Meinst du Flöhe, meinst du Wanzen, meinst die Läuse? sag’ mir doch!

Komödie. Lucilius. Die Fabel Sullas. Julian.

Da haben wir also sogar den Kampf mit den Läusen, die Phtheiromachie, die sich unseren Augen bisher völlig entzog; es wird die Möglichkeit vorausgesetzt, daß damals ein Kriegsmann in offenbar höherer Charge einen solchen furchtbaren Kampf wirklich zu bestehen hatte. Schlimmer aber noch eine Szene in den Satiren des Lucilius; leider sind uns auch diese Satiren nur in dürftigen Fetzen erhalten. Auf alle Fälle erkennen wir, daß sich da irgend jemand bei dem Dichter einschmeicheln will, und was tut er? Es heißt: „Als der Kerl mich sieht, strahlt er mich an, dann tätschelt er mich mit der Hand, fängt an, mir den Kopf zu krauen und sammelt die Läuse[167].“ Da haben wir Alt-Rom. Da haben wir noch echtes, ungebadetes Leben. Auch in der Plautus-Komödie „Vidularia“ wurde etwas Ähnliches erzählt[168]. Und in solcher Hilfe zeigte sich also die Liebenswürdigkeit der Menschen. Einer hilft dem andern. Nicht anders machen es ja die Affen; nicht anders machen es aber auch die Leute noch heute im sonnigen Neapel, auf offener Straße, in Neapel, das seine antiken Volksbäder leider seit langem verloren hat.

Ich bemerke noch, daß jene altrömischen Lustspieldichter, die ich erwähnte, zwar ihren Stoff vielfach von den griechischen Dichtern entlehnt haben; aber solche Einzelzüge trugen sie nach freiem Ermessen hinein. In den griechischen Vorlagen stand sicher davon nichts; daher bietet uns auch der feinste der römischen Komiker, Terenz, nichts derart; er folgte am treuesten den griechischen Originalen.

Mit den Ackerknechten zu Sullas Zeit stand es begreiflicherweise noch nicht besser als in den Verkehrskreisen des Lucilius. Sulla ist es, der den Stadtrömern drohend von dem Bauer erzählt, den bei der Arbeit die Läuse bissen. Zweimal ließ der Mann geduldig den Pflug stehen und suchte seinen Kittel sorgsam nach ihnen ab; als sie ihn dann aber noch weiter bissen, schmiß er den Rock ins Feuer. Sulla will sagen: so ist Rom der Rock, den ich trage, ihr Römer seid die schmarotzenden Kerfe mit dem Saugrüssel, die ihn bevölkern; verbrennen werde ich Rom, wenn ihr nicht aufhört mich zu plagen[169].

In der Umgegend Neapels, da spielt nun aber auch der satirische Roman des Petron, und damit stehen wir in der Zeit der Hochkultur, in der Zeit des Kaisers Nero. Beim Gastmahl des höchst ordinären Geldmannes Trimalchio sind auch ein paar Leute aus dem niedrigsten Volke zu Gast, die unendlich plebejische Reden führen. Da steht auch ein Satz, der uns an den bekannten biblischen Satz vom Splitter und Balken im Auge erinnert; es werden dabei die gemeine Laus und die große Schaflaus unterschieden, und der Kerl sagt also: „Am andern siehst du die Laus; die Schafslaus, die du selber hast, siehst du nicht!“ (in alio peduclum vides, in te ricinum non vides. Petron. c. 57). So etwas war also damals in Süditalien möglich, wo auch gerade die Schafzucht besonders blühte. Wohlgemerkt aber steht dort diese Wendung nur als Sprichwort und bildlicher Ausdruck, ganz so wie wir den Splitter und Balken im Auge nicht wörtlich nehmen, und es wird bei Petron nicht etwa vorausgesetzt, daß Trimalchio’s Gäste auch von jenen Tieren behaftet waren.

Es bleibt noch Kaiser Julian, der im 4. Jahrhundert n. Chr. lebte, und damit nähern wir uns der geheiligten Majestät selbst auf dem Thron der Welt. In seiner Satire über das Barttragen tut dieser Kaiser so, als hätte er wirklich höchstselbst Läuse im Bart. Um sich den weichlich verwöhnten Großstädtern in Antiochia, die ihn ohnedies hassen, noch grauenhafter zu machen, sagt er das. Das ist bizarr; der Mann ist greller Ironiker, und wir brauchen seine Versicherung ganz gewiß ebensowenig ernst zu nehmen wie das, was wir im Petron lasen[170].

Ordinäres Volksleben geben uns endlich vielfach auch die spätlateinischen „Glossare“, lexikalische Sammlungen, die heute im Abdruck reichlich vier Bände füllen. Da sehen wir endlich auch noch gelegentlich den pediculus und den pediculosus mit verzeichnet. Das gehörte zu Vollständigkeit solcher Wörtersammlungen. Aber ein Schimpfwort, das unserem „Lausbub“ oder „Lausekerl“ entspräche, hat der Römer nie gebildet; auch der Grieche nicht. Es muß an Anschauung gefehlt haben; sonst hätte die reiche und unverblümte Sprache des Altertums sich solches Kraftmittel, die Verachtung auszudrücken, gewiß nicht entgehen lassen.

Die Läusekrankheit. Läuse bei den Barbaren.

Habe ich meinen Gegenstand hiermit erschöpft? Man wird mich an den Tod Sullas erinnern. Sulla, der Tyrann Roms, den ich schon einmal erwähnte, starb an der entsetzlichen Krankheit der Phtheiriasis. Es tat den alten Völkern wohl, wenn böse Menschen gerade durch sie, durch diese „Läusekrankheit“ zu Grunde gingen, so wie auch den Herodes, den König der Juden, die Würmer zerfraßen[171]. Am öftesten werden die „Läuse“ von den Griechen und Römern gerade nur in Anlaß dieser Krankheit erwähnt, aber gerade da täuschten sie sich vollständig. An Geschwüren ging Sulla zugrunde; auf den ausbrechenden Geschwüren bildete sich Gewürm; daß man dies Gewürm für Läuse hielt, die gar durch Urzeugung da erst ihre Entstehung fanden, war ein naiver Irrtum; darüber ist sich die heutige medizinische Wissenschaft wohl einig, und es verrät sich uns auch darin, wie wenig genau jene alten Kulturvölker die Laus im Grunde gekannt haben. Charakteristisch ist auch, was wir beim Aelian „Über die Tiere“ IX, 19 lesen: wenn das Tier Galeotes (anscheinend eine Eidechse) in Wein fällt und darin stirbt, so schadet das nichts; ertrinkt es dagegen in Öl, so stinkt das Öl und, wer davon trinkt, dem wachsen die Läuse aus der Haut hervor! Wir können diese Unkenntnis der klugen Leute nur mit Neid betrachten.