Hängt’ er im Tempel Roßkamm dann und Zügel auf.

Das ist vorbei! Jetzt sitzt Sabin im Tempel selbst

Als großer Herr und Stadtrat auf kurul’schem Stuhl

Und weiht sich den Castoren so als Statue!

Dies Gedicht ist in seiner lateinischen Fassung ein Meisterwerk ersten Grades; die Übersetzung kann davon kaum eine Vorstellung geben[412]. Und was das Erfreulichste: sonst bewegt sich alle römische Poesie nur in Rom selbst; hier haben wir einmal echten Lokalton, muntere, kecke italienische Kleinstadtpoesie, wie wir sie sonst nirgends finden.

Übrigens hätte Vergil sein Gedicht so oder ähnlich auch noch heute schreiben können. Ich denke an den Maultiertreiber Mr. Kerkens in Kansas in Nordamerika. Im Januar 1910 ging durch unsere Zeitungen folgende Notiz: „Der amerikanische Millionär Richard C. Kerkens in St. Louis, der für die Vereinigten Staaten als Botschafter nach Wien geht, hat einen etwas ungewöhnlichen Lebenslauf hinter sich. Er ist in Irland geboren und in seiner Jugend in Fort Leavenworth (Kansas) als Mauleseltreiber beschäftigt gewesen. Später rückte er zum Hilfswarenaufseher auf. Von Leavenworth siedelte er nach Arkansas über und von dort nach St. Louis, wo er in Eisenbahnspekulationen den Grundstein zu seinem heutigen Vermögen legte.“

Alles wiederholt sich nur im Leben; ewig neu ist nur die Poesie.

Horaz’ Epoden und Lydia-Ode.

Satiriker von Beruf war Horaz; er war überdies auch Spottdichter in seinen Jamben (oder Epoden), und es lockt von Vergil zu ihm hinüberzublicken. Denn gleich jenes Sabinusgedicht hat Horaz nachzuahmen versucht[413]; auch bei ihm handelt es sich um einen Emporkömmling, der jetzt stolz mit dreiellenlang-schleppender Toga über die Heilige Straße fegt. Die Sache ist nach Rom verlegt. Aber Horaz duckt sich; er wagt keinen Namen zu nennen. Der Schlag ist ein Schlag ins Wasser. Die Invektive entwaffnet sich und wird zum bloßen Sittenbild.

Gleichwohl gibt uns auch Horaz ein Meisterwerk. Ich meine das berühmte: „Beatus ille qui procul negotiis.“ Mit diesen Worten hebt das Gedicht an[414]. Irgendeine Stimme ist es, die da redet und das schlichte Landleben preist: „Glückselig, wer heute keinen Wucher treibt, sondern wie einst unsere Voreltern sein Feld bestellt! Die Rebe rankt er bräutlich um die Pappel, pfropft Obst und sammelt Honig, liegt zur Sommerzeit im Gras und lauscht dem rieselnden Bach und dem Vogelsang, fängt im Winter Vögel im Garn und jagt den Eber. Da vergißt man alle grauen Geschäftssorgen; Frau und Kinder sind um dich; das Vieh brüllt dir im Pferch und wird gemolken, und man lebt vegetarisch von Oliven, Malven und Sauerampfer, der auf den Wiesen wächst, und nur zum Festtag schmaust man das Opferlamm.“ Wer spricht da? Ist es der Dichter? O nein. Zum Schluß erhalten wir plötzlich die geschäftlich kurze Mitteilung: ein rechter Pflastertreter der Großstadt, ein Wucherer ist es, der sich in diese Phrasen hüllt: