Der Dichter hat also an seiner Dichtung alle Rechte preisgegeben, und wollte nun ein Buchhändler das Werk vertreiben und in Verlag nehmen, so mußte er es zwar selbstverständlicherweise käuflich erwerben, aber nicht vom Dichter, sondern von dem vornehmen Manne, dem es jetzt gehörte. Die Sache liegt just so wie bei den Lustspielen des Plautus. Damit war der Poet allen Verlagssorgen enthoben; sein Werk war ihm entzogen; aber er rechnete auf den „Dank“ seines Gönners, der ihn fortan wirtschaftlich sicherstellte und für ihn sorgte durch jährliche Unterstützung. Das nannte man salarium. Er wurde gefüttert wie eine gezähmte und eingefangene Nachtigall. So erklärt sich die eigentümliche Erscheinung, daß es der Empfänger der Widmung ist, der entscheidet, ob das Werk überhaupt in den Handel kommen soll oder im Kasten bleibt (wohl viele Werke sind uns so entgangen); ja, er ist es, der Verbesserungen im Text anordnet und endlich auch für eine anständige oder pomphafte Ausstattung sorgt. Der Dichter aber hat sich damit eine Sinekure verschafft. So sitzt Horaz bei Tivoli auf dem Land, verpachtet den größeren Teil seines Gütchens, speist als echt frugaler Epikureer seine „Oliven, Cichorien und Malven“ und meißelt dabei aus dem spröden, dunklen Marmor der lateinischen Sprache seine Oden, nur etwa jeden Monat eine.

In dieser Weise hat die Poesie fast hundert Jahre lang in Rom geblüht. Daher sagt Martial: So lange es Mäcene gibt, gibt es auch Vergile! Dann aber gingen die Protektoren ein. Das Angebot an Versen wurde zu groß, und man hatte allmählich von Orest und Thyest genug gehört. Seitdem die hohen Herren den Hunger nach Dichtkunst verloren, verhungerte schließlich die Dichtkunst selbst. Juvenal singt in seiner siebenten Satire ihr krächzendes Grablied. Die Poeten darbten jetzt bei ihrer Öllampe unterm Dach im fünften Stock, und erst etwa zwei Jahrhunderte später ist die Poesie in der lieben „Mosella“ des Ausonius an unserer Mosel zu einer bescheidenen Nachblüte neu entstanden.

Die Verdienste der römischen Kaiser um die Wissenschaft sind noch gar nicht genug gewürdigt worden. Ich rede hier nicht von den vielen Schulbüchern, die hübsch gemeinverständlich abgefaßt wurden; die brauchten zu ihrer Verbreitung keiner höheren Fürsorge; denn sie konnten von vornherein auf reichen Absatz rechnen. Die Lehrer trieben mit ihren Lehrschriften regelmäßigen Handel; die Schüler mußten sie kaufen, und so sieht sich denn auch gelegentlich der Verfasser eines solchen Buches gedrängt zu versichern, daß er es „nicht um des Gewinnes willen“ schreibe. Solche Bücher waren also „lukrativ“. Dagegen hatten es die Gelehrten mit ihren streng wissenschaftlichen Arbeiten, die dazu meistens noch sehr umfangreich waren, oft schwer, ans Tageslicht zu treten. Heute ehrt es unsere Verleger, wenn sie Werke so schweren Kalibers wirklich drucken und auflegen; sie bringen damit oft ein rühmliches Opfer. In jenen Zeiten aber haben nicht selten die Kaiser selbst geholfen; dafür war das Hofamt „für gelehrte Dinge“ (a studiis) da. Ich erinnere nur an Kaiser Mark Aurel, dessen Zeitgenosse, der Philologe Herodian, ein epochemachendes Werk über die Betonung der Silben im Griechischen und über die Akzentschreibung schrieb, das ganze 21 Buchrollen füllte. Dem Mark Aurel widmete er die Rollen, und wir wissen jetzt, was das bedeutete; der Kaiser, der die Widmung annahm, veranlaßte ihre „Edition“, ihre Vervielfältigung und Verbreitung, so wie bald danach auch der Sohn Mark Aurels, der Kaiser Commodus, für das gelehrte Lexikon des Pollux die Fürsorge übernahm. Es nützte freilich in beiden Fällen wenig; die Werke waren mit Stoff allzu überladen; das gelehrte Dickicht schien zu undurchdringlich; man machte Auszüge daraus, und nur diese Auszüge liegen uns heute noch vor, aber sie sind uns immer noch eine reichliche Quelle der Belehrung.

Die Kaiser waren die eigentlichen Besitzer der öffentlichen Bibliotheken Roms, die Bibliothekare waren ihre Angestellten, und man konnte sicher sein, daß sie in den Schränken dieser großen kaiserlichen Büchereien selbst, die jedem zur Benutzung offen standen, gute Abschriften niederlegen ließen, und das war das wichtigste. Vespasian und Titus eroberten Jerusalem; der Jude Josephus erlebte als Freiheitskämpfer die Katastrophe mit; er wurde aber von den Römern gefangen und huldigte jetzt den Kaisern, die ihn für seine Gesinnungslosigkeit ehrten, ihm die Freiheit schenkten, Gehalt zahlten, ja, in Rom im kaiserlichen Palast wohnen ließen. Es ist begreiflich, daß Josephus, als er nun seine jüdische Geschichte schrieb, damit das Interesse dieser beiden Kaiser gewann, das sich auch auf das beste bewährt hat. Wir sind glücklich, die Bücher des Josephus noch heute zu lesen.

Soziale Stellung des unbemittelten Autors.

Auf die sozialen Verhältnisse aber fällt aus dem, was ich hier besprochen habe, ein grelles Schlaglicht. Es handelt sich um das Genie ohne Geld. Der unbemittelte Schriftsteller, wie anders als heute stand er damals in der Gesellschaft! Es war die Zeit der Mäcene. Der Dichter lebte allerdings im Grunde ein höchst bequemes Leben; er brauchte durchaus nicht sehr produktiv zu sein; niemand zwang, niemand hetzte ihn. Aber er war zeitlebens abhängig von der Gunst und Laune der Großen. Heute wissen wir zum Glück von Patronen und Klienten nichts mehr; unsere Schriftstellerei ist frei, und jeder Autor wählt sich selbst seinen Verlag. Gewiß. Aber man wird vielleicht bemerken, daß sich unsere buchhändlerischen Verhältnisse doch neuerdings den antiken mehr und mehr analog entwickeln. Unsere großen modernen Verlagsanstalten wachsen an Macht und stehen im Literaturleben der Gegenwart vielfach schon wie die Patrone da; sie kreieren Autoren, begünstigen sie und stellen ihnen ihre Aufgaben und haben vor allem auch wie die Patrone des Altertums die Entscheidung in der Hand, die gegebenenfalls die Veröffentlichung eines Werkes für lange Zeit oder für immer verhindert. Dazu kommt der Geldpunkt. Gemurrt wird wohl heute genug; es wäre nicht erwünscht, wenn es dazu käme, daß wir uns nach den Verhältnissen der Zeiten des Augustus und Nero zurücksehnen müßten.

Im Altertum sind die Verleger indes schwerlich zu großen Reichtümern gelangt. Jener Atticus mit seinem Riesenverlag, von dem ich berichtete, war augenscheinlich ein Idealist, aber er war zugleich Großkapitalist und konnte das Risiko tragen. Warum war der Beruf der Verleger wenig ergiebig? Kaum hatten sie ein Werk herausgebracht, so fiel das Publikum rücksichtslos darüber her. Rechtsschutz gab es nicht; wer nicht kaufen wollte, machte sich eigenhändig eine Abschrift, und dem Bücherverkauf wurde dadurch die empfindlichste, ja eine ganz unerhörte Konkurrenz gemacht. Es war eine Ausplünderung, viel ärger als der Nachdruck, der noch in unserem 18. Jahrhundert die Verleger so gröblich schädigte. Von dem ersten besten guten Bekannten borgte man sich ein Buchhändlerexemplar und kopierte es nach Belieben. Das war billig; es kostete nur etwas Zeit und Papier; aber man nahm meistens schlechtes Papier dazu, die Rückseite von alten Aktenbogen und ähnlichen; wir haben davon noch viele Proben erhalten. Tausendfach und ständig ist das geschehen, und diese „Privatabschrift“ hat — besonders in der christlich gewordenen Welt — den Verlag und Buchhandel des Altertums schließlich geradezu ertötet. Vollends kam sie in den Schreibstuben der Klöster zum Sieg. Die Mönche kauften grundsätzlich nicht vom Buchhändler. Daß im Altertum ein Buch, es mochte noch so vortrefflich sein, viele „Auflagen“ erlebte, war daher ausgeschlossen.

Woher stammen die Amoretten?

Modernes. Renaissance. Altertum.

Von Amoretten soll im Nachstehenden die Rede sein, von jenen geflügelten Putten, die, dem modernen Auge so geläufig, auf Gemälden und Standbildersockeln wie an Häuserfassaden, auf Geschäftsreklamen und Waschtisch-Stickereien von unseren Künstlern, Kunsthandwerkern und Damen oft auf das gedankenloseste wiederholt werden, als ein bequemer Hausrat für die erfindungsmüde Phantasie der Gegenwart, ein immer erwünschtes Füllsel für alle leeren Ecken und Winkel; und, wo immer wir sie sehen, erscheinen sie allezeit gefällig oder doch niemals störend; denn es läßt sich leicht über sie hinwegsehen. Von gewisser Originalität waren jene Greenaway-Bilderchen, mit denen uns vor längerer Zeit die Erfindungsgabe englischer Frauenseelen beglückt hat; sie waren gleichsam auf dem Boden und Plan des englischen „Kindergartens“ erwachsen. Sie sind natürlich stets hübsch bekleidet. Anders die Putten, und schon ihre Nacktheit kann dem Nichtwissenden verraten, daß sie ein Anlehen aus freieren Zeiten sind. Wir verdanken sie der lebensfrohen italienischen Renaissance, und schon zu den Füßen der Sixtinischen Madonna, in den Glanzhimmeln des Correggio führen sie ja ihr göttlich schönstes Kinderleben. Die kleine Flügelrasse war seitdem nicht zu verderben; selbst das Klima des Rokoko bekam ihnen leidlich; sie wurden sichtlich fetter, trugen jeden Thronhimmel, den sie sollten, und überstanden jede Verrenkung. Ihre Ahnen indes, jene Flügelknaben der großen italienischen Kunst, hatten gleichsam reineres Venusblut, sie hatten voraus den Adel der Wahrheit und Schönheit, in Süßigkeit und Zauber des Leibes und der Gebärde. Sie dienten jenen Künstlern bald als Engel, bald als Amorinen, bald als Genien zu durchsichtiger Symbolik. Es ist jene Zeit, wo man auch den Sohn Gottes im Schoße Marias für immer der stumpfen Bekleidung entledigte, die ihn in der Kirchenbilderei des gotischen Mittelalters wie die Wolke die Morgensonne zudeckte, um alle Virtuosität Raphaelischen Könnens an diesem heiligsten Kinderleibe zu üben.