[300] Autobiographisches über seine Jugendzeit s. Epist. 108, 15. De otio 7 steht die Unterscheidung der drei Lebensführungen, genera vitae: unum voluptati, alterum contemplationi, tertium actioni (deditum). Seine eigene Entwicklung als Mann der actio deutet er De tranquill. animi 4 an; auf seine gegenwärtige Stellung weist er 10, 6 hin: multi quidem sunt quibus necessario haerendum sit in fastigio suo usf. Weiteres De vita beata 17 f. Diesen Ausführungen widerspricht die Schrift De brevitate vitae, die gleich nach der Rückkehr aus Corsica, aber noch, bevor Seneca Neros Lehrer wurde, in Rom abgefaßt ist, keineswegs. Sie predigt in sehr schulmäßiger Ausführung das philosophische otium, weil Seneca selbst eben damals noch ohne Stellung und Pflichten war. Das sollte sich bald ändern. Übrigens ist er da noch ganz rezeptiv im Betrieb des stoischen Studiums; er ist noch unselbständig und befragt nur die Weisen (15, 2 f.).
[301] Vgl. ad Helviam 5, 4: er gewann früh pecuniam, honores, gratiam.
[302] De tranquill. 44, 3.
[303] Hierauf blickt er Epist. 49, 2 mit den Worten zurück: causas agere coepi ... desii velle agere ... desii posse.
[304] Da der sonderbare Claudius, ein Mensch ohne alle Willenskraft, sich ganz und gar und bis zur Schwachsinnigkeit von Messalina gängeln ließ, kann man es den Nichten des Claudius, Livilla und Agrippina, nicht verdenken, daß sie gegen Messalina Front machten, ihr ihren Einfluß nicht gönnten; und wenn in diesen Hader am Hof Seneca verwickelt war, so stand er jedenfalls auf der Seite der Frauen, von denen sich damals für den Staat noch irgend etwas hoffen ließ.
[305] Sestertium decies, Tacit. Ann. XI, 4.
[306] Plin. epist. III, 3, 7.
[307] Aber auch diese Schrift De ira hatte offenbar nicht systematischen, sondern persönlichen und praktischen, programmatischen Zweck. Die kleine Abhandlung De constantia betrachte ich als einen Ableger von De ira Buch III; der sachliche Zusammenhang ist der engste. Das Delatorenwesen ist damals mächtig (De const. 9, 2); alle Vornehmen und die hohen Beamten gelten als male sani (13, 2); die verächtlichen Äußerungen über die Sklaven (13, 4) verraten einen Standpunkt, den Seneca später überwunden hat. So ist auch noch De brevitate vitae eine Vorstudie Senecas. Diesen Sachen hängt daher in ihrer Abfassungsart noch der pedantisch schulmäßige Charakter an, der später bei dem souveränen Staatsmann Seneca so viel mehr zurücktritt. Was endlich die Consolatio ad Marciam betrifft, so wäre es Verkennung, sie für eine philosophische Schulschrift oder auch nur für eine Trostschrift zu halten, die nichts weiter will, als die Trauernde aufzurichten. Wäre sie dies, so wäre ihre Veröffentlichung überflüssig gewesen. Sie war vielmehr eine politische Gelegenheitsschrift in der Form der Consolatio, die auf Sejans Mißherrschaft tadelnd zurückblickt, pietätvollen Sinn für die Caesars bekennen will (c. 15), besonders Augustus und Livia verherrlicht, welcher Kaiser Augustus des Seneca staatsmännisches Ideal dauernd geblieben ist, und vor allem das echte Römertum preist und damit eine tüchtige staatsbürgerliche Gesinnung fordert: scire quid sit vir Romanus (auch im cap. 13 kommt er darauf zurück). Die politischen Zustände sind schlimm, iniqua tempora (22, 8); sunt istic hostes cruenti, cives superbi usf.; daher ist der Tod nützlich; er befreit aus dem Elend eines schlechten Staatslebens (20, 2 f.): ein Manifest, aus dem damals jeder sollte ersehen können, was von Seneca, wenn er entscheidenden Einfluß gewann, zu erhoffen war.
[308] Schon Ad Marciam 20, 2 sagt er, daß jeder exul stets sein Auge auf die patria gerichtet hält. Die Schriften ad Helviam und Ad Polybium entstanden gleich in den Anfangsjahren der Verbannung, und daß dies keine Lehrschriften sind, liegt auf der Hand. Mit Unrecht habe ich als möglich zugestanden (Histor. Zeitschr. 104, S. 608), daß Seneca auf Corsica De providentia und De constantia schrieb. Ad Helv. 20 schildert er selbst seine Beschäftigung im Exil: von Schriftstellerei sagt er dort nichts, sondern redet nur von literarischen Studien, d. h. Lektüre, besonders auf dem Gebiet der Physik. Auch daß er Tragödien auf Corsica schrieb, ist schlechterdings unerwiesen (vgl. Neue Jahrbücher XXVII, S. 353 ff.) Die Epigramme aber aus dem Exil sind unecht; dies ergibt die Verstechnik, und der neuerdings mit vielem Fleiß unternommene Versuch, aus phraseologischen Anklängen ihre Echtheit zu erweisen, ist ein Schlag ins Wasser, da ein solches Beweismittel nichts beweist. Es handelt sich darum, daß Seneca (wie Calpurnius) in seinen Hexametern nie eine Verschleifung zuließ; das ist, so geringfügig die Sache scheint, ein deutliches Erkennungszeichen, und es ist interessant, in solchem Punkt einmal den Einfluß des Lehrers auf den Schüler zu beobachten; denn auch in Kaiser Neros erhaltenen Hexametern fehlt ganz ebenso jede Elision. Das sollte Zufall sein? Natürlich sind auch Calpurnius und der Lobdichter auf Piso von dieser Theorie abhängig gewesen. Die Epigramme aus Corsica zeigen dagegen die Elision (vgl. Kritik und Hermeneutik, S. 235 f.)
[309] Wie leidenschaftlich die Geschwisterliebe bei den Alten und wie tief gerade der Schmerz um den Verlust eines Bruders ging, habe ich Kritik und Hermeneutik, S. 108 f. in Anlaß der Antigone und ihrer vielbesprochenen Worte dargelegt.