Würdigung des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß.

Wir haben nunmehr hinlänglich gesehen, sowohl was die Alten bei ihren Gastmählern aßen als auch wie sie es aßen. Was die ästhetische Beurteilung betrifft, so muß ich befürchten, daß alle sonstigen Vorzüge die zuletzt festgestellten Mängel in unserer Vorstellung nicht auszulöschen vermögen, weder Rosenflor noch Silbergeschirr, noch Tafelmusik, noch die geistreichste und gebildetste Tischunterhaltung. Fassen wir sodann aber den römischen Tafelluxus als solchen ins Auge, so hat er, so reich und so fein durchgebildet er auch war, doch den Tafelluxus unserer Neuzeit, wie er in den großen Hauptstädten und Kulturzentren Europas oder Amerikas im Schwange ist, gewiß in keiner Beziehung übertroffen, und wir werden anstehen, eine Meinung zu teilen, die aus ungenügender Kenntnisnahme der Tatsachen sich herleitet, als zählten für den Untergang der römischen Kultur die Schmausereien und Schlemmereien der Vornehmen mit zu den wesentlichen Ursachen. Daß der Koch in Rom sein Geschäft verstand oder daß durch den lebhaften Handel die schöneren auswärtigen Erzeugnisse auf die Tafel kamen, kann doch, wie sehr auch darüber die zeitgenössischen Stoiker, ein Plinius oder Seneca, sich ereifern, bei unbefangener Betrachtung nur als Vorteil gelten. Wer macht es einer Familie des deutschen Mittelstandes zum Vorwurf, daß sie zu einem gewöhnlichen Frühstück ostindischen Tee nimmt, westindischen Zucker und englischen Käse, vielleicht sogar ein Gläschen spanischen Wein und ein Brötchen mit russischem Kaviar? Nur wenn Deutschland wie eine Festung vom Feinde zerniert ist, müssen wir uns all dies grollend versagen. Roms Herrlichkeit ist an ganz anderen sittlichen und sozialen Schäden zugrunde gegangen. Wenn je die frugalen Ostasiaten es dahin bringen sollten, unsere moderne europäische Kultur zu überwinden, so wird man doch auch hoffentlich dafür nicht die gute Küche als wesentliche Ursache betrachten, durch die gerade das tüchtigste Bürgertum bei uns (man denke an Hamburg) sich hervortut.

Es ist inzwischen 8 Uhr geworden. Das Gastmahl, von dem ich geredet habe, ist zu Ende, und die Zecherei, die comissatio, das Symposion, hat schon begonnen, das sich unmittelbar anschließt. Die Herren haben Kränze aufgesetzt, und es ist schon so lustig, so ausgelassen an der Tafel, daß die Frau des Hauses, die den Nachtisch noch mitgenoß, sich taktvoll entfernt hat. Es dürfte für uns geraten sein, es ihr nachzutun. Freilich werden wir dann in den so mannigfaltigen griechischen Trinkkomment mit all seinen lustigen Kniffen und Pflichtleistungen nicht eingeweiht — denn ein Präside oder Thaliarch fehlt nicht —, und es entgeht uns die so wünschenswerte gründliche Kenntnisnahme der griechisch-römischen Weine und der Bowlen! Denn auch diese verstand man für die Symposien zu brauen: Bowlen von Pfirsich, Bowlen von Aloe, Ysop, Salbei, Bowlen von Narde, von ätherischen Ölen, unter denen aber wohl doch die Veilchenbowle die denkwürdigste sein dürfte. Ihr Rezept steht bei Apicius. Die Veilchen mußten sieben Tage im Wein ziehen; dann kam der Honig hinzu, und sie war trinkbar.

Die Mehrzahl unserer Trinklustigen wird übrigens gewiß schon vor Mitternacht sich im Bette befinden. Denn sie sollen ja schon vor 6 Uhr wieder aufstehen[61]. Auch die schlechten Leuchtkörper trugen dazu bei, daß man früh Schluß machte[62]. Möge ihnen denn das Gastmahl allseitig gut bekommen sein, möge auch das Räuschchen, das doch nicht leicht ausbleibt, schon um das erste Morgengrauen wie ein Traum verfliegen, und möge insbesondere der Wirt und Gastgeber, der für seine Gäste so viel getan hat, nach seinem Fest am anderen Morgen sich selbst so aufgeräumt wiederfinden wie seinen Speisesaal, in dem die Hausdiener in der Frühe sogleich mit Besen, Schwämmen und Tüchern jede Spur des Vorgefallenen zu vertilgen wissen.

Auf der römischen Heerstraße.

Je größer die Welt, je mehr wächst das Bedürfnis nach Annäherung, je erfinderischer sinnt der Geist auf Mittel, die den Menschen zum Menschen führen. Heute hat der Verkehr mit seinen Spinnenbeinen den ganzen runden Erdball wie eine eingefangene Fliege umfaßt. Die Erde schrumpft unter ihm zusammen. Jeden Tag hat man — in Friedenszeiten — in Berlin die Kursnotierungen der New Yorker Börse: Das Kabel tut’s. Die englischen Stahlwaren wollen von Liverpool rasch nach Japan; der Panamakanal muß sie hindurchlassen. Die Kohlenindustrie ist es, die das alles bewirkte; sie hat durch ihre Gaben die Welt verkleinert: Schnelldampfer, Eilzüge, Autos, drahtlose Telegraphie, Fernsprecher — welche Fülle der Bewegung, der Mitteilungsmöglichkeiten; dazu die Radler, die Flieger. Wer als altmodischer Fußgänger über die Landstraße trollt, begegnet kaum noch ab und an einem Bauernwagen mit trabenden Gäulen und nickender Peitsche; auch der zweispännige Doktorwagen fehlt. Auf dem Rad fliegt der Arzt in die Dörfer hinaus, fliegt sogar der Pfarrer mit wehendem Rock auf seine Filiale. Dieselbe Straße führt mich am Bahnkörper entlang; plötzlich tönen Signale, tönt gleichzeitig das Huphup. Ein Automobil jagt ratternd hinter mir auf, in Wettfahrt mit dem donnernden Expreßzug zur Rechten; überrascht schaue ich nach oben; denn auch über mir lärmt es. Ein Luftschiff ist’s; es schießt in gleicher Richtung um die Wette. Da sind schon alle drei verschwunden. Wer von ihnen ist zuerst am Ziel? Der Mensch sitzt still, die Maschine rennt sich außer Atem. Ganze Bevölkerungsmassen hebt sie so über Ströme und Gebirge dahin, von Ozean zu Ozean. Der Wandersmann hemmt seinen Schritt, versonnen, an seinen Stecken gelehnt; auch er beginnt plötzlich zu fliegen, aber nur sein Gedanke ist es, der fliegt; die Gegenwart versinkt, der Gedanke trägt ihn im Nu in die fernsten Vergangenheiten. So mich, und den Leser mit mir. Denn nichts ist reizvoller als das Vergleichen. Dereinst hat die Kultur der Griechen und Römer ohne alle Kohlenindustrie ihre vielbewunderte Höhe erklommen, und schon das römische Kaiserreich hat die ganze damalige gebildete Menschheit und eine Fülle von Nationen zu einer großen Verkehrseinheit zusammengefaßt. Die antike Heerstraße taucht vor uns auf, der Falernerwein und sein Versand, die Depeschenboten des Senats, der Vergnügungsreisende, der es in Rom nicht aushält, der Apostel Paulus, dessen Wirken ohne angemessene Beförderungsmittel nicht denkbar war. Wenn Paulus Briefe schrieb, so mußten sie auch befördert werden; wenn er von Jerusalem nach Korinth und Rom wollte, so mußte ein Passagierschiff ihn mitnehmen. Hat das antike Verkehrswesen seinen Aufgaben genügt? und läßt es sich mit dem heutigen annähernd vergleichen[63]?

Tafel 4

Weintransport, Wandbild aus Pompeii.
(Neapel, Museo nazionale.)