Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens.
Wir betreten die sonnigen Länder des Mittelländischen Meeres. Da fehlt jede Hast; alles atmet die Ruhe des Südens, der Antike. Die Affekte der Menschen sind lebhaft und heiß, der Arbeitstrieb dagegen ist gemächlich und liebt das Ausruhen. Die Straße belebt das Maultier, das Ochsengespann, und am Lastkarren kreischen die Räder, die schwere Radscheiben sind, wie man sie jetzt noch in der Türkei hat. Dies unser erster Eindruck. Daß wir heute die Lokomotive lateinisch benennen, ist ein närrischer Umstand; ebenso ist Veloziped lateinisch. Aber modernes Latein; der Römer kannte diese Wörter nicht. Wohl aber ist das „cito“, das wir früher auf unsere Eilbriefe setzten, römisches Erbe; lateinisch auch der „Kurs“ unserer Kursbücher und die „Stationen“. Sobald aber die physikalische Wissenschaft eingreift und ihre Erfindungen bringt, stellt sich das Griechisch ein. Mit „Auto“ bezeichnen wir, was immer sich automatisch bewegt. Auch „elektrisch“ ist griechisch, griechisch „Telephon“ und „Telegraph“; die Doppelsilbe „Tele“ bedeutet uns alle Fernwirkung ins Endliche und Unendliche, und es ist darum zu verwundern, daß wir unser Geschütz Mörser und Kanone und nicht lieber „Telemach“ nennen. Denn Telemach, des erfinderischen Odysseus Sohn, ist eben der aus der Entfernung Kämpfende.
Das alte Griechenland war freilich viel zu winzig, um selbst praktisch vorzugehen. Denn in zwei Tagen lief ein Läufer von Hauptstadt zu Hauptstadt, von Athen nach Sparta[64]. Was wollte man mehr? Wozu erst durch das wilde arkadische Gebirge Straßen schlagen? Auf der felsigen Insel Rhodos fuhr überhaupt nie ein Wagen[65]. Der Schnelläufer (der Hemerodrom) war Griechenlands Ruhm, und er genügte. Wohl aber hat uns Griechenland die Ideale geliefert: es ersann den Botengott Merkur, der mit dem Stab und auf dem Flügelschuh durch die Luft springt. Darum schmückt Merkurs Gestalt noch heute bei uns tausend Bahnhöfe. Er ist der intelligente Bote, und alle Meldung richtet er nur mündlich aus. Anders die Göttin Iris, die die Briefpost vertritt. Wie der Regenbogen schnellt Iris durch den Äther, aber der Gottvater Zeus traut ihrem Gedächtnis nicht und gibt ihr seinen Auftrag oft schriftlich in die Hand: Himmelsbriefe, die jedem Sterblichen sein Schicksal, Freudiges und Trauriges, bringen[66]. So ist es mit den Briefen auch noch heute.
Griechen, Perser, Karthager. Späte Entwicklung Roms.
Nicht Hellas, sondern das große Perserreich des Darius hat dereinst vorbildlich das Straßenwesen und Nachrichtenwesen entwickelt. Im Buch Esther lesen wir vom bösen König Ahasver, der dort von Indien bis zum Mohrenland herrscht. Der König erhebt sich im Grimm und schickt an einem Tage an alle seine „hundertsiebenundzwanzig Länder“ Boten mit dem schriftlichen Erlaß der Judenverfolgung; jeder Erlaß in anderer Landessprache. Da sehen wir, so kurz die Worte sind, die große staatliche Organisation des Meldewesens, das damals über Persien und die ganze Türkei ausgriff, vor Augen. Daher auch die persischen „Parasangen“, die Meilenmessung der Straßen, und die „Angaren“ (berittene Eilboten), von denen der alte Herodot uns redet. Die Karthager waren die Schüler der Perser und haben dann alles dies in ihrem nordafrikanischen Landbesitz früh nachgeahmt. Die raschen Züge und Ritte Hannibals und anderer punischen Führer setzten unbedingt einen hochentwickelten Straßenbau voraus. Das straßenlose Meer dagegen haben die Griechen, diese echtesten Seeleute, im Wettbewerb mit den Phöniziern, erschlossen, das Meer, das für den Schwimmer selbst Straße ist. Wundervoll schön und reich entwickelt war die schlanke Triëre, das griechische Kampfschiff, das wie ein Tausendfüßler auf seinen Rudern daherschoß; nützlicher das Frachtschiff, das in der Größe unserer Briggs und Schoner mit hohen Segeln und starken Masten sich in die Wogen legte und in langen Karawanen durch die Wasserwüste Poseidons zog, um Gefäße und Metallwaren, Korn und Wein, Baumaterial und tausend Rohstoffe und Industriewaren im Austausch von den Mutterstädten in die fernen Kolonien zu tragen.
Wie anders das Römervolk! Ein wasserscheues Bauernvolk war es von Haus aus, träge und bis zum Stumpfsinn unbeweglich, und hat erst spät, erst als das Bedürfnis dringend wurde, all jene Dinge dem regsamen Ausland abgelernt. Die Zeit der lokalen Kleinkriege war vorüber; die Verhältnisse zwangen plötzlich zu großen Leistungen, und sogleich half den Römern die griechische Intelligenz. Die griechischen Techniker machten alsdann alles. Der herrische Römer ließ andere für sich arbeiten, aber er wußte treffsicher mit politischem Weitblick und Scharfblick die Ziele zu setzen. Charakteristisch ist, daß der Eigenname „Cursor“, der „Läufer“, nur an einer römischen Familie, der Papirier, haftete. Vom Papirius Cursor redet uns der Historiker Livius. Der haltungsvolle Römer lief sonst nicht gern; der alte Papirius fiel durch seine Schnellfüßigkeit auf[67].
Stadtklatsch. Ausrufer. Maueranschläge. Brieftafel.
Die Hügelstadt Rom selbst besaß in ihrem Inneren nur wenige fahrbare Straßen wie die „via lata“, auf denen die Transporte in die Stadt per Achse kamen (die „sacra via“ war Prozessionsstraße). Man schritt und kletterte sonst nur durch schmale Gassen (clivi und vici), die man darum zusammenfassend „Gänge“, itinera (von ire), nannte. Aus Gängenvierteln und einigen Marktplätzen bestand die Stadt. Die müßige Menge sammelte sich, wie es noch heute im Süden ist, an gewissen Standorten, und sie war nun auch ihr eigener Bote und Berichterstatter; geschah etwas Neues, so rauschte es in der Stadt gleich von Mund zu Mund. Wenn die Senatoren beraten, staut vor der Sitzungshalle sich die Menge und lärmt so lange, bis jemand notgedrungen heraustritt und die Neugier vorläufig befriedigt. Heulender Protest erhebt sich, wenn ein mißliebiges Edikt herauskommt[68]. Ein Gesetz gegen den Frauenluxus soll es geben; der strenge Cato ist am Werk: da rotten sich die Weiber, die davon hören, an allen Kreuzpunkten, umstellen geradezu das Forum, so daß ihnen kein Mannsbild entgeht, und bearbeiten sämtliche Stimmfähigen, damit der böse Antrag zu Fall kommt[69]. Agitation und Klatsch: das ist römisches Straßenleben. Es verlautet, daß ein gewisser Rutilus gestern ein glänzendes Essen gegeben hat, und Rutilus ist doch so arm! Gleich wissen das alle Müßigen, und das Räsonnieren geht los, in den Tempelvorhallen, in den Thermen und Friseurbuden[70].
Aber auch das Ausrufen ersetzte die Meldung. Das Kalenderwesen war schwierig; das Publikum mußte wissen, wie in jedem Monat gewisse Termine lagen; an jedem Ersten erschien auf dem Kapitol ein Priester (pontifex) und rief den Eintritt der „Nonen“ aus[71]. Dazu nun die Ausrufer von Beruf, die die Stadt bezahlte, jene altmodischen Figuren, die wir auch in unseren deutschen Kleinstädten noch vor etwa 50 Jahren an den Straßenecken regelmäßig tätig sahen, als Ersatz für Tageblatt und Lokalanzeiger. In Rom fehlte ihnen die Schelle; sie hatten nur ihr dröhnendes Organ und verkündeten nicht allein lautschallend die Angebote bei den Auktionen, sondern auch Wichtigeres: „Morgen, ihr Bürger, die feierliche Beisetzung des großen Aemilius Paulus, der den König von Mazedonien besiegte; als Leichenspiel wird eine Fabel des Terenz gespielt;“ oder: „Die Gladiatoren aus Capua sind da; morgen wird das Forum für sie mit Sand bestreut.“ Auf demselben Forum Roms, diesem Zentrum der Weltgeschichte, finden die Herren Senatoren sich natürlich täglich zusammen; Cicero steht da plaudernd mit Pompejus und Lukull, macht seine Witze und freut sich, wenn Lukull ihn freundlich zu Tisch einladet: da fährt der Ausrufer dazwischen und schreit: „Die Sitzung geht an!“ und die Herren schieben sich in die Kurie, um über die Eroberung Galliens oder über die Schulden des jungen Königs von Ägypten zu beraten.
Aber auch das schriftliche Verfahren bestand. Durch Anschrift an den Mauerwänden wurden die neuen amtlichen Verfügungen bekanntgegeben. So, wie heute der Landrat im „Blättchen“ seinen Kreis zur Feststellung der Menge des vorhandenen Schlachtviehes auffordert oder mitteilt, daß die Blutlaus den Obstbau schädigt und daß von ihrem Auftreten der Behörde sofort Anzeige zu machen ist, so las das Publikum damals im Maueranschlag das neue Korngesetz oder den Wehrbeitrag, den der Bürger fortan zu zahlen hatte. Am Schluß des Jahres gab es in gleicher Form ein Verzeichnis aller wichtigen Jahresereignisse, von den Schlachten an, die der Römer wieder einmal gewonnen hatte, bis zum fünfbeinigen Kalb, das irgendwo auf dem Lande geboren war, und jeder konnte sich Abschrift nehmen von dem, was ihn anging. Proskriptionen hießen solche öffentlichen Maueranschläge. Als Sulla seine Menschenhetze eröffnete, gab er in derselben Weise die Namen seiner Opfer vorher in allen Straßen Roms bekannt, am ersten Tage 80 Namen; an den folgenden ging es in die Hunderte. Dadurch sind die unschuldigen Proskriptionen zu einem Wort des Schreckens geworden; es waren „Anschläge“, die der Tyrann auf das Leben seiner Mitbürger machte.