Ägyptischer Schreiber. (Paris, Louvre.)

Man muß den Akt des Lesens selber kennen, um die Motive zu verstehen, die die antike Kunst hierfür verwendet. Wer zu lesen beginnen will, hält die geschlossene Rolle zunächst in der rechten Hand. Die Linke öffnet dann das Konvolut, löst das Band und Siegel, falls ein solches vorhanden (man denke an das Buch mit sieben Siegeln der Apokalypse) und zieht die erste offene Seite zu sich nach links. Eine Textspalte nach der anderen zieht also die linke Hand zu sich herüber, indem sie das Gelesene zugleich wieder zusammenrollt. Am Schluß der Lektüre ruht die Rolle somit allemal, aufs neue geschlossen, in der linken Hand. Daraus ergibt sich die Auffassung, die wir an alle Bildwerke herantragen: die Gestalt, die das Buch in der Rechten hält, will erst lesen, abgesehen von den Fällen, wo sie es einem anderen Menschen überreichen will (denn man überreicht stets mit der rechten Hand); die Gestalt, die es in der Linken hält, ist mit dem Lesen jedenfalls fertig; sie hat nicht die Absicht zu lesen. Und das letztere finden wir nun ganz überwiegend dargestellt. Es handelt sich eben fast immer um Repräsentationsfiguren. Das Buch soll da nur andeuten; es ist für den Moment gleichgültig; nur die Würde der Person drückt sich in dem Schriftstück aus. Nicht sinnend oder in sich gekehrt steht solch ein römischer Konsular mit dem Buch vor uns; er wendet sich mit offener Seele an das Publikum, das ihn betrachtet.

Und das Lesen selber? Es sah graziös genug aus, und es schmückte gleichsam den Menschen. Nichts ist reizender als solch eine lesende griechische Frau, die mit dem weit offen hängenden Rollenband zwischen den Händen einherwandelt (Neapel, National-Museum), oder als die Muse, die als Konzertsängerin auf das Zeichen zum Einsetzen wartet, das der Saitenspieler, der die Begleitung spielt, ihr geben soll, und die dabei das Blatt tief gesenkt zwischen den Händen hält wie unsere Sängerinnen, wenn sie warten, daß das unleidlich lange Vorspiel zu Ende gehe (Vase in Athen). Nichts ist schöner als der vorlesende Homer der Bilderchronik (Antiquarium in Berlin), nichts lebendiger als der die Lektüre unterbrechende, in Nachrechnen versunkene Mathematiker des Codex Arcerianus in Wolfenbüttel; nichts ergreifender als der Christus mit der gleichsam himmelweit aufgerissenen Rolle zwischen den Händen, von Jüngern umgeben, wie ihn die Lipsanothek von Brescia zeigt[196].

Aber dies Lesen war zugleich unbequem und anstrengend; es war eine Fesselung des Lesers im eigentlichsten Sinne, und ein Bedauern erfüllt uns, wenn wir uns klar machen, daß man das durch Jahrtausende hat ertragen müssen. Man denke, daß jede Nebenhandlung unmöglich war. Denn nicht nur die rechte Hand war beschäftigt; die linke durfte zudem die abgerollte Papiermasse nie fahren lassen, und es wurde auf das strengste vermieden, daß die Charta sich auflöste und zum Boden niederfloß; denn ihre Fasern waren zart und splitterten leicht, und die Gefahr, daß ein Blatt und damit das ganze Buch zerriß, war ständig. Wir trinken beim Zeitungslesen oder schlürfen Eis im Café, wenn wir durstig sind. Der Grieche hatte keine Hand frei. Er konnte das nicht. Ein Glück, daß man damals noch nicht rauchte! Cicero hätte während des Lesens auf die Zigarre verzichten müssen; denn er hätte sie nicht halten können. Wer einen Hautreiz empfindet, der kratzt sich, das ist sein Recht; und wem eine Fliege sich auf den Kahlkopf setzt, der will sie verjagen. Las der antike Mensch, so waren beide Hände gleich gefesselt, und alles das war für ihn eine Unmöglichkeit.

Langsam lesen: in Abschnitten lesen. Enges Lesepublikum.

Und nun der Inhalt des Buches! Das Aufwickeln muß für den Leser, der vor Neugier brannte, eine wahre Folter gewesen sein. Kein moderner Mensch würde das ertragen. Wir naschen heut im Buch, wir blättern hin und her, durchfliegen die Kapitelüberschriften, lesen am liebsten den Schluß zuerst. Brechen wir ab, so legen wir ein Lesezeichen hinein oder machen gar ein Eselsohr. Alles das war damals gänzlich ausgeschlossen. Vor allem der Schluß des Buches blieb immer ein tiefes Geheimnis; er war durch die Rollung selbst fest zugedeckt. Der Inhalt „entwickelte sich“ eben beim Lesen mit den Seiten in unerbittlicher Allmählichkeit. Das Frühere deckte das Spätere undurchdringlich zu. Das Buch glich dem Leben. Dieser Satz gilt schon hier. Wer kann wissen, was folgt? Wer kann wissen, was das Ende ist?

So gelangen wir dazu, den antiken Leser zu bemitleiden oder, was noch besser, zu bewundern. Er schlang nicht, er naschte nicht. Sein Geist nahm die Speise ruhevoll und ergeben in der Folge, die der Dichter wollte, der die Speise bereitet hatte. Um so tiefer ließ er den Inhalt auf sich wirken. Er erlebte ihn. Dazu kam, daß man von einem Werk am Tag kaum mehr als 1000 Zeilen oder 30 Seiten las. Das dankte man den scheinbar so zwecklosen Buchteilungen der antiken Werke. Zum wenigsten von den größeren Unterhaltungsschriften, den Epen und Romanen, waren die Einzelrollen nie umfangreicher. Die zwölf Bücher der Äneis Vergils wollten an zwölf Tagen gelesen sein (das gilt übrigens auch noch von Ariost): der Grieche und Römer stand seiner Literatur anders, er stand ihr hingebender und gebundener gegenüber als wir der unseren.

Dabei gilt es nun aber die Zeiten zu unterscheiden. Wer die Fülle der griechisch-römischen Schildereien auf Vasen, Grabsteinen, Münzbildern oder Gemälden durchgeht, bemerkt, daß auf den älteren von ihnen der Mensch mit dem Buch noch recht spärlich anzutreffen ist; in den späteren Jahrhunderten sind die Beispiele dagegen massenhaft. Das ist symptomatisch. In der Zeit des Sophokles und der großen Tragödie diente das Buch vornehmlich zum Fixieren und Aufbewahren des Textes und noch verhältnismäßig wenig zum Lesen. Die große Masse las damals noch nicht allzu viel in Büchern. Ihr genügten vor allem die öffentlichen Volksvorlesungen der Rhapsoden und das Theater, das heißt das Hören, und nur wenige Bevorzugte hielten sich Bibliotheken, so wie man seine Stuben auch noch nicht mit Wandmalereien schmückte. Daß sich das Laienpublikum mit bildender Kunst und mit Literatur wirklich eingehend beschäftigte, ein Studium daraus machte, seine Erzeugnisse sich käuflich erwarb und gar eigene Kunsturteile entwickelte, geschah erst, als die große Kunst selbst dahin war, seit der Alexandrinerzeit, besonders zur Zeit der Herrschaft Roms. Das kluge Urteil ist das Merkmal des Epigonen, und Giganten in der Literatur sind unmöglich, wo die Bildung der Laien und der Volksmassen, die mit Hilfe des Buches erworben ist, den Geschmack beherrscht.

Damit hing die Ausbreitung des Schulunterrichts zusammen, eine Verbreitung der Bildung, die keineswegs zugleich eine Vertiefung zu sein pflegt, auch heute nicht. Vor allem seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. haben die römischen Kaiser das Volksschulwesen der damaligen Welt organisiert und ausgedehnt, verstaatlicht, seine Wirksamkeit gesteigert. Seitdem las und schriftstellerte, was da Odem hatte, nicht nur in den Hauptstädten, nein, auch in allen Provinzen des Römerreichs, und zwischen Fachmann und Laie verwischte sich die Grenze mehr und mehr. Das war es aber zugleich, was der christlichen Religion zum Sieg verhalf; denn das Christentum war die Religion des Buches. Der Zeusdienst oder Apollodienst wirkte nur durch den Kultus und nicht durch Schriften. Anders der Christusdienst. Durch planvollen Vertrieb der heiligen Texte und Massenschriftstellerei hat sich dieser im zweiten bis fünften Jahrhundert das lesende Publikum, das heißt die Welt, erobert.

Steigerung in der Spätzeit. Der Gestorbene mit der Rolle.