Also die Renaissance. Aber sie war nur Renaissance, sie war nur wiedererstandenes Altertum. Jene köstlichen Putten haben als Ahnen noch echtere griechische Venuskinder; die Renaissance ließ sie auferstehen aus den Gräbern des Altertums, aus jenen antiken Marmorsärgen, die so massenhaft mit dem Volk der Amoren geschmückt sind.
Wollen wir die Frage stellen nach der ersten Entstehung der Amoretten, so gilt es bis in das griechische Altertum selbst zurückzugehen. Wie konnten diesen Kindern die Flügel wachsen? und was bedeuteten sie dem antiken Publikum? Hat, was man heute ziemlich gedankenlos als Gemeingut hinnimmt, dereinst einen eigentümlichen Sinn gehabt? und wie weit hatte das Cinquecento Recht, die griechischen Putten in dreifacher Verwendung als Amoren, als Engel, als Genien nachzubilden?
Was ich im Vorliegenden darbiete, ist von mir mit umständlicheren Belegen und in leider der Ungnade verfallener Sprache anderen Orts ausgeführt[204]; für den, der nachprüfen will, sei im Anhang mit Seitennennung auf jene Ausführungen kurz verwiesen. Da auch in den neuesten Arbeiten über diesen Gegenstand die richtige Auffassung noch fehlt, lohnt es sich, sie noch einmal vorzutragen[205].
Der Leib des Menschen sehnt sich wohl nach dem Fliegenkönnen so, wie die Seele des Menschen sich sehnt nach der Unsterblichkeit. Es ist beides der Trieb nach Unendlichkeit, dort in das Räumliche hinaus, hier hinaus in die Länge der Zeiten. Wie schön, das Ersehnte leibhaft vorzustellen! Der Kinderkörper ist der leichteste; sein Bau kommt dem des beneideten Vogels noch am nächsten, wenn wir achtgeben auf das Verhältnis der Höhe zur Breite; ein Kind läßt sich schon am ehesten harmlos schwebend denken. So erregt es ein seliges Gefühl wie erfüllte Sehnsucht, der Anblick der schwebenden Eroten.
Geflügelte Götter. Eros in der älteren Kunst.
Für den alten Ägypter war der Vogel gelegentlich selbst göttlich, selbst Gottheit gewesen; er schuf den Gott Horos mit dem Sperberkopf; der Fittich war ihm allgemein Abzeichen des Göttlichen. Anders der Grieche. Der Grieche schuf Gott nach seinem Bilde und verschmähte jenes Abzeichen durchaus, außer wo er phönizischen Einflüssen Raum gab[206]. Die olympischen Götter schreiten vorgeneigt durch den Luftraum, durchmessen die Himmelsstrecken mit leichtestem Sprung, aber sie bedürfen des Flugapparates nicht; auch beim Hermes ist er lose Zutat und mehr Merkmal als Werkzeug der Eile dieses Berufsboten. Die Flügel sparte jene Kunst für ihre Windgottheiten, für ihre Siegesgöttin, die Nike, auf, um an ihnen die stürmende Hast vorzüglich auszudrücken. Amor aber — griechisch Eros — ist die Liebe. Die Liebe (Sappho bezeugt es) ist dem Winde, dem Sturme gleich; man weiß nicht, von wannen sie kommt und geht; sie ist überraschend beglückend, göttlich, aber ephemer, eine Unsterblichkeit des Augenblicks, wie Nike, der geflügelte Sieg[207]. So ist Eros — nach einigen ein Sohn des Zephyr — stets geflügelt gebildet worden.
Aber auch in anderem Sinne ist die Liebe flugbegabt. Jene Sehnsucht des Sterblichen nach dem Unendlichen, nach dem Fliegenkönnen, in der Liebe ist sie gleichsam erfüllt; denn sie ist ein Schweben des Liebenden außer sich, d. h. im Unbegrenzten. Der Menschenseele selbst, die da liebt, wachsen somit Schwingen; oder aber — in anderer Auffassung — die Liebe selbst in ihr ist ein Flügelwesen. Als man bei den Griechen begann, über die Beflügelung Betrachtungen anzustellen, beim Plato im Phädrus, wird uns eben dies gesagt. Nicht wesentlich weicht hiervon ab, wenn es in einem Spruche aus der Komödie heißt: „Schnell wächst Gefieder dem Eros, wenn er hofft, und schnell entfiedert ist er, wenn ihm die Hoffnung schwand“[208].
Nicht also die Befiederung der Amoretten bedarf einer weiteren Erörterung, wohl aber ihr kindliches Alter und ihre Vielheit, desgleichen die Art ihrer Verwendung oder Beschäftigung.
Es gilt zum Verständnis die verschiedenen Zeitalter des Griechentums zu sondern, die Wandelungen des Zeitgeistes in ihm zu beobachten. Das Griechentum gleicht der Natur und dem warmen blühenden Jahre; nicht jeder Monat brachte die gleiche Flora. Die Amoretten waren Spätlinge des Jahres und entstanden, als der Geist und die Kunst schon herbstete.
Eroten in der älteren Kunst. Interesse am Kinde.