§ 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer.
Aus irgend einem Anlaß kann das Gefühl plötzlich so stark auftreten, daß es die Überlegung des Verstandes vollständig zurückdrängt und den Willen beherrscht; dieser plötzliche Ausbruch des Gefühls ist der Affekt, z. B. der Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefühl längere Zeit in einer bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur Leidenschaft, beständig bereit, den Willen sich völlig zu unterwerfen. Zu unterscheiden sind davon die Gesinnungen, z. B. Vaterlandsliebe, Frömmigkeit. Hier hat sich ein bestimmtes Gefühl ein für allemal mit gewissen Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von Schwankungen frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber von der Leidenschaft durch größere Dauer und eine gewisse Gleichmäßigkeit, mit welcher sie ihren Einfluß auf den Willen geltend machen. Das Vermögen der Gesinnungen ist das Gemüt.
§ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle.
Die Gefühle knüpfen sich nicht selbständig aneinander, sondern schließen sich in ihrem Verlaufe in der Regel an die Vorstellungen an, nur daß die Gefühle langsamer wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefühl auch über eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen hinaus fortdauert. Auch die Erinnerung der Gefühle wird durch die entsprechende Vorstellung vermittelt. Will ich etwa zum Verständnis der Gefühle anderer Menschen in einer bestimmten Lage meine eigenen aus früherer Zeit in derselben Lage zurückrufen, so kann ich es nur durch lebhafte Vorstellung der betreffenden Umstände.
Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefühle ein Gesetz, das auch für den Vorstellungsverlauf gilt, in viel stärkerem Maße: das Gesetz der Beziehung. Das Gefühl ist etwas in hohem Grade Relatives. Jedes Gefühl ist davon abhängig, was für ein anderes vorangegangen ist. Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe Situation kann daher zu verschiedenen Zeiten in uns ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Das Gefühl der Lust ist stärker, wenn es auf den Schmerz folgt, als wenn es in einem Zustand der Gleichgültigkeit entsteht; das Gefühl der Genesung ist mächtiger, als das der Gesundheit. Treten die Gefühle im Übermaß auf, so können sie in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche Nervensystem erträgt nur ein beschränktes Maß von Lust und Schmerz.
Wiederholt sich das Gefühl, so wird es gewöhnlich abgestumpft. Der häufige Genuß derselben schmackhaften Speise kann sogar zum Ekel werden. Der oft wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Stärke, er erzeugt Abhärtung. Doch gilt dies nur für solche Gefühle, die keine Vertiefung in einen geistigen Inhalt, sondern bloß passive Hingabe an einen Eindruck mit sich führen, dagegen trägt bei den höheren Gefühlen die wiederholte Übung zur Verstärkung bei. Das Anhören eines klassischen Musikstücks kann bei jeder Wiederholung höheren Genuß gewähren, indem die Phantasie jedesmal leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des Tonstücks eindringt.
Gleichzeitige Gefühle ähnlicher Art verschmelzen sich zu einem Totalgefühl, in das sie als Partialgefühle eingehen. Bei sämtlichen höheren geistigen Gefühlen finden solche Verschmelzungen statt. So setzt sich z. B. die ästhetische Gefühlswirkung eines historischen Gemäldes aus Partialgefühlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, aus der Sympathie mit den dargestellten Personen, aus der Vorstellung der Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses stammen.
Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefühle, welche eine gewisse Selbständigkeit bewahren, redet man dagegen von „gemischten Gefühlen”. So entsteht das Gefühl der Wehmut aus einer Mischung von Trauer über das Verlorene und Freude in der Erinnerung daran.
§ 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung.
Ein für sich dastehendes Beispiel der Mischung der Gefühle ist das sogenannte „Lebens”- oder „Gemeingefühl”. In jedem Augenblick unsres Lebens zeigt sich unser körperliches Allgemeinbefinden durch ein allgemeines Gefühl an, das aus den einzelnen an die sogenannten „Gemeinempfindungen” (z. B. Hunger und Durst) geknüpften Gefühlen entsteht und sich auch dadurch von den einzelnen körperlichen Gefühlen unterscheidet, daß es sich nicht auf einen bestimmten Ort des Körpers beziehen, nicht „lokalisieren” läßt.