Die eigentlich klassischen Zeiten eines Perikles und Plato wußten im wesentlichen nur von einem Eros. Die Vorstellungen über ihn waren erst allmählich innerhalb der Literatur und Kunst selbst ausgebildet worden. Er war von den Einen im Interesse der Schöpfungsgeschichte als Schöpfungsgeist oder Lebensprinzip des Weltalls, von anderen minder abstrakt als Entzünder der Liebe innerhalb des Menschenlebens aufgefaßt. In dem letzteren Sinne, der je mehr überwog, je breiteren Raum die Liebespoesie gewann, festigte sich erst nach und nach die Vorstellung vom Eros als dem Sohne der Aphrodite. Die Kunst aber gab diesem einen Eros ganz vorwiegend die Gestalt des Halbjünglings oder reiferen Knaben, in einem Alter zwischen 9 oder 10 bis zu 16 Jahren. Und wir sehen diesen „jüngsten“ und „schönsten“ der Götter zunächst nicht sich beschäftigen; er steht oder er fliegt daher, hält Symbole, die auf Lenz und Liebe deuten, bis er endlich zum Bogenspanner ausgebildet ist, der die Herzen verwundet mit dem Pfeil der Venus.
Es konnte nicht ferne liegen, von diesem Venussohn zu einer Mehrheit gleichartiger Gestalten zu gelangen. Eros ist die Personifikation eines Triebes. Man konnte der Liebe die Begierde „Himeros“ zum Bruder geben, als dritten dazu die Sehnsucht, den „Pothos“, gesellen. So tat es in der großen Kunst nur Skopas in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts v. Chr. Die Vasenmalerei und kleinere Kunst aber schlug entweder dasselbe Verfahren ein (die Beischriften bezeugen es), oder sie zeigte „Liebe“ und „Gegenliebe“ (Eros und Anteros), oder sie verfiel endlich auch geradezu auf eine Anzahl von gleichartigen ununterschiedenen Eroten, bis etwa zu sechsen an der Zahl auf einem Stück. Es scheint dies zunächst ein ähnlicher Hergang, wie wenn man den einen Gott Pan, den ziegengestaltigen, vermehrte und aus ihm einen ganzen Tragödienchor seinesgleichen schuf[209]. Und doch liegt die Sache anders[210].
Da Liebe immer nur als die Liebe eines Menschenherzens zu verstehen ist, so waren gewiß so viele Eroten denkbar, als da Herzen lieben. So sprach auch die Euripideische Tragödie, die die Liebe zuerst zum großen Gegenstande der Bühne machte, mehr als einmal im Plural von „Eroten“. Sogar ein Pindar war vereinzelt darin vorgegangen. Allein jene Vasenbilder geben uns diese Eroten noch allzu deutlich als abstrakt symbolische Figuren; sie ordnen sie schematisch und nach äußerlicher Entsprechung (besonders ist die Zweizahl bevorzugt), so daß oftmals der Eindruck entsteht, das bloße Bedürfnis nach Symmetrie sei hier auf die Erfindung von Einfluß oder entscheidend gewesen; und was wichtiger, sie vereinigen diese Eroten noch nicht unter sich zu einer Handlung. Es waren noch keine Amoretten.
Auch fehlte noch immer das eigentliche Kindesalter. Zwar konnte es nicht fern liegen, sich Amor klein vorzustellen, und auf diese Anschauung konnte hinleiten, was Sophokles von ihm sang: „Der du auf weichen Wangen des Mägdleins lauernd gelagert bist.“ Es ist dies nichts als der Person gewordene „Glanz der Liebe auf Purpurwangen“ (Phrynichus). Wo aber war damals der Künstler, der dies auch nur annähernd in Stein oder Farbe wiederzugeben wagte und wagen konnte? Auch weiß z. B. der Komiker Alexis in seiner eingehenden Charakterzeichnung des Gottes noch nichts von seiner Kindlichkeit[211].
Die Erfindung der Amoretten wurde erst möglich, nachdem bei den Künstlern das Interesse an Darstellung von Kindern wach geworden, die Fähigkeit, Kinder darzustellen, ausgebildet worden war, und wir stellen schon hier den Satz auf: das Interesse am Kinde war die Erzeugerin; nicht Aphrodite, sondern die Kinderliebe ist in Wirklichkeit die Mutter der Amoretten gewesen. Als Kennzeichen für sie stellen wir fest: erstlich das Kindesalter, zweitens ihre Vielheit, die zur vorherrschenden Regel wird, endlich ihre Beschäftigung, die nur zum Teil sich noch nach außen hin auf Götter- und Menschenherzen richtet, sondern zumeist nur ein Spiel miteinander und ein Untersichsein ist. Um dieser Beschäftigung willen war eben die Vielheit zweckmäßig und Vorbedingung.
Die größte Zeit starken männlichen Zuges mußte erst vorüber sein. Erst mußten die Phidias und Polyklet, Praxiteles und Lysipp, naiv erhaben, ihrem Volke seine großen Stadtgötter hingestellt haben, das Ideal steigernd und verwirklichend, eine steinerne Theologie; erst mußte die Kunst die Behandlung des männlichen und des weiblichen Körpers, des gewandeten und des ungewandeten, an den Göttern wie an der Bildung sieggekrönter Sterblicher zu Ende geübt und bis zur höchsten Vollkommenheit gebracht, mußte in ihr den letzten Reiz des Neuen und Schönen erschöpft haben, bis sie sich endlich auch des Kindes erinnerte, über das sie gleichsam hinweggesehen, und hier eine Aufgabe übrig fand, um Anmut in Fülle auszuschütten, wo die Stärke und Erhabenheit verbraucht war.
Es beginnt seit Alexander dem Großen die Ära der großen griechischen Königreiche, die Greisenzeit des Griechentums, der Hellenismus. Das Publikum überließ die Politik den Königen; es verlor den politischen Ehrgeiz; es wurde weltbürgerlich, es wurde sentimental. Die Interessen und Aufgaben gingen in das Kleine und Menschliche; man sah gern und man schilderte gern Landschaft und Natur, die liebe Alltäglichkeit und die alltägliche Liebe, schwärmte für Hirten und Fischersleute und sehnte sich in Übersättigung und Empfindsamkeit zurück in die unverderbte Einfalt des Lebens[212]. Man wurde groß im Kleinen; es war wie die Nachlese desjenigen, der das Leben ausgeschöpft hat. Damals hub auch die sentimentalische gerührte Freude am Kinde an. Erst aus der sentimentalischen Liebe zu Kindern ist die Idee der Amoretten, erst aus der Darstellung von Kindern ist die Darstellung von Amoretten hervorgegangen. In jener Zeit, als Christus, vom Berge predigend, das Wort sprach: „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ und sie herzte und küßte, war jene Kinderliebe allerorts in vollster Blüte, und das Evangelium hat dafür einen edelsten, reinsten Ausdruck gefunden.
Wie nun der griechische Geist diese Kinder bildete? Er war alt geworden, dieser Geist, aber von gereiftestem Schönheitssinn, und hat tändelnd eine Fülle ewiger Grazie über diese Gebilde ergossen. Es sind Kinder der Liebe, und sie sind mit dem Auge der Liebe gesehen.
Sei es noch einmal wiederholt: es ist für die Amoretten wesentlich, außer dem Kindesalter, daß sie gern viele sind und daß sie auch bloß unter sich ihr Spiel treiben, also selbst eine Szene bilden. Dieses beides wird sich uns eben aus dem ersten und grundlegenden, der kindlichen Natur selbst erklären. Wenn aber im Verfolg von Kindern die Rede ist, so ist dabei ausschließlich an das Alter gedacht bis höchstens zum sechsten Lebensjahr, an das Alter der Putten.
Kinderscharen in den Häusern seit der Alexanderzeit. Deliciae.