So hatte die stoische Weltlehre, die da gleiche Menschenwürde und Menschenliebe predigte, auch die Kinderliebe in ihr Programm aufgenommen. Sie näherte sich darin dem Sinne der Bergpredigt. Die häßlichen Auswüchse der so entstehenden Sitte konnte sie freilich nicht mit verantworten. Ein einsamerer Kaiser noch war Tiberius. Auch sein düster märchenhaftes Asyl auf Capri bevölkerten jene unschuldigen Scharen; die Phantasie seiner Verleumder aber umgab die Kunde hiervon mit Gerüchten von allerlei Schändlichkeit.

Im Hause Domitians treffen wir sie wieder. Die Unschuld wurde hier Ursache an dem Tode des Schuldigen. Domitian schlief und hatte ein Verzeichnis derer, die er dem Tode bestimmte, unter dem Kopfkissen; die Kleinen waren im Zimmer. Eines zog neugierig die Schreibtafel hervor und hielt sie nichtsahnend in seinen Händchen, als Domitia herzukam, die Namen las und die Ermordung des Kaisers beschloß und einleitete.

Eine sehr ähnliche Szene kehrt unter Kaiser Commodus wieder; vor allem sind die Verhältnisse immer die gleichen. Ein Kind pflegt das bevorzugte, das dreisteste, der Favorit zu sein und wird durch Eigennamen ausgezeichnet, den nun die Weltgeschichte überliefert.

Das Kaiserhaus machte aber durchaus nur die Mode der Zeiten mit. Zahlreich sind sonstige Belege, wie sie der Zufall bietet. Grabsteine solcher deliciae sind ausgegraben. Die Schriftsteller selbst, vornehmlich die Vertreter der epigrammatischen Dichtung, ließen sich herbei, sie in zärtlichem Scherz zu schildern oder rührsame Grabesaufschriften zu geben für solch einen kleinen Verstorbenen: „Kalläschros ist gestorben, der kleine Fant, um nun ein Spielzeug zu sein im Haushalt der Proserpina.“ Ein Zweijähriges fiel von der Leiter; der Herr lief herzu; „da streckte es nur noch einmal die zarten Händchen und verschied.“ Oder der Dichter an seine verstorbenen Eltern: „Mein kleines Erotion, das so zum Küssen ist, kaum sechs Jahre alt, kommt schon zu euch in den Orkus; sorgt doch, daß es vor dem Höllenhund sich nicht erschrecke; und so spiele es denn nun mit euch alten Herrschaften und schwatze von mir. Die Erde aber möge ihm leicht sein; denn es ist selber ihr nie schwer gewesen“ (Martial). Zu diesen Spielzeugen gehörte auch der Camerius des Catull (carm. 55) in Ciceros Zeit, zu ihnen auch die Bissula des späten Ausonius, jene Bissula, der die moderne Romanliteratur zu einer kurzen Auferstehung hat verhelfen wollen. Auch Bissula war Putte (pupa), im deutschen Kriege erbeutet; sie war in einer Schar derselben die kleine Favoritin (dominatur in deliciis).

Deliciae „Spielkinder“. Ihre Schwatzlust. Camerius.

In diesem Zusammenhang erklärt sich auch Folgendes. Wie Abraham den Lot befreite, da heißt es im Bibeltext einfach: „und schlug sie (die Feinde) und jagte sie .. und brachte alle Habe wieder, dazu auch Lot, seinen Bruder, mit seiner Habe, auch die Weiber und das Volk.“ Der Dichter Prudentius, um das Jahr 400 n. Chr., hält sich verpflichtet, dies auszumalen und zählt nun als Bestandteil jener „Beute“ neben Gefäßen, Pferden und Halsschmuck auch „die Kleinen“ auf, in deutlichem Hinblick auf die deliciae, die eben in der Habe des Reichen damals nicht fehlen[219].

Tafel 8

Trinkgelage von Satyrn und Nymphen mit spielenden Kindern. Relief auf einem römischen Sarge. (Rom, Villa Pamfili.)

Es ist nicht zu verwundern, daß man in der großartig brutalen Phantastik römischer öffentlicher Feste auch den Zauber des Anblicks dieser Kinder gelegentlich zu verwerten wußte. Man ließ sie wirken durch den Kontrast. In der Arena sollten Löwen auftreten; die Kinder erschienen zuvor, für die Bestien frischen Sand zu streuen und mit dem Rechen zu ebnen. Ein gräßlicher Anblick folgte; ein Löwe ergriff und zerriß etliche. Martial beweint dies und preist die Wölfin, die einst den Romulus und Remus verschonte. So sehr war das Leben der Zeit an diese Niedlichkeiten gewöhnt, daß sie das Volk als Verzierung der Tierhetze in der Arena zu sehen begehrte[220].