Eine angesehene Verlagsanstalt in der Zeit des Kaisers Augustus waren die „Gebrüder Sosii“; sie waren die Verleger der Oden des Horaz, und damit erhebt sich die wichtige Frage, die noch übrig bleibt: konnten auch solche Dichter, die nicht für die Bühne, sondern nur für das lesende Publikum schrieben, und die dabei sich auf den erhabenen Stil beschränkten, auf das gleiche rechnen? konnten sie von ihrer Kunst leben? Hier liegt die Sache in der Tat anders, und wer dem sorglich nachgeht, erhält einen interessanten Einblick in die eigenartigen gesellschaftlichen Verhältnisse der Antike; es wäre verfehlt, diese Verhältnisse nach den unsrigen zu beurteilen.

Der Betrieb der Gebrüder Sosii war genau so, wie wir es nach allem, was ich vorausschickte, erwarten müssen; denn über sie wird uns wörtlich mitgeteilt: „Sie erwarben sich gute Werke durch Kauf und hatten dann beim Verkauf großen Gewinn, indem sie Vorräte von ihnen herstellten.“

Also auch sie „kauften“ die Manuskripte, ehe sie verkauften. Das versteht sich von selbst. Gleichwohl war die Sachlage für die Dichter doch höchst ungünstig, und insofern können wir unsere Gegenwart zunächst noch ganz wohl zum Vergleich heranziehen. Denn auch heute kann, wer ein Epos oder gar lyrische Gedichte macht, froh sein, wenn er sein Werk überhaupt gedruckt sieht; er zahlt womöglich noch etwas zu und jauchzt auch dann noch, wenn er das erste fertige Exemplar in die Hand bekommt. So sagt denn auch Seneca von den Dichtern erhabenen Stils: „Sie dichten nicht um Gewinn, sondern sind zufrieden, wenn sie nur Dank ernten.“ Sie sind also von vornherein bescheiden; es fragt sich aber immerhin, worin der „Dank“ bestand, auf den sie rechnen.

Horaz. Widmung ist Eigentumsübertragung.

Horaz hat in seinem ganzen Leben nicht mehr als zehn kleine Bücher fertig gebracht, die heute zusammen nur ein einziges schmächtiges Bändchen von etwa 250 Druckseiten ergeben. Wie hätte er davon dreißig Jahre lang (in den Jahren 40–8 v. Chr.) leben können, wenn die Gebrüder Sosii ihm auch wirklich für jedes der zehn Büchlein ein gewisses Sümmchen ausgezahlt hätten? An den ersten fünf seiner Bücher schrieb der Dichter zehn volle Jahre lang, von 41–31 v. Chr.; für jedes derselben hätte er vom Verleger also eine Einnahme, die für volle zwei Jahre reichte, ausgezahlt erhalten müssen: was undenkbar ist.

So steht es denn auch sonst. Die Dichter sind die Sorgenkinder der Muse; denn das Talent pflegt arm zu sein. „Ihr lest meine hübschen Produkte,“ scherzt der arme Martial, „aber mein Geldsack weiß nichts davon“ (nescit sacculus ista meus). Ein reicher Nabob und Konsular wie Silius Italicus, der mochte immerhin sein langweiliges Epos über Scipio aus eigenem Vermögen mit Hilfe des Selbstverlags ins Publikum bringen; der arme Dichter dagegen geht so vor, daß er sein Werk einem vornehmen Manne widmet. Der Vornehme legte auf solche Widmung den höchsten Wert; denn von Dichtern rühmend genannt zu werden, galt für mehr als alle Verewigung durch Inschriften[202]; und er setzt also, um sich erkenntlich zu zeigen, seinen Ehrgeiz darein, den Dichter, an dessen Talent er glaubt, nun auch materiell sicher zu stellen; er schafft ihm sorgenfreie Muße; denn nur in solcher freien Muße läßt sich Bedeutendes schaffen. Er geht dann gelegentlich auch weiter und stellt dem Dichter selbst seine großen Aufgaben, wie sie dem Zeitbedürfnis entsprechen[203]. So hat sich Mäcenas durch seinen Klienten Horaz, wie jeder weiß, seinen unvergänglichen Namen erworben.

Wie aber war alsdann das Verfahren der Herausgabe der Gedichte? wie stand Horaz geschäftlich zu seinem Verleger? Die Antwort lautet: er hatte gar keine Beziehung zu ihm; sein reicher Gönner trat ganz für ihn ein.

Hier gilt es vom Wesen der „Widmung“ zu handeln. Heutzutage ist das Widmen nichts als ein Ausdruck „hochachtungsvollster Verehrung“; der Jüngling schreibt vor seine Liebesverse „meiner angebeteten Klotilde“, der Doktorand bringt seine lateinisch geschriebene Doktorschrift seinen Eltern dar, die gar kein Latein verstehen. Was hatte Anton Springer davon, wenn er sein Buch über mittelalterliche Baukunst dem Herrn Boisserée, was Mommsen, wenn er seine Römische Geschichte seinem Kollegen Moritz Haupt widmete? Er erntete dafür ganz gewiß nichts weiter als ein Wort wärmsten Dankes, der Jüngling von seiner Geliebten vielleicht überdies einige Zärtlichkeiten. Das ist alles.

Dies Dedizieren haben wir zwar von den Alten gelernt; im Altertum hatte es aber einen ganz anderen Zweck, eine andere und höchst praktische Bedeutung. Es gab zwei Arten von Widmungen. Der alte Cato richtete seine Lehrschriften an seinen Sohn; derartiges geschah oft, und da liegt der bloße Lehrzweck zutage. Cato war Senator, Konsul, war Zensor in Rom und brauchte sich durch seine Schriften keine Gönner zu erwerben. Wer aber zu den wirtschaftlich Schwachen zählt, wendet sich mit seiner Gabe an die Größen der Börse, an fürstliche Personen, an die Könige und Kaiser selbst, und das „Dedizieren“ (dedicare) ist alsdann ein Schenken (donare) in eigentlichstem Wortsinn gewesen; als Schenkung wird es uns ausdrücklich bezeichnet; d. h. es war völlige Eigentumsübertragung, ganz ebenso wie das Verkaufen, und der Empfänger der Widmung ist fortan Eigentümer des Originalmanuskriptes mit allen Folgen, die das in sich schließt, ganz so, wie wenn heute ein Student dem anderen einen Spazierstock oder ein schönes Bierglas „dediziert“; er hat alsdann an der Sache gar kein Recht mehr, und der Empfänger kann hinfort damit machen, was er will.

Die Gönner besorgen den Verlag. Fürsorge der röm. Kaiser.