»Merkwürdig. Aber davon haben Sie mir ja noch nie was erzählt. Und Schmolke, sagen Sie, war mit dabei? Wirklich, sehr sonderbar. Und Sie meinen, daß er gerade deshalb so sehr anständig und so solide war?«
»Ja, Korinna, das mein’ ich.«
»Nun, wenn Sie’s sagen, liebe Schmolke, so will ich es glauben. Aber ist es nicht eigentlich zum Verwundern? Denn Ihr Schmolke war ja damals noch jung oder so ein Mann in seinen besten Jahren. Und viele von unserem Geschlecht, und gerade solche, sind ja doch oft bildhübsch. Und da sitzt nun einer, wie Schmolke da gesessen, und muß immer streng und ehrbar aussehen, bloß weil er da zufällig sitzt. Ich kann mir nicht helfen, ich finde das schwer. Denn das ist ja gerade so wie der Versucher in der Wüste: ›Dies alles schenke ich dir‹.«
Die Schmolke seufzte. »Ja, Korinna, daß ich es dir offen gestehe, ich habe auch manchmal geweint, und mein furchtbares Reißen, hier gerad’ im Nacken, das is noch von der Zeit her. Und zwischen das zweite und dritte Jahr, daß wir verheiratet waren, da hab’ ich beinah’ elf Pfund abgenommen, und wenn wir damals schon die vielen Wiegewagen gehabt hätten, da wär’ es wohl eigentlich noch mehr gewesen, denn als ich zu’s Wiegen kam, da setzte ich schon wieder an.«
»Arme Frau,« sagte Korinna. »Ja, das müssen schwere Tage gewesen sein. Aber wie kamen Sie denn darüber hin? Und wenn Sie wieder ansetzten, so muß doch so was von Trost und Beruhigung gewesen sein.«
»War auch, Korinnchen. Und weil du ja nu alles weißt, will ich dir auch erzählen, wie’s kam, un wie ich meine Ruhe wieder kriegte. Denn ich kann dir sagen, es war schlimm, und ich habe mitunter viele Wochen lang kein Auge zugetan. Na, zuletzt schläft man doch ein bißchen; die Natur will es un is auch zuletzt noch stärker als die Eifersucht. Aber Eifersucht ist sehr stark, viel stärker als Liebe. Mit Liebe is es nich so schlimm. Aber was ich sagen wollte, wie ich nu so ganz ’runter war und man bloß noch soviel Kraft hatte, daß ich ihm doch sein Hammelfleisch und seine Bohnen vorsetzen konnte, das heißt geschnitzelte mocht’ er nich un sagte immer, sie schmeckten nach Messer, da sah er doch wohl, daß er mal mit mir reden müsse. Denn ich red’te nich, dazu war ich viel zu stolz. Also er wollte reden mit mir, und als es nu soweit war und er die Gelegenheit auch ganz gut abgepaßt hatte, nahm er einen kleinen vierbeinigen Schemel, der sonst immer in der Küche stand, un is mir, als ob es gestern gewesen wäre, un rückte den Schemel zu mir ’ran und sagte: ›Rosalie, nu sage mal, was hast du denn eigentlich‹.«
Um Korinnas Mund verlor sich jeder Ausdruck von Spott; sie schob das Tablett etwas beiseite, stützte sich, während sie sich aufrichtete, mit dem rechten Arm auf den Tisch und sagte: »Nun weiter, liebe Schmolke.«
»Also, was hast du eigentlich? sagte er zu mir. Na, da stürzten mir denn die Tränen man so pimperlings ’raus, und ich sagte: ›Schmolke, Schmolke,‹ und dabei sah ich ihn an, als ob ich ihn ergründen wollte. Un ich kann wohl sagen, es war ein scharfer Blick, aber doch immer noch freundlich. Denn ich liebte ihn. Und da sah ich, daß er ganz ruhig blieb und sich gar nicht verfärbte. Un dann nahm er meine Hand, streichelte sie ganz zärtlich un sagte: ›Rosalie, das is alles Unsinn. Davon verstehst du nichts, weil du nicht in der ›Sitte‹ bist. Denn ich sage dir, wer da so tagaus tagein in der Sitte sitzen muß, dem vergeht es, dem stehen die Haare zu Berge über all das Elend und all den Jammer, und wenn dann welche kommen, die nebenher auch noch ganz verhungert sind, was auch vorkommt, und wo wir ganz genau wissen, da sitzen nu die Eltern zu Hause un grämen sich Tag und Nacht über die Schande, weil sie das arme Wurm, das mitunter sehr merkwürdig dazu gekommen ist, immer noch lieb haben und helfen und retten möchten, wenn zu helfen und zu retten noch menschenmöglich wäre — ich sage dir, Rosalie, wenn man das jeden Tag sehen muß, un man hat ein Herz im Leibe un hat bei’s erste Garderegiment gedient un is für Proppertät und Strammheit und Gesundheit, na, ich sage dir, denn is es mit Verführung un all so was vorbei, un man möchte ’rausgehn und weinen, un ein paarmal hab’ ich’s auch, alter Kerl der ich bin, und von Karessieren und ›Fräuleinchen‹ steht nichts mehr drin, un man geht nach Hause und is froh, wenn man sein Hammelfleisch kriegt un eine ordentliche Frau hat, die Rosalie heißt. Bist du nu zufrieden, Rosalie?‹ Und dabei gab er mir einen Kuß ...«
Die Schmolke, der bei der Erzählung wieder ganz weh ums Herz geworden war, ging an Korinnas Schrank, um sich ein Taschentuch zu holen. Und als sie sich nun wieder zurecht gemacht hatte, so daß ihr die Worte nicht mehr in der Kehle blieben, nahm sie Korinnas Hand und sagte: »Sieh’, so war Schmolke. Was sagst du dazu?«
»Ein sehr anständiger Mann.«