Die Schrift war allerdings längst da. Man zeichnete sich ein Bild an die Wand und verstand sich. Nichts war natürlicher. Dann kürzte man das Bild zu andeutenden Linien ab, und der Buchstabe war fertig. Einen großen Fortschritt bedeutete es, als der Grieche die Silbenschrift des Orients, die den Vokal nicht ausdrückt, zur Buchstabenschrift, die jedem Einzellaut im Wort gerecht wird, verfeinerte. Das war die erste große grammatische Leistung des Griechentums im Dienste der Phonetik. Aber worauf schreiben?

Schreibmaterial der ältesten Zeit. Weitere Dichter ohne „Buch“.

An Schreibflächen fehlte es nicht[183]. Man ritzte die Grüße oder Anweisungen, die man auf dem Herzen hatte, in die Haustüren oder in den Baum am Weg oder in die nächste Felsenwand. An den Grenzen der Feldfluren standen oft Ölbäume: in ihre Rinde grub der Eigentümer regelmäßig den Grenzvermerk (arbores notatae). So bekamen auch Sklaven und Vieh Zeichen eingebrannt, damit man wußte, wem sie gehören; man tätowierte gelegentlich den ganzen Menschen, schon damals. Staatsgesetze aber grub man schon früh in die glatten Außenwände der Tempel oder unmittelbar in die hohe Einfassungsmauer, die den Richtplatz umgab. Gräber wurden mit beschriebenen Steinplatten versehen. Sollte aber der Text transportabel sein, so griff man zum Fell, zur Kuhhaut, lieber noch zur rollbaren Bleiplatte und zur Holztafel. Die handliche kleine Holztafel hat sich der Grieche endlich früh mit Wachs überzogen, und er begann im Wachs zu schreiben, ein Merkmal der Vergänglichkeit: denn aus dem Wachs ließ sich die Schrift gleich immer wieder hinwegglätten.

Was nützte das aber den Dichtern, die unmittelbar auf Homer folgten und in ihren Versen nun auch — anders als er — mit ihrem eigenen Ich kräftig hervorzutreten begannen? Die erste Elegie entstand, das erste Streitgedicht des Archilochos, das erste Chorlied, das Alkman kunstvoll gestaltete. Wie sollten diese Männer ihren Text sichern? Was sie dichteten, hatte immer nur geringen Umfang; sie legten davon eine einmalige Niederschrift im Tempel nieder; das war die einzige Sicherung: das Werk sollte nicht untergehen. Die Tempel sind im 7. Jahrhundert v. Chr. die alleinigen Archive für solche Poesien gewesen[184]. Vervielfältigung durch Abschrift aber gab es noch kaum, und die Veröffentlichung geschah lediglich durch mündlichen Vortrag. Auch diese Männer harrten immer noch auf das „Buch“.

Das gilt auch vom Hesiod. Von Hesiod besitzen wir die „Theogonie“ und die „Werke und Tage“. Wer aber diese beiden Werke liest, der staunt über den Mangel an Ordnung und Plan, die häufige Zusammenhangslosigkeit des Inhalts. Dabei ist jedes derselben doch nur etwa 1000 Zeilen stark. Der Schaden kann sich nur daraus erklären, daß der Text, wie das vorhin Gesagte ergibt, ursprünglich auf etliche kleinere Schreibflächen verteilt war. Erst nachträglich können die Teile in einem „Buch“ zusammengestellt worden sein. Daher die Uneinheitlichkeit. Wir hören von einem uralten Exemplar des Hesiod auf Blei, das sich auf dem Berg Helikon anscheinend gegen Witterung ungeschützt bei der berühmten Quelle, der Hippokrene, befand. In diesem Blei haben wir eine wertvolle Probe des Urzustandes des griechischen Schreibwesens. Daß aber der Text der „Werke und Tage“ auf dem Blei vollständig stand, ist kaum zu glauben. Denn unzählige antike Bleirollen sind gefunden worden, und sie enthalten immer nur ganz geringe Textumfänge und wohl kaum mehr als 50 Zeilen[185].

Wie sollte nun gar in der Folgezeit des großen Thukydides Prosawerk vom Peloponnesischen Krieg, wie sollte Platos Staat möglich sein? Das „Papier“ war schreiendes Bedürfnis, und es fand sich nicht.

Import der Papyrusrolle. Entstehung der Buchliteratur.

Da kam das Große. Ägypten eröffnete endlich seinen Außenhandel. Ägypten hatte längst das ersehnte Papier, es hatte längst das Buch der Zukunft. Im 7. Jahrhundert geschah es; damals hat der griechische Handel mit Ägypten eingesetzt. Der Name König Psammetichs I., der um 670 bis 616 regierte und sein Land erschloß, ist darum unvergeßlich. Um 630 v. Chr., da mag die erste Papierrolle wirklich vom Nil nach Athen oder Milet oder Sizilien gekommen sein. Und die eigentliche griechische Buchliteratur konnte beginnen. Sie entwickelte sich plötzlich und rasch.

Es handelt sich nicht um Lumpen- oder Hadernpapier, erst recht nicht um unser modernes Holzpapier. Vielmehr aus dem Mark des Nilschilfs wurde das Material, das man Charta nannte, in langen Fahnen kunstvoll hergestellt, und zwar geschah das dort schon seit Jahrtausenden. Die ganze schreibselige Kultur der Ägypter beruht eben hierauf, auf der Charta. In dichten Schichten liegen in Ägypten noch jetzt die beschriebenen Papyrusmassen unter dem sandigen Erdboden und werden heute ausgegraben, fast so, wie man bei uns die Steinkohlen gräbt; oder die stummen Mumien sind darin eingewickelt, und ganze Kisten voll gehen davon alljährlich nach Europa (vorausgesetzt, daß kein Weltkrieg ist), um in den Bibliotheken und Museen von Oxford, London, Berlin, Wien, Paris, Florenz, Genf, Straßburg aufgerollt, entziffert, studiert zu werden.

Neidisch hatte das enge Pharaonenland dies herrliche Papier der Welt so lange vorenthalten. Das Schreiben darauf war des Ägypters besondere Wollust. Millionenmal haben jene Leute sich, vielfach auch gerade die vornehmsten Würdenträger des Nillandes, in schreibender Stellung hockend, statuarisch oder im Relief abbilden lassen, oft ganze Gruppen, die nach Diktat schreiben, also im Begriff sind, einen Text zu vervielfältigen[186].