Mit dem Römervolk steht es nun aber nicht anders als mit den Griechen. Wer kann es wagen, einen Cicero, Vergil, Seneca und Tacitus in Zusammenhang mit diesen Dingen zu bringen? Der Stich der Wassermücke war unangenehm; der wird in einem kleinen Epos von Vergil oder einem Vergilnachtreter einmal wirklich gefühlvoll besungen[157]: ein schlafender Hirte wird durch den Stich der Wassermücke geweckt, als gerade eine Schlange im Gras auf ihn lauert, und das Tierchen hat so dem Menschen das Leben gerettet; aber eine Laus naht sich dem Hirten nicht. O nein! Begreiflich genug. Denn die römische Kultur war eben im Geistigen und Technischen, in allem Nützlichen und Schönen griechisch. Ja, gerade für das Badewesen hat der Römer nicht nur in der Tiberhauptstadt, sondern auch in den kleinsten Nestern Italiens und allen Provinzialstädten wie Trier, auch in den Soldatenlagern wie im Kastell der Saalburg noch viel mehr getan als der Grieche. Es war ein Schlemmen in wohliger Nässe in den öffentlichen römischen Thermen, die gerade nur für das niedere Volk bestimmt gewesen sind und, um große Volksmassen aufzunehmen, die Größe unserer größten Kirchenbauten durch ihren Umfang weit übertrafen. Kleine Badeanstalten von Privatunternehmen gingen noch nebenher; der Reiche hatte seine eigenen Marmorbäder in seinen Villen und Palästen und protzte damit, so daß die Ärzte warnen: es wird zuviel gebadet, das Volk wird verweichlicht! Die weit über Land geführten römischen Wasserleitungen waren womöglich noch großartiger als ihre berühmten Militärstraßen. In all dem Wasser mußte das Fußvolk der Läuse zu Grunde gehen.

Fehlen bei d. Spottdichtern, anders in d. älteren Zeit Roms.

Spottdichter, die auch das Widerwärtigste heranziehen, hat Rom genug gehabt; alte Vetteln, die bei lebendigem Leibe verfaulen[158], mit grünen Zähnen und krankem Zahnfleisch; Grind und Aussatz am Kopfe und übler Mundgeruch; Bocksgeruch der Männer; Triefäugige; einer, der sich mit Urin die Zähne putzt; vergoldete Nachtstühle und ihre Benutzung[159], und noch Ärgeres sind ihre Themen. Nicht nur Catull und Horaz, vor allem hat uns Martial zwölf ganze Bücher voll schlimmster Anzüglichkeiten hinterlassen. Daß aber vor Unsauberkeit sich jemand einmal jucken muß, wird von ihnen niemals irgend jemandem aufgemutzt. Die Laus fehlt[160]. Jemand sitzt einsam; es wird gefragt: „Ist jemand bei ihm?“ Antwort: „Nicht einmal eine Fliege!“ Über die Fliege geht die Phantasie nicht hinaus[161].

Einmal taucht allerdings auch die Wanze auf. Im Haus des Furius, sagt Catull, herrscht ein solches Hungersystem, daß sogar die Wanze auswandert, weil sie da ihr Dasein nicht fristen kann[162]. Diese Plage fand sich also allerdings in vielen Häusern; aber sie gehört nicht zu unserem Gegenstand.

Hieran reiht sich die Beobachtung, daß ja auch die Tiere Läuse haben. Auch das entzog sich natürlicherweise der Kenntnis der Alten nicht; vielmehr gingen sie so weit, wo es nötig schien, auch an den Tieren die Läuse sorglich zu entfernen. Hoch entwickelt war die Pferdezucht, Fischzucht, Geflügelzucht, und betreffs der Hühner galt nun die Vorschrift, daß man den Kücken in der Zeit, wo die Federn sich bilden, die Läuse „häufig“ absuchen soll; so schreibt es der gelehrte Landwirt Varro in seinen landwirtschaftlichen Gesprächen vor (De re rustica III, 9, 14). Das förderte die gesunde Entwicklung der Tiere.

So viel von der Sauberkeit des Römers. Aber so war es nun doch nicht immer in Rom. Ganz anders steht es auffälligerweise in der altrömischen Poesie, als sie noch in ihren Anfängen steckte. Da regte sich wirklich das Tierleben noch auf der Menschenhaut. In den alten Bühnenstücken, da regt es sich. Woher kommt das? Das Bäderwesen fehlte nachweislich zu jenen Zeiten in Rom noch, oder es war noch ganz unentwickelt; ich meine die Zeiten der Scipionen und Gracchen, das 3. und 2. Jahrhundert v. Chr., und damit wird es um so klarer, daß am Bäderwesen alles liegt.

„Du hast ja eine einsame Laus von ungeheurer Größe auf deiner Nase sitzen!“ so wird in jenen Theaterstücken gerufen[163]. Es war natürlich sehr auffallend, daß es nur eine war, denn man traf sonst immer viele gesellig beisammen. „Der Lausbedeckte“ ist eine altlateinische Wendung, die an Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrig läßt[164], und ein solcher Mensch kam damals in den Volksstücken des Titinius auch wirklich auf die Bühne, wo es hieß: solcher Dreckmensch gehört aufs Land[165]. In den Liebeshändeln, die Plautus uns vorführt, sind die bösen Kuppler, die schöne Mädchen anpreisen und von den Jünglingen Geld erpressen, ständige Figuren. Plautus nennt diese Kuppler, diese Aussauger, die Läuse, Wanzen und Flöhe der Großstadt[166].

Noch älter als er ist der Dichter Livius Andronicus, der ein Soldatenlustspiel „Das Schwertlein“ (Gladiolus) schrieb; wir besitzen es nicht; aber eine Stelle ist uns daraus erhalten, die uns so viel erkennen läßt. Der Kriegsmann prahlt immer in hohen Tönen und wird deshalb immer zum Narren gehalten. Hier prahlte er in einem Schlachtbericht, den er gab, ungefähr so:

An fünfhundert, nein, an tausend schlug ich tot an einem Tag!

Prompt folgt darauf die höhnische Frage: