Alle Poesie der Urzeiten geht im Vers einher, und der Zweck des Verses ist da überall Gedächtnishilfe, die deshalb nötig ist, weil das Buch fehlt. Eben dazu, zur Hilfe des Gedächtnisses dient aber obendarein auch das auffallend Typische in der epischen Sprache, nicht nur in dem „tondapameibomenos“ und tausend anderen ständigen Einführungsformeln, die später zur Parodie einluden, nicht nur in den ewig gleichen und festklebenden Schmuckwörtern wie dem „im Donnergewölk Zeus“, sondern auch in der Repetition ganzer Abschnitte, die so weit geht, daß man meint, Homer plündert sich selbst aus.

Der blinde Homer ohne Buch.

Der gute Dichter kommt uns sogar selbst zur Hilfe; denn er läßt in seiner Odyssee selbst den Sänger Demodokos auftreten, der da ganz in homerischer Weise von Heldendingen erzählt; aber Demodokos ist blind und ist ohne Buch, er kann also nicht lesen und muß lediglich seinem eigenen Geist und Gedächtnis vertrauen[178]. In Demodokos zeichnet sich uns Homer, und nun bedeutet gar der Name „Homeros“ selbst den „Blinden“, nichts anderes. Das sollte Zufall sein? Ilias und Odyssee, die langen Epen sind Blindenpoesie.

Wir besitzen eine alte Biographie des Homer; darin steht: der Dichter hieß ursprünglich Melesigenes; er wurde blind und deshalb, als er in Kyme war, Homer genannt; denn in Kyme nennt man die Blinden „Homere“[179].

So ist der Dichter denn auch in der griechischen Plastik, die sein Porträt formte, von Anfang an deutlich als Blinder dargestellt worden. Das entsprach schon seinem Namen; es war nicht anders möglich.

In primitiven Zuständen sind die blinden Leute auch sonst häufig die Träger der Poesie und des Volks- und Heldengesangs; sie sind die Vortragenden auf den Märkten und Gottesfesten. Schon das deutsche Mittelalter ist Zeuge; denn da heißt es: „so singent uns die blinden“. Ebenso erscheinen sie auch bei den Serben; die lebendigste Anschauung aber gibt, was ich über die Balladendichtung in Palermo lese. Da bestand noch in neuester Zeit und besteht vielleicht noch jetzt eine Kongregation der Blinden, 30 Mitglieder stark, von denen die einen nur vortragen, die anderen aber Neues erfinden; heiliger Ernst ist es ihnen dabei. Von Kindern lassen sie sich führen, wenn sie auftreten. Schon im Jahre 1661 ist diese Blindengilde dort gegründet worden. Was sie aber singen, sind Banditengeschichten von Testalonga, Fradiavolo, Tabbuso und Zuppa. Das sind die Achill und Odysseus, die Helden dieser sizilianischen „Homere“[180].

Daß es nun auch bei den Griechen jener alten Zeiten mehr als einen „Homer“, d. h. mehr als einen blinden Sänger gab, ist zweifellos. Es war offenbar auch bei ihnen ebenso wie bei den Deutschen, den Serben und den Leuten in Palermo der allgemeine Beruf des Blinden, der sonst keine Beschäftigung hat, zu singen und Geschichten zu ersinnen. Man braucht nur den blinden Demodokos neben den Dichter des homerischen Apollohymnus, der sich sogar selbst den „blinden Mann“ nennt, zu halten, um das einzusehen.

Wollen wir nun gleichwohl ansetzen[181], daß die blinden Berufsdichter, auf die Ilias und Odyssee zurückgehen, doch auch schon Schreibergehilfen hatten, die die neuen Gesänge entweder sogleich oder bald hernach schriftlich sicherstellten, so waren, wenn wir genau zusehen, gegen 500 Schreibtafeln nötig, um die etwa 28000 Zeilen der beiden Epen aufzunehmen[182]. An eine Wahrung der Texteinheit war dann also schlechterdings nicht zu denken; sie war vollständig zertrümmert und eine chaotische Verwirrung der vielen hundert Holztäfelchen die fast unausbleibliche Folge.

Homer ist sonach in jedem Fall der Mensch ohne Buch. Im Verfolg soll dagegen vom Menschen mit dem Buch, wie ihn das Leben zeigte und die Kunst der Alten ihn dargestellt hat, die Rede sein.

Woher das Buch nehmen? Der Boden Griechenlands selbst war an vegetabilischen Erzeugnissen zu arm oder das praktische Genie der Griechen war nicht entwickelt genug, um das „Papier“ zu erzeugen, durch das allein ein Buch ermöglicht wird, das sich für literarische Zwecke eignet.