Auch aus dem Kleinleben des verschütteten Pompeji sind uns solche Anwürfe bekannt. Man kreidete sie an die Wände, um den Mitbürger zu ärgern, und da stehen sie z. T. noch heute. Zum Beispiel „Samius wünscht seinem Kollegen, er möge sich erhängen!“ oder „Der Restitutus hat oft viele Mädchen betrogen,“ oder in der Schenke an der Wand:
Kneipwirt, möchten solche Lügen
Auch einmal dich selbst betrügen.
Selber trinkst du reinen Wein,
Andern schenkst du Wasser ein[403].
Satire. Togatkomödie.
Während diese Sachen meist kurz sind, je kürzer, je wirksamer, wie gespitzte schlanke Pfeile, liebt die dritte Dichtungsform, von der ich zu reden habe, vielmehr den breiten Aufbau; sie schreitet im breiten Faltenwurf daher. Es ist die römische Satire. Der römischen Satire genügt das Spotten nicht; sie will erziehen. Griechische Humoristen, die zwar bitter ernst in das Leben sahen, aber das Laster nur für eine Torheit der Seele, die Tugend nur für Klugheit hielten, haben die satirische Predigt erfunden. Sie lag dem Römer vortrefflich, er ergoß sein ganzes eigenartiges Wesen hinein und hat sich in ihr ausgelebt von dem großen Lucilius an bis Juvenal und weiter. Die Spottgedichte Martials sind nur kleine lachende Kobolde; die Satire schreitet hochgewachsen, matronenhaft als weise Frau und Gouvernante von Beruf mit strengem Blick und greller Stimme durch die Jahrhunderte Roms, unermüdlich und mit spitzer Zunge scheltend, polternd und ermahnend; denn sie will Rechtschaffenheit, anständige Gesinnung, Wahrheitssinn, bisweilen auch Güte des Herzens lehren und den kleinsinnigen, abgefeimten Praktikern des Lebens die edleren Werte vorhalten, sie an das Sittliche gewöhnen. Da greift sie sich dann den und jenen aus dem Publikum, legt ihn übers Knie und schwingt die Rute, daß er es fühlt und die Zuschauer lachen, aber durch das statuierte Beispiel klug werden. Dann ruht sie aus, schlägt die Hände zusammen und schüttelt sich vor Lachen. Römische Satire und Kapuzinerpredigt: da ist kaum ein Unterschied. Wir wissen, wie der Kapuziner zu den Wallensteinern spricht. Abraham a Santa Clara ist der nächste Verwandte Juvenals.
Die Satire hat in der Tat einen hohen Beruf erfüllt und will ernst genommen werden. Die winzigen Spottepigramme dagegen, im Distichon, Jambus oder Phaläceus, sind Späße des Augenblicks, und der Leser huscht rasch von einem zum anderen. Wozu sie behalten? Es lohnt nicht.
Für den Spätgeborenen aber lohnt das Verweilen doch; ich meine für den, der den Augenblicksmenschen der Gegenwart in der Vergangenheit wiederzufinden sucht. Im Epigramm ist das Leben lebendig: natürliches Leben; Augenblicksleben; römisches Volksleben! Das ist es, was uns jetzt kurz beschäftigen soll.
Einen Vorklang dessen, wonach wir suchen, bringt schon das alte Volkslustspiel der sogenannten Togatkomödie. Nävius, Titinius, Atta und Afranius waren ihre Vertreter. Nur kurze Späßchen sind uns leider daraus erhalten; aber sie wirken mitunter wie Epigramme und werfen ein kurzes Schlaglicht auf die Personen, die da auftraten und die für uns sonst ganz im Dunkeln stehen. „Armselig die Eheherren, die bei ihren Frauen die Magd spielen! Nur die große Mitgift macht’s[404].“ Und diese Weiber sind dem Wein nicht abhold: „Gebt ihr zu trinken,“ heißt es; „denn sie ist eben in Wut[405].“ Ein Modefatzke tritt auf, und man fährt ihn an: „Du trägst ja gedrehte Stirnlöckchen wie ein Hermaphrodit[406].“ „Deine Frau ist zu protzig,“ rät ein Freund dem anderen; „schaff’ Wagen und Maultiere ab und laß sie zu Fuß trollen[407].“ Das Straßenleben tut sich auf, und wir hören den Vorwurf: „Du schreist so auf offener Straße? Schämst du dich nicht vor dem Publikum[408]?“ Endlich der weise Satz: „Es lohnt sich für das Kind nicht, daß seine Eltern leben, wenn sie lieber Furcht als Ehrfurcht erregen wollen[409].“