In der Tat: so spärlich auch unsere Nachrichten über diese Dinge sind und sein müssen, so läßt sich doch das Gegenteil leicht erweisen[200]. Die Sache wird schon deutlich, wenn uns Seneca sagt: „Wir sprechen von Büchern Ciceros; der Buchhändler Dorus aber nennt sie trotzdem sein Eigentum, und beides ist richtig; dem einen gehören sie, sofern er sie schrieb, dem anderen, sofern er sie sich käuflich erwarb.“ Der Buchhändler zahlte also auf alle Fälle, in diesem Fall mutmaßlich an Ciceros Erben; er kaufte; ohne das verfügte er über die Werke nicht, konnte sie also auch nicht verkaufen.
Theaterstücke hoch bezahlt. Selbstverlag der reichen Autoren.
Und der Autor oder seine Erben hatten demnach wirklich Vorteil und Gewinn. Achten wir zuerst auf die Theaterstücke. In Rom tanzt der allbeliebte Solotänzer Paris; er stellt im Tanz mythologische Szenen dar, wie den König Pentheus, der von seiner Mutter Agaue in der Raserei umgebracht wird. Der Tänzer braucht dazu Musik, auch einen begleitenden Chorgesang, und dazu ist wieder ein Textbuch nötig; dies Textbuch lieferte ihm Statius, und Paris bezahlte dem Statius seine Textbücher so glänzend, daß Statius damit groß dastand und nebenher auch noch Epen schreiben konnte, die ihm nichts einbrachten. Vom alten Dichter Plautus gingen an die hundert Lustspiele um; manche davon rührten gar nicht einmal von ihm selbst her. Man sagte aber, Plautus habe so viel geschrieben, um reich zu werden; denn er verkaufte seine Stücke und war auf die Einnahme versessen; ob die Stücke nachher auch gefielen oder nicht, war ihm ziemlich gleichgültig. An den Götterfesten wurde Theater gespielt; der Staatsbeamte, der Aedil, der das Fest ausstattete, brauchte dazu jedesmal ein neugeschriebenes Stück, und er kaufte es vom Dichter. In anderen Fällen war auch der Chef der Schauspieltruppe der Käufer. Gewaltig hohe Summen, die die Dichter Terenz und Varius für ihre Dramen einkassierten, werden uns wirklich genannt. Tantiemen bei Wiederaufführungen gab es nicht[201]; das erklärt sich aus dem Gesagten. Um so berechtigter war die Höhe der Summen.
Denn das so verkaufte Lustspiel gehörte alsdann eben dem Dichter nicht mehr. Sollte ein Stück wie der Miles gloriosus oder die Adelphen nach seinen Bühnenerfolgen nun aber auch als Lesedrama und in Buchausgabe in den Handel kommen, so mußte der Buchhändler — sagen wir sachgemäß der Verleger — das Manuskript vom Aedilen oder vom Schauspieldirektor, der es jetzt rechtlich besaß, nicht aber vom Dichter kaufen, der sein Eigentumsrecht abgegeben hatte.
Es ist auch heute so: Theatersachen bringen am meisten ein. Man denke an „Alt-Heidelberg“ und ähnliches. War auch nur eine Operette ein Schlager, so können Komponist und Dichter gleich ihre Dachstube verlassen und sich in bester Gegend eine Villa bauen. Wer dagegen etwa Moltkes oder Mörikes Briefe herausgibt, wer ein Buch über das antike Buchwesen schreibt oder gar mit seinen ersten lyrischen Versuchen hervorkommt, ist bei uns in seinen Erwartungen und Ansprüchen sehr bescheiden. Und so war es auch im Altertum. Trotzdem hat ein Mann wie Cicero ganz gute Schriftstellereinnahmen gehabt, zwar nicht mit seinen philosophischen Versuchen, den Tusculanen u. a., wohl aber mit seinen berühmten Reden, die tatsächlich jedesmal ein Ereignis für Rom waren und wie Pamphlete wirkten. Man bedenke, daß es damals noch keine Zeitungen gab, die heutzutage die Parlamentsreden in jedes Haus tragen.
Um sich die Sache klar zu machen, sei Apollinaris Sidonius benutzt. Dies war einer der reichsten, vornehmsten Herren in der Römerwelt des 5. Jahrhunderts n. Chr., der zeitweilig sogar mit dem Kaiserhof in nächster Verbindung stand. In seiner vielköpfigen Dienerschaft oder Klientel hat der Mann auch einen eigenen Buchhändler, und dieser Buchhändler muß nun helfen, als Sidonius seine eleganten Schriften herausgeben will; aber er überläßt diesem nun nicht etwa das Geschäft selbst mit den anfänglichen Geschäftsunkosten und dem hernach erzielten Gewinn, sondern er zahlt ihm nur jährlich ein Fixum, und dafür muß der Angestellte den Vertrieb besorgen, was eben voraussetzt, daß er den Gewinn an den Herrn selbst abzuliefern hat; denn anderenfalls hätte das Fixum keinen Sinn. Dieser Angestellte heißt deshalb „besoldeter Buchverkäufer“ (mercennarius bibliopola). Vielleicht hatte dieser Mann in verschiedenen Städten eigene Verkaufsbuden, wo er die Sachen vertrieb; er konnte sie auch gegen Zahlung an verschiedene andere seinesgleichen, d. i. also an Sortimenter, verschicken und weitergeben.
Der Verleger Atticus. Witzliteratur. Vertrieb d. erhab. Dichtwerke.
Dies Verfahren ist Selbstverlag, und es ist das Verfahren, das alle großen und wohlmögenden Herren, die sich mit Schriftstellerei abgaben, eingehalten haben müssen, z. B. der große Rechtsgelehrte Ulpian, der in Rom Gardepräfekt und der mächtigste Mann neben dem Kaiser war. Die Fülle seiner juristischen Schriften, die nur in Fachkreisen Verständnis fanden, kann Ulpian nur in dieser Weise selbst vertrieben haben; nicht anders aber auch Cicero. Jedoch wurde die Sache dem Cicero, der für einen viel größeren Leserkreis arbeitete, bald unbequem, und sein ausgezeichnet geschäftskundiger Freund Atticus kam ihm zum Glück zur Hilfe. Der vornehme Geldmann Atticus ist der großartigste Verleger des Altertums, den wir kennen. Er hielt sich ein besonders zahlreiches Abschreiberpersonal und gab mit dessen Hilfe in trefflicher Ausstattung berufsmäßig griechische und römische Autoren in Fülle heraus. Da sehen wir nun, wie Cicero ihm seine neuen Arbeiten, die gleichsam noch warm und kaum gar vom Ofen kommen, zuschickt, und wie dann in den Abschriften, die Atticus herstellt, doch gelegentlich ein Fehler sich einstellt und rasch etliche Schreiber heran müssen, um, ehe es zu spät ist, den Schaden aus allen Exemplaren zu beseitigen; denn in dem Werk, wenn es einmal heraus ist, läßt sich nichts mehr korrigieren: nescit vox missa reverti. Als Atticus im Jahre 46 v. Chr. auch Ciceros Rede pro Ligario vertrieben hat — offenbar riß sich sogleich alles darum —, da ruft der Verfasser voll Entzücken: „Du hast meine Rede mit so großartigem Erfolge verkauft: hinfort sollst du von allem, was ich schreibe, den Vertrieb haben,“ woraus folgt, daß Atticus vor dem genannten Jahre keineswegs alle Sachen Ciceros verlegte. Vor allem aber sehen wir, daß Cicero sich an dem Verkauf freut; er hatte persönlich Gewinn davon.
Aber wir hören mehr. Nichts wird so gern gekauft wie die Witzliteratur, die sich bei den Alten vor allem in der „Satire“ auslebte. Die Satire war das humoristische Feuilleton der Alten. Vom Satiriker Menipp hören wir nun zufällig einmal ausdrücklich, daß er seine prickelnden Schriften mit großem Geldgewinn abgesetzt hat. Wie? wird nicht gesagt. Uns genügt zu wissen, daß auch er als Verfasser eine Einnahme, und dazu eine gute, erzielt hat.
Aber auch von den Spottdichtern, die nur kurze Gedichte und Epigramme zum besten gaben und dabei wie die „Wespen“ stachen, erfahren wir dasselbe. Über einen solchen wird einmal, weil er zu viel Geld verdient, mit Entrüstung hergefallen, und da heißt es von ihm: „Du verkaufst deine Witzverse (Jamben) wie der Kaufmann sein Öl; was hast du für Verdienste um unser Gemeinwohl, daß du mit deinem Schimpfen so viel Geld machst?“ Es ist also auch hier so: der Schriftsteller hat seinen guten Vorteil.