Lassen wir also jene abenteuerlichen Krankheitsberichte ganz beiseite. Aus alledem aber erklärt es sich nun endlich auch, daß die Griechen die ihnen so fremd gewordene Insektenplage gelegentlich an auswärtigen, barbarischen Völkern als Merkwürdigkeit hervorhoben; es geschieht wiederum offenbar mit Erstaunen und Entsetzen.

Als der edle Grieche Phalanthos aus seiner schönen Heimat auswandern muß, überfällt ihn in der Fremde, im „Elend“, diese Plage; seine Frau aber ist mit ihm, nimmt ihn auf den Schoß und säubert ihm das Haupt. So erzählte die Sage[172]. Dann aber meldet sich der alte Ethnograph Herodot (im 5. Jahrhundert v. Chr.) zum Wort. Die ägyptischen Priester, so erzählt er, sind reinlicher als die sonstigen Ägypter und treiben es darin bis zum äußersten; sie bescheren sich den ganzen Körper, jeden dritten Tag, damit keine Laus noch anderes Ungeziefer sich einfinde; auch die leinenen Kleider, die sie tragen, sind immer frisch gewaschen[173]; und von einem anderen, unkultivierteren afrikanischen Volksstamm erzählt Herodot: ihre Weiber waschen sich die Haare, und wenn eine von ihnen von einer Laus gebissen wird und sie erwischt, so beißt sie sie zunächst aus Rache wieder und beißt sie tot, bevor sie sie wegwirft[174]. Die griechischen Geographen aber, Strabo voran, die die Gegend nördlich der Krim und des Asowschen Meeres (Maeotis) beschreiben, verzeichnen da ein Volk, das von den Griechen kurzweg die „Läusefresser“, die Phtheirophagen, genannt wurde[175]. Wegen ihrer Ruppigkeit und ihres Schmutzes hießen sie so, wie Strabo uns sagt.

Und damit sind wir glücklich in Südrußland angelangt. Die „Phtheirophagen“, so könnten auch jetzt noch die Südrussen heißen! Schon um die Zeit vor Christi Geburt war es im Don- und Wolga- und Dnjeprgebiet nicht anders, als es jetzt ist. Ja, wir dürfen voraussetzen, daß diese Spezialität auch damals schon bedeutend weiter nach Norden und bis in die Gegend von Warschau, von Pinsk und Minsk reichte. Auch unsere Feldgrauen in Polen und Littauen redeten ja mit Hohn und Ingrimm von den „Läusefressern“, als hätten sie den Ausdruck aus Strabo genommen. Die Läuse, die dort in den Kriegsjahren unter unsäglicher Pein und Beschwerde von unseren braven deutschen Kriegern gefangen wurden, sind ein zähes Geschlecht, von uraltem Adel, dessen Ahnen schon in den alten Geschichtsbüchern der Griechen verzeichnet stehen. Es erben sich Gesetz und Rechte, es erben sich auch der Läuse Geschlechter wie eine ewige Krankheit fort.

Und dazu kommen noch die Serben. Ich sehe eben ein prächtiges Bild in der „Jugend“, 1916, Nr. 5; es ist von A. Schmidhammer gezeichnet. Die flüchtigen Serben sind auf Korfu gelandet; im Garten des kaiserlichen Achilleions steht dort die Statue des herrlichen jungen Achill; ein alter, müde gehetzter Serbe schläft zu Füßen der Statue ein, und die Läuse krabbeln nun von dem ungewaschenen Kerl aus gierig am Bein des hohen Griechenhelden hinan, der sich ganz befremdet an den glatten Schenkel faßt und seine erhabene Gestalt zu der niedrigsten aller Untersuchungen herunterbückt. Modernes Slawentum und klassisches Altgriechentum! Da haben wir den Gegensatz im Bilde!

Wohl uns Deutschen, daß wir uns sagen können: unser deutscher Soldat ist der saubere Erbe jener alt-hellenischen Kultur, die das Leben erst lebenswert machte[176]. Krieg allen Phtheirophagen! Es lebe im Deutschen das Griechentum! Mit keinem besseren Schlachtruf könnte ich diese meine Betrachtung schließen.

Der Mensch mit dem Buch.

Oft haben im Leben der Völker handwerksmäßig mechanische Erfindungen von der größten Unscheinbarkeit die größte Tragweite für den Aufstieg der Kultur gehabt. Prometheus, der das Feuer vom Himmel holte, ich meine: der Mann, der den ersten Funken aus dem Stein schlug, er stellte die Menschheit auf einen anderen Boden; dasselbe tat der Mann, der das erste Schiffssteuer erfand und die erste Meerfahrt wagte — oder der andere, der zuerst aus dem Bergwerk das Eisen holte und es schmieden lehrte: sie änderten das Wesen der Menschheit. Nicht minder denkwürdig ist aber auch der namenlose Erfinder des ersten Buches, des Buches, das — wie das Schiff — Transportmittel, und zwar das wertvollste Transportmittel ist, da es das kostbarste aller Güter, das Geistes- und Gedankenleben der Völker, das menschliche Erinnern von Land zu Land und von Jahrhundert zu Jahrhundert trägt. Auch das Buch gehört im Hochtrieb der Welt zu den wichtigsten Hilfen und ist als solche noch lange nicht genug gefeiert worden.

Ich meine das Buch, das sich vervielfältigen läßt. Das gilt nicht von den Backsteinbibliotheken der alten Babylonier; es gilt vom Buch der Ägypter und der Griechen.

Die erste Offenbarung des Griechentums war Homer; aber Homer war für die Griechen nicht der Erfinder des Buches. Er hatte es noch nicht. Es ist wichtig, dies klarzustellen, und damit muß ich beginnen[177].

Der Naive denkt sich den alten Homer, wie er dasitzt und die 48 Bücher der Ilias und Odyssee dichtend niederschreibt. Auch neuerdings machen sich solche naive Vorstellungen wieder geltend, aber sie widersprechen auf alle Fälle den offen liegenden Tatsachen. Homer kannte die Schrift, allerdings. Einen Brief auf der Schreibtafel erwähnt er selbst einmal bei Gelegenheit des Abenteuers des Bellerophon. Es ist der Geheimbrief, der den Tod des Überbringers fordert. Aber die Tafel ist kein Buch, von dem ich rede. Wer dem Homer das Buch in die Hand gibt, kann ihm auch die Brille aufsetzen; das eine war seinerzeit noch ebenso fremd wie das andere. Andernfalls hätte er ja auch in Prosa schreiben können und die Sache viel leichter gehabt; denn sobald das „Buch“ bei den Griechen wirklich auftaucht, wird Sage und Geschichte sogleich planvoll in Prosa niedergeschrieben.