Da taucht also die Laus auf, nach der wir mit der Lupe suchten, und sogar ein Gefecht, eine Phtheiromachie; aber nur, um wieder fast völlig für uns zu verschwinden. Aristophanes hat an der angegebenen bedeutsamen Stelle das Programm der ganzen klassischen Literatur aufgestellt: das Programm der Läuselosigkeit.

Bad; Gymnastik; Rasieren. Die griechischen Frauen.

Woran liegt das? Die Antwort kann nur sein: an der außerordentlichen Reinlichkeit der Städter, die selbst für die kleineren Stadtgemeinden („Poleis“) Altgriechenlands bezeugt oder doch vorauszusetzen ist. Das leidet keinen Zweifel. Denn nicht nur in den Gymnasien allerorts war Wasch- und Badegelegenheit; es gab auch noch besondere Badeanstalten mit Wannen[149], und auch selbst in den Häusern der kleinen Bürger gab es regelmäßig Badetröge, Badewannen, Badestuben. Man lese dafür solche Stellen wie in des Aristophanes Wespen (v. 141) und Thesmophoriazusen (v. 559). Ein unzurechnungsfähiger, unruhiger Alter will aus seinem Haus; er wird aber nicht herausgelassen; die Tür ist abgeschlossen. Da fürchtet man, er könne von seiner Badestube aus durch den Wasserablauf schlüpfen und so den Ausgang finden. Ein andermal hat sogar angeblich ein Mord in der Familie stattgefunden, und unter der Badewanne im Haus hat man den Ermordeten eingescharrt. Das gibt uns Einblick in die bescheidenen bürgerlichen Wohnhäuser Alt-Athens im 5. Jahrhundert v. Chr., in denen sonst die Hühner und Schweine mit herumliefen. Ein vielgescholtener Demagog Athens war damals Kleon; von ihm wird uns berichtet, wie er den „Demos“ auf das schlaueste gängelt und verzieht; er läßt ihn morgens Gericht halten, schickt ihn dann ins Bad, dann zum Essen und zahlt ihm dazu Tagegelder aus der Staatskasse. Der „Demos“ aber ist das Gesamtvolk der Stadt; ganz Athen badete, wenn der geschäftige Vormittag vorüber[150]!

Was die Männerwelt betraf, so kommt nun die Nackt-Turnerei in den geschlossenen Räumen der Gymnasien dazu; und dazu diente das Öl. Ein Turner ohne Einölung der gesamten Körperhaut war für die Griechen nicht denkbar; ständig wurde deshalb auch nach dem Abschluß der Sportübungen mit dem Striegel Öl und Schweiß vom ganzen Körper abgeschabt. Wo war da noch Raum, ein geruhsamer Wirkungskreis für Insekten? Man denke an den marmornen „Schaber“ des Lysipp im Vatikan. Wie können an solchem Jüngling Parasiten haften?

Eine gleichsam absolute Reinlichkeit, die sich noch steigerte, als nun gar auch das Rasieren Pflicht wurde. Durch 500 Jahre geht das ganze Altertum, und zwar auch die alten Herren, mit so ausrasiertem Gesicht wie Napoleon, Goethe und Schiller. Man denke an den Alexanderkopf, an Julius Caesar, Augustus, Menander. Im Bartwuchs aber findet sonst das lausige Getier gern Unterschlupf, wie das Wild im Walde[151]. Der Unterschlupf war damit niedergelegt. Nur gewisse Fanatiker des Naturwüchsigen, Philosophen und dergleichen, fügten sich der neuen Mode nicht.

Etwas anders steht es mit den Frauen. Sie badeten zwar fleißig, aber sie turnten nicht und ölten sich nicht ein[152], und insbesondere ihre Frisur konnte leicht zur Heimstätte des Gefürchteten werden. Es bestand die Redensart, wenn eine Frau in Trauer war und darum ihr Haupthaar sich glatt wegscheren ließ, sie werde bis auf die Laus geschoren[153]. Das läßt freilich tief blicken.

So begegnet uns denn in der Tat ein einziges Mal eine Dame der feinen Welt, die auch wirklich an diesem Übel litt. Die bessere griechische Gesellschaft und ihr Geistesleben war nicht denkbar ohne die schöne Halbwelt; die Hetären waren, wie allbekannt, Vertreterinnen der besten Bildung, des guten Tons und des Geschmacks, und Künstler, Dichter, Politiker und Philosophen wurden von ihrer Lebenskunst gefesselt. Daher besitzen wir ganze Kataloge von Namen dieser anziehenden Schönheiten. Eine einzige unter ihnen, die Phanostrate, führte den Spitznamen „die am Läusetor“ (Phtheiropyle, gebildet wie Thermopyle), warum? Weil sie die Gewohnheit hatte, vor ihre Haustür zu treten und sich dort die Läuse abzusuchen. Es war gewiß gut, daß sie dies Geschäft nicht in ihrem Hause besorgte. Demosthenes hat in seinen Reden diese Person erwähnt; aber er gibt uns den garstigen Spitznamen nicht; ein Demosthenes nimmt den nicht in den Mund. Nur das Volk Athens hat die Dame so gerufen[154]!

Sokrates. Kyniker. Läuse fehlen auch in der röm. Literatur.

Nichts ist auffallender als Sokrates, den uns Plato in unzähligen Schriften schildert und hinstellt, als ob er vor uns lebte. Plato weiß ganz wohl, daß es Läuse gibt, und da, wo er über verschiedene Künste handelt, stellt er einmal auch mit der Kunst der Strategie und der Jagd die Kunst des Läusefangs zusammen; neben der Strategie und Thereutik steht also die Phtheiristik[155]. Man sollte sich diesen Ausdruck merken, da wir für alle guten Künste so gern griechische Fremdwörter brauchen! Von Sokrates nun aber versichert uns Plato, daß er sich, mit wenigen glorreichen Ausnahmen, nie wusch und badete und daß er immer barfuß ging. Trotzdem kann der Verdacht, eine Laus an Sokrates zu finden, nicht aufkommen. Plato selbst läßt solchen Verdacht nicht zu. Ist es nur Pietät? sollte von ihm nur deshalb, weil er der erhabene Träger aller edelsten Gedanken ist, das gemein Triviale ferngehalten werden? Vielmehr ist Sokrates in Wirklichkeit sauberer als sein Ruf gewesen. Er war durchaus hoffähig, so schlicht er auftrat. Die eklen Standesunterschiede, die heute leider dem Adligen und Landbaron mit dem Fabrikarbeiter, dem Professor mit seinem Flickschuster einen täglichen Verkehr nicht gestatten, gab es in jenem glücklichen Athen noch nicht. Ob reich ob arm, der Männerverkehr stand ausschließlich auf Du und Du: selbst den Kaiser Roms hat jeder armseligste Eckensteher geduzt; und Sokrates, der dürftige, zieht also auch, ohne Anstoß zu geben, die ersten Größen der Stadt, wo er will und so oft er will, in seine Gespräche und tritt, wie er ist, als gern gesehener Gast in die vornehmsten Häuser Athens ein. Er hat durch das, wonach wir suchen, sicherlich keinen Anstoß gegeben; er war immun.

Und was von ihm galt, gilt nun auch von den eigentlichen Straßenphilosophen, die sich deshalb die Hundsphilosophen, die Kyniker nannten, weil sie bedürfnislos wie die Tiere leben wollten. In der Tat sind die Kyniker für die Bettelmönche des Mittelalters, insbesondere für das Mönchtum der griechisch-orthodoxen Kirche, die eigentlichen Vorgänger gewesen. Aber wenn diese christlichen Mönche die Läuse, mit denen Gott der Herr sie plagt, als eine Zuwendung des Höchsten sorglich hüten, die wahren Läuseheger und Läuseträger, so läßt sich das von einem Diogenes und seinesgleichen keineswegs behaupten. Es ist jener Diogenes, der in Athen in einem tönernen Faß auf dem Tempelgrundstück des Metroons seine Wohnung aufschlug. Sehen wir näher zu, so erfahren wir, daß der Mann badete wie jeder andere, ja daß er sich auch einölte, wie ein rechter Grieche. Er war eben Städter und kein Dorfbewohner. Überdies stellte er sich gelegentlich nackt in den Winterregen, so daß alle über seine Abhärtung staunten. Als er in eine Badeanstalt kommt, die nicht sauber genug gehalten ist, fragt er: „Wo reinigen sich die, die hier baden[156]?“ Ein beredteres Zeugnis für die Bedeutung des Bades bei den Griechen, als dieses, kann es nicht geben.