismus verspeist. Alle sättigen sich an der Mahlzeit. Der letzte, der nichts abbekam, leckt gierig noch das Blut von den Fingern des Opfers. Gott, der Weltenschöpfer, sagt Juvenal, erhob den Menschen über das Tier, indem er uns die Menschenliebe und den Trieb gab, daß einer dem anderen helfe. Wo aber ist die Bestie, die ihresgleichen frißt? Die religiöse Wut, der Haß gegen die Götter des Nachbarn bringt das fertig.