Im Nildelta, und zwar in den breiten und schlammigen Seitenarmen des Nil, da wuchs und gedieh das Papyrusschilf in ganzen Wäldern. Inselartig standen diese Wälder in den seichten Wasserflächen. Sie wuchsen jedoch nicht etwa wild; vielmehr wurde das Schilf sorglich gepflanzt, gehegt und jeder Ausfall ersetzt; ein Riesenvermögen steckte für die Besitzer in diesen Wasserpflanzungen. Es waren hohe Schäfte mit graziös gefiederten Wipfeln und Blätterbüscheln, die im Seewind rauschen und leicht sich wiegen; der Schaft mehr als armstark. Fußpfade, die so schmal waren, daß nur ein Mann hindurch konnte, und auf denen der Heger sich bewegen und die Ernte eingebracht werden konnte, führten durch die Dickichte hindurch[190].
Jahrtausendelang hat dort im Altertum diese wichtige Kultur bestanden. Wie anders jetzt! Seitdem die Pflege fehlt, ist der Papyrus dort im Nil völlig verschwunden.
Für die Fabrikation war die Stadt Saïs, die Residenz des Königs Psammetich, der Hauptsitz, und eine ganze Reihe von Sorten der Charta wurden hergestellt, die sich nach der Qualität, nach Größe, Färbung, Feinheit und Dauerhaftigkeit unterschieden. Denn für wichtige Aktenstücke der Staatsverwaltung und für schöne Gedichtbücher brauchte man bessere Qualitäten, als der Kaufmann sie in seinem Laden zum Rechnungschreiben nötig hatte.
Anschauung von dieser „Charta“ kann heute jeder haben, der einmal unsere größeren Museen und Universitätsbibliotheken besucht, wo Proben davon in Glas und Rahmen ausgestellt werden. Die Fabrikation aber war schwierig und erforderte viel Zeit und ein beträchtliches Personal. Denn das feste Mark des Schilfs wurde auf das mühsamste in möglichst lange und möglichst dünne Streifen zerlegt und diese Streifen dann glatt zusammengeklebt, indem man sie netzförmig übereinanderlegte. Leicht lösten sich aber die Fasern wieder, und wiederholte Pressung und erneutes Kleben, endlich ein sorgliches Trocknen der Ware war immer nötig. Damit war aber zunächst nur ein Einzelblatt von etwa 34 × 20 cm Größe gewonnen, und aufs neue mußten die Kleber mit ihrem feinen Leim daher, um aus je 20 Blättern die Buchfahnen, die in den Handel kamen, zusammenzufügen. Auf die Fahne setzte man die Schrift in Spalten nach Art der Spalten unserer Zeitungen. Reichten für das beabsichtigte Buch 20 Blätter nicht aus, so klebte man wieder etliche Fahnen aneinander, je nach Bedürfnis.
Papierpreise. Umfang und Ausstattung der Rollen. Buchteilung.
Schon aus dieser Art der Herstellung erklärt sich, daß das Papier im Altertum sehr teuer gewesen ist[191]; und je mehr die Nachfrage zunahm, je teurer mußte es werden. Denn bald sollte für die ganze damalige gebildete Welt, für Griechenland, Syrien, Mazedonien, Italien, Spanien, Südfrankreich das kleine Nildelta allein das Papier liefern. Ja, die Fabrikanten im Delta bildeten einen Trust und trieben obendarein die Preise gemeinsam künstlich höher, wie Strabo uns meldet. Ungeheure Werte steckten also in den großen Büchereien des Altertums, wie sie die römische Kaiserzeit besaß. Die Literatur war auch im Hinblick auf das Papier, auf dem sie stand, eine Kostbarkeit.
In Großstädten wie Rom lagerte das Papier, die unbeschriebenen Rollen, auf Vorrat in großen Speichern, die der Staat beaufsichtigte. War die Papyrusernte am Nil schlecht ausgefallen, so trat in der Welt Papiernot ein, die fast so schlimm war wie die Hungersnot, die drohte, wenn das Korn nicht aus Ägypten kam, und die Behörde mußte alsdann eingreifen und den Verkauf regulieren. Auf dem Lande war oft gar kein Papier zu haben. Auch wir wissen seit dem jüngst erlebten Kriege davon zu erzählen, wie die Regierung alle Vorräte der Waren an sich nimmt, um der größten Not zu steuern.
In Rollen zu lesen, denken wir uns heute sehr unbequem, und anfangs herrschten auch wirklich noch große Mißstände im Bücherwesen der Griechen. Erträglich war die Sache, wenn es sich um Rollen von etwa 20 Seiten handelt. Herodot aber wird heute auf 600 Seiten abgedruckt, und für solch umfangreiche Werke ergaben sich damals Rollen von 50, 70 oder 100 Meter Länge. Als solche endlose Konvolute haben wir uns die ersten Ausgaben des Herodot, des Thukydides zu denken; so hatte noch Alexander der Große Ilias und Odyssee in Händen. Eine einschneidende Reform war darum nötig. Kallimachos war es, der den berühmten Ausspruch tat: „ein großes Buch ein großes Übel.“ Seitdem, d. i. seit dem 3. Jahrhundert v. Chr., wurde es Sitte, die größeren Bücher zu zerschneiden (davon kommt der Ausdruck Tomus, „der Schnitt“), d. h. die Buchteilung in der Schriftstellerei wurde Sitte; sie wurde erzwungen[192]. In 12 Rollen ließ darum Vergil seine Äneide, in 3 Rollen ließ Cicero sein Werk „vom Redner“ erscheinen; und die Kunst des Disponierens steigerte sich dabei wunderbar. Man lernte fortan seinen Stoff jedesmal so einzuteilen, daß womöglich in jeder kleineren Rolle ein in sich abgeschlossener „Abschnitt“ des Werkes stand, der für sich allein gelesen, genossen werden konnte.
Aus diesem sehr äußerlichen Grunde erklärt sich die sonst so befremdliche Durchführung der Buchteilungen in den alten Autoren.
Bibliothek. Bildliche Darstellung: Schreibende.