Der Beitrag, den die körperlichen Zustände zu dem Lebensgefühl liefern, setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehören:
1. Eine große Anzahl von Gefühlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, die zu unbedeutend sind, um als besondere zum Bewußtsein zu kommen.
2. Gefühle, die sich an Zustände einzelner Körperteile knüpfen, aber auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, z. B. Zahnschmerz.
3. Gefühle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen Verteilung im Körper und ihrer allgemeinen Bedeutung für den Fortgang des Lebens gewöhnlich überhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustände, z. B. Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher oder freier Gang des Atemholens, normaler oder abnormer Verlauf des Verdauungsprozesses sind daher auch die wichtigsten Faktoren für das Gemeingefühl. Das Lebensgefühl bildet einen Bestandteil der „Stimmung”, die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen Gefühlsstandes darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung kann ebensowohl die Erleichterung des Atmens durch gute Luft und das dadurch erhöhte Lebensgefühl als der Genuß eines edlen Kunstwerks beitragen.
Noch weniger als die einzelnen Gefühle lassen die Lebensgefühle und die Stimmungen eine Beschreibung zu. Es können nur einige allgemeine Ausdrücke angeführt werden, die sich im Sprachgebrauch dafür ausgebildet haben. Man spricht von einer reizbaren, apathischen, gehobenen Stimmung. In den Gegensätzen der Kraft und der Mattigkeit, der Freiheit und der Beklommenheit, der Hoffnung und der Furcht bewegen sich Stimmung und Lebensgefühl.
Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden Schattierungen des „Lebensgefühls” und der Stimmung für die Erinnerung, für die Festhaltung von Vorstellungen, durch die es in besonderer Weise verändert wurde. Wir erinnern uns einer früheren Situation dann mit auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Färbung unserer Stimmung damit verbunden war, und zwar dadurch, daß wir uns in die damalige Stimmung wieder hineinfühlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so sind meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem Gedächtnis entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer schweren Krankheit wegen des krankhaft veränderten Lebensgefühls. Umgekehrt sind wir geneigt, ungleiche Situationen miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die gleiche Stimmung erwecken, daher wohl auch die häufige Meinung, in einer Situation, in der man zum erstenmal ist, früher schon einmal gewesen zu sein.
§ 21. Die Temperamente.
Die Temperamente sind eine Art angeborener Stimmung, vorwiegender Empfänglichkeit für bestimmte Gefühle und dadurch bedingter Eigenschaften des Willens, durch welche die Art und Weise bestimmt wird, wie Eindrücke der Außenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert werden. Die Veränderungen der Stimmung und des Lebensgefühles bewegen sich bei jedem Individuum innerhalb bestimmter Grenzen, die von der körperlichen und geistigen Anlage abhängen. Solcher Temperamente gibt es eigentlich so viele, als es Individuen gibt. Doch wurden mit Recht schon im Altertum von Galenus vier Hauptformen der Temperamente herausgehoben, innerhalb deren sich die feineren Unterschiede bewegen: das sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser Ausdrücke zwischen Temperamenten des Gefühls: dem leichtblütigen (sanguinischen) und schwerblütigen (melancholischen), und Temperamenten der Tätigkeit: dem warmblütigen (cholerischen) und kaltblütigen (phlegmatischen).
Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die Bewegung der geistigen Vorgänge, sofern sie vom Gefühlsleben abhängig ist. Nach der gewöhnlichen Auffassung sind die Merkmale des sanguinischen Temperaments: lebhafte Empfänglichkeit für alles, aber ohne nachhaltige Verarbeitung der empfangenen Eindrücke und ohne kräftige Rückwirkung, daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns und Beständigkeit der Gesinnungen; des phlegmatischen: geringere Erregbarkeit für äußere Reize, Neigung zu geduldiger Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmäßigem Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des cholerischen: starke Erregbarkeit in einer bestimmten Richtung und große Energie der Rückwirkung, daher oft Konsequenz des Charakters; des melancholischen: große Empfänglichkeit für Gefühle, besonders für die höheren, aber Neigung zum Verweilen in diesem Gefühlsleben ohne praktische Tatkraft zur Verfolgung der damit verbundenen Ziele.
Wundt leitet die Vierteilung aus zwei Gegensätzen in der Art der Gemütsbewegungen ab: Stärke und Schwäche, Schnelligkeit und Langsamkeit, und gibt darnach folgende Tafel der Temperamente: