Das ist die höchste Vergeistigung des Buches in der Kunst. Eines blieb freilich noch übrig. In Heinrich Heines Nordseebildern lesen wir: „Und mit starker Hand aus Norwegs Wäldern reiß’ ich die höchste Tanne und tauche sie ein in des Ätna glühenden Schlund, und mit solcher feuergetränkten Riesenfeder schreib’ ich an die dunkle Himmelsdecke: Agnes, ich liebe dich!“ Hier wird das Buch in anderer Weise sublimiert; hier beginnt es die Welt zu umfassen. Der Himmel selbst ist Buch; der Dichter schreibt darauf wie auf einem Bogen.
Tafel 7
Männer mit Buchrollen.
Relief eines römisch-christlichen Sarges.
(Leyden, Rijks-Museum.)
Heine ist ein superlativischer Dichter. Aber er hat seine hochgegriffene Erfindung in diesem Falle der Antike entlehnt und hat sich selbst dabei beiläufig mit den Göttern des Altertums verwechselt. Die Göttin Ceres ist es, die bei dem römischen Dichter Claudian im „Raub der Proserpina“ die höchste, Wälder überragende Zypresse aus dem Boden reißt und in den Schlund des Ätna taucht, um sie als flammende Fackel zu brauchen; denn sie sucht nach ihrer verlorenen Tochter. Daß der Himmel aber ein entrolltes Buch ist, das steht schon im Jesaias und in der Johannes-Offenbarung zu lesen, und Euripides (fr. 506 N.) setzt den Fall, daß gar Gott Zeus selbst weithin in die Fläche des Himmels die Sünden der Sterblichen schriebe[199]. Gott Zeus, der sich reckt und in das Gewölbe der unendlichen Sphären wie in eine aufgerollte Rolle die Sünden schreibt! Erhaben ist der Gedanke, und er ist alt. Welcher Künstler aber vermöchte das darzustellen? Michelangelo hat es versäumt. Kein Apelles und kein Genie des Altertums, ein Michelangelo wäre dazu imstande gewesen.
Verlagswesen im Altertum.
Es gibt Laien und auch Gelehrte, die meinen, daß unser Buchhandel und Verlagswesen etwas wesentlich Modernes ist, das etwa erst in den Zeiten Gutenbergs oder Luthers und Huttens sich ausgebildet habe; und in der Tat weiß das Mittelalter mit seinen schwerfälligen Pergamentkodizes vom Verlagswesen nichts, und den Buchhandel hat es nur spärlich entwickelt. Aber nicht aus dem Mittelalter, aus dem klassischen Altertum stammt unsere Kultur. Die Griechen und Römer, die uns so viel anderes vorweg nahmen, Theater und Konzerte und Volksbäder, dazu das höhere Schulwesen bis zur Universität mit ihren Studentenverbindungen und Kneipkomment, auch den ganzen Sport bis zum Fußballspiel, dieselben Griechen und Römer haben auch schon den Buchhändler und Sortimenter gekannt, der das Publikum mit dem modernsten Lesestoff versorgte und den Verfassern ihre Manuskripte abnahm, um sie herauszugeben.
Diktat. Bücherpreise. Erhielt der Autor Honorar?
Schriftsetzer und Druckmaschine waren allerdings den Alten unbekannt. Es wurde alles mit der Hand geschrieben. Aber wenn Caesar sein Bellum Gallicum, Horaz seine Satiren oder Ovid seine „Kunst zu lieben“ herausgab, so wurden doch gleich 500 Exemplare, ja vielleicht das Doppelte, das Dreifache in den Handel gegeben. Das pikante Ovidgedicht wurde von der flotten Damenwelt, das Caesarwerk von den Politikern, die Horazsachen von den Ästheten und Witzbolden verschlungen. Wie aber stellte man so viele Exemplare her? Durch Diktat. Ein „Diktator“ mag sonst etwas Übles sein; in der Literatur war er unentbehrlich. Der Diktierende sprach lautstimmig den Text; etwa hundert Schreiber — rühriges, kluges Arbeiterpersonal — hockten in Reihen an der Erde und schrieben nach. Die Hände flogen; die Feder kratzte nie; denn das Schreiben war ein Malen. Hübsch ausgestattet kamen die Buchrollen dann in den Verkaufsladen. Der Buchhändler hatte alle Borte und Kisten voll davon. An die Außenpfosten seiner Budike nagelte er das Neueste, um die Straßenbummler anzulocken, und er nahm gewaltig hohe Preise. Die Literatur war damals ein gewaltiger Luxus. Eine Rolle von 40 Seiten stellte sich nach modernem Geldwert auf etwa 16 Mark. Wer also den ganzen Livius kaufen wollte, hatte über 1500 Mark zu zahlen. Das Geld kassierte der Verleger oder zunächst der Sortimenter ein; denn die Verlagsartikel wurden aus Rom oder Alexandria in alle anderen Städte verschickt und dort von Sortimentern vertrieben.
Und was bekam der Autor selbst? Wurde etwa wirklich, wie man geglaubt hat, kein Honorar gezahlt? Lebten die Schriftsteller von der Luft? Begnügte sich der Poet im Geist mit den Musen auf dem Helikon zu schwärmen, indes der Buchhändler mit seinen oft epochemachenden Versen einen gedeihlichen Handel trieb? Und vor allem die anderen Literaten — soll Sallust, der doch sonst auf seinen Vorteil bedacht war, seinen herrlichen „Jugurthinischen Krieg“ ruhig und selbstlos den Händlern in die Hand gedrückt haben, daß sie damit ihr Geschäft machten? Die Sache wäre zu töricht; im Märchen wäre so etwas möglich, nicht unter ausgewachsenen Menschen der Wirklichkeit. Der Römer bestand doch sonst auf Recht und Eigentum, und der Grieche auch.