So ist es nun gekommen, daß auch die Bildwerke des zweiten bis fünften Jahrhunderts n. Chr., die unsere Altertumsmuseen anfüllen, plötzlich übersät sind mit Darstellungen der Buchrolle; vor allem die Sarkophage und unter diesen vor allem die christlichen. Es ist erstaunlich, das zu sehen.
Der Kaiser selbst wandelt jetzt wie pflichtgemäß mit solchem Buch einher (zum Beispiel auf dem Relief der Trajanssäule); das Buch ist in diesem Falle Symbol, ein Attribut, das die rechtsprechende, gesetzgebende Macht des Herrschers andeutet. Danach erhält auch Christus ständig das Buch; denn auch er ist König; nicht aber Maria; das heißt Maria war damals noch nicht Himmelskönigin, worauf der Dogmatiker achten möge. Aber auch der Beamte, der Advokat, auch der Schiffsbauer und der Handelsmann werden jetzt oft und gern mit dem gleichen Attribut versehen. Alles das erklärt sich aus der Berufseigenschaft der Personen zumeist mit Leichtigkeit; denn der Schiffbauer trägt seine Bauzeichnungen in der Hand, der Kaufmann sein Geschäftsbuch. Wenn aber auf den Marmorsarkophagen dieser Spätzeit der Verstorbene die Rolle trägt, was bedeutet sie da? Wie oft sieht man da den Verstorbenen so, im Muschelmedaillon, als Schmuck seiner eigenen Totenlade! Unzählig sind die Beispiele. Sind das lauter Beamte, Advokaten oder gar lauter Literaten oder Gönner der Literatur, die uns da erscheinen? Das wäre ungeheuerlich oder doch schwer zu glauben. Die gestellte Frage ist gewiß nur teilweise zu bejahen. Denn das Buch hatte noch eine tiefere Bedeutung.
Grabessymbolik. Die Rolle als Spruchband im Mittelalter.
Auch das Schicksal schreibt. Auch Götter haben ihre Bibliotheken. So wie wir in der Johannes-Apokalypse sehen, daß im Himmel die guten und schlechten Handlungen aller Lebenden und Toten, die da auferstehen, in Büchern verzeichnet sind, die von Dienern des Allmächtigen vor seinem Thron aufgerollt und verlesen werden — ein unendliches biographisches Archiv im Himmel —, ganz ebenso besitzen auch die römischen Parzen oder Schicksalsfrauen im unterweltlichen Raum ein großes Archiv: darin sind von ihnen die Lebensläufe aller derer, die geboren werden sollen, im voraus in Büchern aufgeschrieben und festgelegt. Dies schildert uns Ovid. Ein Buch ist da also ein Mensch: ein Buchinhalt ist ein Menschenleben! Daher nun also auch jene Verstorbenen auf ihren Marmorsärgen im Lateran und überall: das Buch, das sie halten, ist vielfach nichts anderes als Symbol ihres eigenen Lebens. Das Buch ist zu Ende abgerollt, d. h. das Leben ist zu Ende gelebt, das die Parze schrieb und das vom Schicksal im voraus gebucht ist. In der Tat halten jene Figuren die wieder zusammengefaltete Rolle regelmäßig in der Linken, wobei sie obendrein die Finger der rechten Hand oftmals noch still auf den Kopf der Rolle legen, als sprächen sie: „Nun bin ich fertig; mit meinem Lebensbuch bin ich nun am Schluß, und ich kann ruhen.“ Diese stille Grabessymbolik wirkt ergreifend, und sie scheint spezifisch römisch, nicht griechisch zu sein, so wie auch die schreibende Parze nicht griechisch, sondern römisch-etruskisch war[197].
Im fünften Jahrhundert hatte das Christentum endgültig gesiegt. Zugleich aber war die kostbare Buchrolle aus Charta durch den gehefteten Pergament-Kodex, der billiger, unendlich viel haltbarer und daher in jeder Beziehung praktischer war, allmählich verdrängt worden. Seitdem haftete an der Buchrolle, die man in Bildwerken doch oft noch beibehielt, ein Schimmer des Heiligen und Sakrosankten. Denn die kirchliche Kunst liebt das Archaisieren. Evangelisten, Propheten und Heilige halten sie jetzt gern. So erklettern diese gestreckten biblischen Figuren die hohen Kirchenwände und füllen in Reihen, auf Goldgrund strahlend, die Apsiden und Triumphbögen der Basiliken; jeder, der in Italien gereist ist, hat ganze Völker von ihnen gesehen; ich erinnere nur an S. Paolo (fuori l. m.) in Rom und an Ravenna. Buchhalter! jawohl, dies sind jetzt wahre „Buchhalter“ des Himmels; das heißt, sie halten das Buch, das auf das Heil Bezug hat, wie ein Heiligtum ostentativ vorzeigend, im Dienst der Christenheit, damit die Gemeinde es gewahr werde, und nicht mehr sie selbst sind Benutzer des Buches, sie lesen nicht und wollen nicht lesen, sondern sie tragen es wie ein Plakat, damit die schauende Menge den frommen Spruch im Auge habe, der weithin sichtbar auf den offen hängenden Blattfahnen steht. Das war phantastisch, unwirklich und unantik, und der Gebrauch veräußerlichte sich im Mittelalter dann immer mehr. Aus der offen hängenden Rolle entsteht endlich das in eckigen Falten flatternde Spruchband, das die Engel in Glorien durch die Lüfte tragen.
Woher stammt unser Wort „Rolle“? Es ist gar kein Deutsch; von rotulus kommt es und stammt aus dem mittelalterlichen Latein her.
Im Mittelalter, wo es keinen Papyrus mehr gab, sind gleichwohl, nach dem Vorbild der Thorarollen der Juden, noch häufig Rollen aus Pergament hergestellt worden, und diese erreichen aufgerollt bisweilen die ungeheuerliche Länge von 100 bis 200 Fuß: Exultetrollen, Wappenrollen, Nekrologien, die noch vielfach erhalten sind. Sie zu benutzen, ist freilich für den heutigen Historiker eine Pönitenz. Aber auch im wirklichen Leben, im geistlichen Theaterspiel, fanden die rotuli damals noch Anwendung; ich meine das „Prophetenspiel“, in welchem die Propheten und Sibyllen selbst auftraten und ihren frommen Spruch vor der Gemeinde aufsagten, indem sie dabei ein offenes Spruchband in der Hand hielten, auf dem für das Publikum zu lesen stand, was sie, die Personen, bedeuteten oder welche „Rolle“ sie spielten[198]. Daher stammt es, wenn wir auch noch heute sagen, daß der Schauspieler eine „Rolle“ spielt. Die wenigsten unserer heutigen Bühnengrößen wissen wohl, was diese Redensart bedeutet. Aber auch in dieser Anwendung war die Rolle, wie man sieht, zu einem bloßen Merkzeichen und toten Emblem herabgesunken, ganz so wie auf den Wandschildereien, von denen vorhin die Rede war.
Der natürliche Verkehr des Buchträgers mit dem Buch war in der kirchlichen Kunst des Mittelalters aufgehoben. Aber Michelangelo hat ihn, als sie zu Ende ging, wiederhergestellt, und hier dürfen wir also einen der größten Namen nennen. Es war eine der Großtaten Michelangelos, daß er in der Sistina seine Sibyllen und Propheten endlich wieder in eine natürliche Beziehung zum Buch brachte. Diese Männer und Frauen der Weissagung, sie lesen, sie studieren wirklich — wie ausdrucksvoll ist das gegeben! — sie suchen, um zu weissagen, im geschriebenen Wort forschend das Zukünftige, oder sie schauen auch über das Buch weg.
Michelangelos Delphica. Der Himmel als Buch.
Aber das Buch behält dabei seinen praktischen Wert. Das gilt zumal von der Delphischen Sibylle. Diese ergreifendste und ergriffenste Figur des Meisters, die Delphica, ist, wie ich überzeugt bin, bisher nicht richtig verstanden worden. Das sage ich nicht nur im Hinblick auf Justis „Michelangelo“, sondern auch auf Steinmanns Werk „Die Sixtinische Kapelle“. Nicht „der Mensch mit dem Buch“, der Übermensch mit dem Buch erscheint in der Delphischen Sibylle, und zwar in ganz neuer Konzeption. Die Seherin späht mit den Augen in die Zukunft wie in die Ferne, die Lippen leise geöffnet. Ihr Mantel bläht sich im Winde, und auch ihr Haar ist vom Wind bewegt. Mit der linken Hand aber hält sie eine unbeschriebene offenhängende Rolle gewaltsam weit nach rechts hinüber, so daß der Windhauch, der sichtlich durch das Bild fährt, auch diese Rolle selbst ergreift und aufbläht. Danach ist der Sinn klar und nicht zu verkennen: der Geist Gottes ist hier der Handelnde; denn der Geist Gottes ist Hauch, ist Wind! Er schwellt Mantel und Buch zugleich. So wird die bisher leere und unbeschriebene Rolle voll des heiligen Geistes, und der Geist tut das Mirakel, das ihm zukommt, und füllt sie mystisch unsichtbar mit Worten der Verkündigung des Heils. Es ist derselbe Geist, der auch die Evangelien geschrieben.