Ob hier Juvenal übertrieben hat? Jedenfalls ist klar, welchen Standpunkt er im Hader der Religionen einnahm, und um so wohltuender berührt es uns, daß er in all seinen Dichtungen kein hämisches, wegwerfendes Wort gegen das Christentum findet. Um das Jahr 130 konnten dem Juvenal die stark angewachsenen Christengemeinden nicht unbemerkt bleiben; denn das Evangelium scholl schon vernehmlich über die Gasse in den Griechenquartieren Roms. Juvenal, dieser energische Ethiker und Volkserzieher, lebte ganz in der stoischen Sittenlehre, die der christlichen tatsächlich so nahe stand. Vielleicht dürfen wir annehmen, daß er eben darum zu satirischen Angriffen gegen die neue Völkerlehre keinen Trieb und keinen Anlaß fand.
Anders das Christentum selbst. Kaum war Juvenal verstummt, so erhob das Christentum selbst seine Stimme zur Polemik, und die große Satire der christlichen Kirchenväter im Kampf mit den heidnischen Göttern hob an. Denn auch dies war Satire. Den Ton bittersten Spottes und grenzenloser Entrüstung entlehnten die Kirchenautoren dabei von Juvenal, aber von vornherein sind sie viel siegesgewisser als er. Denn ihre Aufgabe war leicht; sie konnten ja ihre Argumente von den aufgeklärten Heiden selbst entnehmen, und sie nahmen sie wirklich getreu aus Varro, Cicero und Seneca. Aber auch im römischen Volkstheater waren die Götter ja, wie wir sahen, längst entheiligt und zu lustigen Figuren gemacht. Auch dies bot den Christen die willkommenste Hilfe. „Erröten müßt ihr über eure Götter,“ so hebt einmal Tertullian an[434]. „Ich weiß nicht, soll ich lachen über eure Torheit oder auf eure Blindheit schelten.“ Da haben wir also das Lachen; es ist das Lachen des Satirikers. Und dann geht es weiter: Der alte Gott Saturn soll Sohn des Himmels sein; Himmel heißt caelum auf Latein; caelum aber ist ein Neutrum. Wie kann ein Neutrum Kinder erzeugen? Saturn soll ferner schon eine Sichel besessen haben; eine Sichel setzt das Schmieden voraus, aber der Schmiedegott Vulkan, der das Schmieden erfand, war doch erst Saturns Enkel! Wie konnte also Saturn schon eine Sichel haben? Weiter hat man den Herkules zum Gott gemacht, weil er so viele wilde Tiere erschlug; warum aber nicht lieber den Pompejus, der all die Piraten beseitigte? Denn die unzähligen Piraten waren viel schlimmer als die paar wilden Tiere. Besonders lachhaft sind die unzähligen kleinen Stadtgötter im Land; denn jedes kleine Nest hat einen anderen; „ich lache über diese göttlichen Magistrate, deren Ansehen nicht weiter als bis zu ihrer Stadtmauer reicht. Und was soll man weiter zu Romulus sagen, der Rom gründete und dabei seinen Bruder totschlug? Wenn alle Stadtgründer gleich Götter werden sollen, dann kann es freilich viele geben!“[435]
Und so rollt die Polemik weiter. Nicht anders wie Tertullian redeten hernach auch noch die Späteren, Arnobius, Lactanz, Augustin; und wer sollte ihnen da widersprechen? Gepriesen sei die Zeit, wo das Christentum nur mit solchen Waffen, mit den Waffen der klugen Rede, focht und siegte! Es sollte die Zeit kommen, wo es zu anderen griff. Juvenal hatte umsonst gewarnt. Die Zeit kam, wo der Fanatismus aufs neue zum Schwert griff und das Blut floß. Es war der Fanatismus des Christentums und seiner erstarkten Kirche.
Wozu daran erinnern? Die Religionskriege liegen ja gottlob weit hinter uns. Der schöne Gedanke des Altertums, daß der Polytheismus nur eine Vielnamigkeit Gottes, daß die vielen Götter der Erdenvölker also nur viele Versuche sind, den Einen zu nennen, und die religiöse Duldung, die in diesem freundlichen Gedanken wurzelt, hat allmählich auch unsere Gegenwart erobert, und wir hoffen, daß sie einmal voll und ganz siegen wird. Schlimmer steht es heut mit dem Rassenhaß, dem Völkerhaß, der Entzweiung der Völker Europas. In dem Weltkrieg, der in den letzten Schreckensjahren unseren Weltteil zerfleischte, schlugen nicht nur die Waffen, die Vulkan geschmiedet, aufeinander; auch das Wort kämpfte wieder, aber völlig entartet, und die gemeinste Schmähsucht war losgelassen. Mit den niedrigsten, verlogensten Beschimpfungen fielen die Völker, die unsere Vernichtung beschlossen hatten, über uns Deutsche her, weil unser Volk den unerhörten Mut hatte, sich innerhalb seiner Grenzen selbständig und kraftvoll auszuleben. Aller Witz der Rede, aller Feinsinn, alle Grazie erstickte dabei in geschmacklosester Karikatur und häßlich kreischender Verleumdung. Das verrät einen sittlich kulturellen Tiefstand der Gegenwart, der Europa weit, weit hinter das Zeitalter des Horaz und Juvenal zurückwirft und uns mit völlig hoffnungsloser Trauer erfüllt. Denn die Völker, von denen ich sprach, lebten ja schon damals; sie alle sind die gemeinsamen Erben der Zivilisation von Rom und Hellas. Damals zwang die Römerherrschaft die hochbegabten Nationen, die sie umfaßte, zur Eintracht, zum Fleiß und dauernd glücklichem Dasein. Wird jetzt der geplante „Völkerbund“ wirklich alle Nationen friedlich umfassen? oder müssen wir wünschen, daß wieder wie einst ein Zwingherr ersteht, der die Welt in seine starke Hand und sichere Verwaltung nimmt? Beklagenswert die Welt, die zu ihrem Glück, zur Wahrung ihrer Würde, gezwungen sein will. Denn Glück ist nur in der Freiheit, und der wahre Beruf der Völker ist, in freier Einigung die reine Menschheit in sich darzustellen.
Anmerkungen.
Die Römerin.
[1] Vielleicht ist das Wort roma, ruma ursprünglich etruskisch und hernach latinisiert worden; man hat es neuerdings als „Brust“ gedeutet; alsdann war Roma aber vielleicht ursprünglich die Benennung für einen Mann gewesen, also wirklich als Maskulinum gedacht und nur der Form nach weiblich, sowie auch die Feminina Ahala, Sura, Pansa, Bucca Körperteile bezeichnen und zugleich römische Männernamen sind, und Romulus war, dies vorausgesetzt, von dem männlichen Roma nur die Verkleinerung. Vgl. G. Herbig in der Berliner philol. Wochenschrift 1916, S. 1477.
[2] D. h. der genius urbis war eben der genius populi, und populus ist maskulin. Die Aufschrift, die sich auf dem Kapitol befand: genio urbis Romae sive mas sive femina (Servius zu Aen. 2, 351) kann nicht alt gewesen sein, da die ursprünglichere Bezeichnung genius populi Romani gewesen sein muß. Denn genius bedeutete eigentlich den männlichen Zeugungstrieb (vgl. meinen Artikel „Genius“ in Roschers Mythologischem Lexikon). Jene Inschrift verrät das Befremden, das Spätere dem genius eines weiblichen Wesens gegenüber empfanden.
[3] Marquardt-Mau, Privatleben, S. 728, 8.
[4] Über die „Hut der Mutter“, matris tutela, matris custodia, vgl. Rheinisches Museum 70, S. 269. So sehen wir den jungen Properz unter der custodia matris stehen, aber auch den jungen Dichter Persius. Horaz hat dagegen seine Mutter früh verloren; denn er erwähnt nur den Einfluß des Vaters auf seine Kindheit. Vielleicht mag sich aus diesem Umstand des Horaz eigentümliche Stellung zu den Frauen erklären; denn er huldigt, anders als Properz, keiner Frau der vornehmen Gesellschaft, er hat ihren Umgang augenscheinlich nicht gesucht. Nur an Männer sind seine Briefe gerichtet. Die edle Frauenverehrung aber pflegt mit der Verehrung der Mutter anzuheben.