Besonders die Dichter las man in möglichst dünnen Rollen; ein Odenbuch des Horaz stand auf einer Papierfahne von nur 20 Seiten, kaum mehr. Das ist auch heute noch so; man denke an Mirza-Schaffy und Frauen-Liebe und Leben; auch wir wollen für unsere zärtlichen Dichter keine großen Formate. Wollte man überdies noch Effekt machen, so stattete man das Röllchen hübsch prunkvoll aus, schob es in einen farbigen Mantel (so wie wir unsere Tischservietten) und steckte noch ein vergoldetes Stäbchen mitten hinein. Besonders reizvoll und glanzvoll müssen die Bilderbücher gewesen sein; wer die Rolle auseinandernahm, sah eine Folge farbiger Bilder, Porträts, Kampfszenen aus den Römerkriegen u. a. Vor allem hing nun noch aus den Rollen immer ein festes, pergamentenes Zettelchen heraus, das man gern purpurn färbte und auf dem der Titel zu finden war. Dieser Zettel selbst hieß der „Titel“. Im Bibliothekszimmer standen Schränke oder an den Zimmerwänden zogen sich „Nester“ hin; darin lagen die Rollen wie die Vögelchen beisammen, bereit auszufliegen, allemal hübsch mit dem Kopf nach vorn, an dem der Titel hing. Es war gewiß allerliebst, in solchem Bücherzimmer sich aufzuhalten; alles, Bücher und Borte und Wände, bunt bemalt und in Farben strahlend; dazu edler Statuenschmuck; auch gemalte Porträts der Lieblingsdichter. Die Nester waren nur in bequemer Höhe angebracht, auch die Schränke nur niedrig, zu 3 Borten. Man brauchte nicht auf Leitern zu steigen, um seinen Plato oder Livius zu finden[193].
Wie nun der lesende Mensch mit dem Buch umging? Dem modernen Menschen fehlt dafür jede Anschauung; aber die reiche antike Kunst kann sie uns geben[194]. Hier ist der Ort, die Plastik und Malerei der Alten heranzuziehen. Selten ist uns Gelegenheit gegeben, die Zweckmäßigkeit und Sinngemäßheit der künstlerischen Motive, insbesondere in bezug auf die Haltung der Hände, so festzustellen wie in diesem Falle.
Auch unsere modernen Künstler kommen bisweilen in die Notlage, einen Menschen mit dem Buch darstellen zu müssen. Aber ihnen fehlt dafür eine Tradition oder die Achtsamkeit, und sie irren sich oft seltsam. Wer z. B. die schöne Goethe-Statue Schwanthalers in Frankfurt a. M. betrachtet, wird mutmaßlich wenig darauf achtgeben, daß der Dichter den Kranz in der Linken, das Buch aber in der Rechten hält. Warum sind die Gegenstände auf die Hände nicht anders, nicht umgekehrt verteilt? Eine müßige Frage! Wer hat Zeit, sich damit aufzuhalten? Der Künstler macht das eben, wie es am besten aussieht. So machte man es aber im Altertum nicht, und die moderne Kunst der Porträtstatue ist doch ein Erbe aus dem griechischen Altertum. Wer das Buch in der Rechten hat, will vorlesen; wer es in der Linken hält, hat vorgelesen. Goethe aber kann seinen Kranz erst erworben haben, nachdem er sein Werk vortrug. Die griechische Kunst hätte Kranz und Buch somit anders verteilt, und so ist es tatsächlich geschehen auf einem Pompejanischen Wandgemälde (Helbig, Campanische Wandgemälde, Nr. 1454).
Viele lieben es heute, sich mit dem Buch photographieren zu lassen, die strebsame höhere Tochter, der Schulmann, Gelehrte und Diplomat „in seinem Heim“, schließlich aber auch die Metzgersfrau und der Sergeant und Ladenjüngling. Warum auch nicht? Wir alle haben heute Schulbildung, und das Buch ist unser! Meistens wirkt dabei freilich die Verlegenheit mit: die Hände müssen irgendwie beschäftigt sein, wenn sie nicht gerade in Handschuhen stecken. So kann die Laune des Photographen den Kellner zum Gelehrten machen und die Putzmacherin zur Dichterin.
In der antiken Porträtkunst war das anders, und zwar schon in der ägyptischen. Da ist alles sinngemäß und zweckmäßig. Im alten Ägypten unterschieden sich die Stände darnach, wer schreiben und wer nicht schreiben kann. Das Buch adelt. Wer nicht lesen kann, ist der Esel, wer lesen kann, der Eseltreiber: so dachte man. Man gestatte, daß ich hier von „Buchhaltern“ rede, ich meine die Personen, die sich mit dem Buch zeigen. Die „Buchhalter“ auf den ägyptischen Bildwerken sind da die höheren Beamten. Mit eigensinniger Konsequenz und massenhaft sieht man daher die Buchrolle oder das Schreibgerät in der festgeballten Hand gerade nur der Vornehmen auf den Reliefs der großen Tempelwände, der Gräber und Pylonen des Pharaonenlandes. Berühmt und wundervoll realistisch auch so manche Schreiberstatue, wie die im Louvre: wohl nie ist ein hoher Bureaubeamter und vortragender Rat so verherrlicht worden wie da; sie zeigt ihn angespannt in seiner Tätigkeit. Freilich ist er sehr dürftig bekleidet. Ein Schurz genügt.
Der freie Grieche dachte anders. Er hatte kein Königtum, ebensowenig eine Bureaukratie, die in Staffeln bis zum Monarchen hinaufging und sich auf das Buch gründete. Bei den Griechen wurden Buchabschriften zumeist nur von der unfreien Dienerschaft angefertigt. Sah sich der Freie gezwungen, selbst einen Text zu kopieren, so schämte er sich dessen und hat sich nicht schreibend abbilden lassen. Die ganze überreiche griechisch-römische Kunst vermeidet es, einen Menschen darzustellen, der ein Buch schreibt. Denn das Schreiben in Rollen war mühsam und erzeugte eine unedle Haltung. Die Hilfe des Tisches wurde beim Lesen und Schreiben stets vermieden. Man schrieb auf der Hand. Dazu kam, daß man mit dem flüssigen Farbstoff die Finger sich beschmutzt hätte. Der Vornehmere schrieb daher auf Wachstafeln (codices, codicilli), in deren eingerahmte Wachsfläche er mit dem dolchartig spitzen Metallstift die Buchstaben nur zu ritzen brauchte. Das war saubere Arbeit; sie „fleckte“, aber sie befleckte nicht. Auf Wachstafeln schrieb der Bankier seine Kontos und Quittungen, schrieb der Liebhaber sein Billett an die Dame, die gleich in dieselbe Tafel auch die Antwort ritzte, schrieb endlich der Dichter seine Entwürfe, die dann sein Amanuensis kopieren durfte.
Bildliche Darstellung: Lesende.
Also keine Schreiber, wohl aber Leser zeigt uns die alte klassische bildende Kunst. Man las aber allemal nur in Rollen; denn nicht nur in Ägypten beherrschte die Rolle das Bücherwesen durch Jahrtausende; auch bei den Griechen und Römern ist sie von etwa 600 v. Chr. bis 400 n. Chr. so gut wie der alleinige Träger aller Lesebücher und wohl auch Bilderbücher gewesen. Das ergibt wiederum ein Jahrtausend. Das Prinzip des Heftens der Bücher ist zwar schon im Altertum, aber doch erst merkwürdig spät aufgetaucht, und es fand alsdann im wesentlichen nur für Pergamenthandschriften Anwendung, die den ärmeren Volksschichten dienten[195]. In gehefteten Handschriften liest kein einziger Mensch auf den unzähligen Bildwerken der Alten, die hierfür in Betracht kommen. Die jüdische Synagoge hat die Rolle bekanntlich bis auf den heutigen Tag beibehalten. Dabei dienen Stäbe dazu, die Rolle anzufassen; denn die heiligen Schriften dürfen nicht mit der Hand berührt werden. Die Griechen im Profanleben wußten von solcher Scheu natürlich nichts; die Hände sind es, die mit dem Buch umgehen.
Tafel 6