Ich begann zu blättern. Es war das Buch, das der Alte bis spät in die Nacht hinein emsig studirt hatte: »La grande Armée«. Ich las 50 Seiten: das Lager bei Boulogne, die Capitulation von Ulm, Austerlitz, zuletzt Jena, — nach diesem hatte ich genug; ich war verstimmt. Und ich glaube mit Grund. »Solche Bücher,« sagt’ ich mir, »schreibst Du selbst. Sind sie ebenso, so taugen sie nichts. Die bloße Verherrlichung des Militairischen, ohne sittlichen Inhalt und großen Zweck, ist widerlich.« Damit klappte ich das Buch zu und sah wieder auf die Cathedrale hinüber.

Dann machte ich meinen Spaziergang von Thür zu Fenster und von Fenster zu Thür, bis um Mittag die ersehnte Nachricht kam, »morgen früh weiter ins Land hinein«. Wohin, wußte Niemand.


4. Gueret.

Der König, der nie stirbt, soll aus der Welt
Verschwinden? der dem Schwachen beisteht,
Der den Neid nicht kennet, denn er ist der Größte!

(Jungfrau von Orleans.)

Nach meiner Berechnung mußte die Weiterreise auf Tours gehen, also nach dem Sitz der »provisorischen Regierung«. Ich wünschte dies, und hatte bereits eine Anrede an den Minister Cremieux fertig, der dann, dacht’ ich, seinem Collegen Gambetta ein paar Worte zuflüstern und nach zustimmendem Kopfnicken dieses letztern, meine Freilassung anordnen würde. All dies scheiterte aber vorweg an einer unerbittlichen Thatsache: es ging nicht auf Tours. Die nächste Etappe hieß Gueret.

Die Fahrt dorthin war insoweit eine höchst angenehme, als das Landschaftsbild, das ich zum Beginn des vorigen Kapitels zu beschreiben versucht habe, sich fortsetzte. Dicht in einander geschobene Berg- und Hügelpartien, schmale Wiesengründe, Wasserläufe, dazwischen Tunnel, Brücken, Viadukte, die Kuppen und Abhänge mit Kastanien, Nußbaum und den verschiedensten Obstarten, aber nicht mit Weingeländen besetzt, — so ging es durch diese schönen, aber verhältnißmäßig wenig fruchtbaren Landschaften hin, die den Namen des Departements »La Creuze« führen.

Am Mittag schon, bald nach 1 Uhr, trafen wir in Gueret ein. »Ein freundliches Städtchen«, hatten uns die Gensdarmen gesagt, die ihrer Sache selbst so sicher waren, daß sie die Karabiner, die mir immer mehr fürs Volk als für uns da zu sein schienen, auf dem Bahnhof ließen, also uns nahezu unbewaffnet in die Stadt begleiteten. Diese steckte reizend in den Bergen; hier und dort wuchs ein Thurm, eine Esse über die Pappeln hinaus und graue Rauchwolken lagen wie schwebend, fast unbeweglich, in der stillen, regenschweren Luft. Wir passirten eine Plantage, einzelne Gehöfte, Niemand zeigte sich; mit dem Eintreten in die Stadt aber gestaltete sich das Bild wie immer. Hunderte von Jungen, die in dem scheinbar menschenleeren Ort wie Pilze aus der Erde wuchsen, umdrängten uns im Nu, alte Weiber, von denen jedes einzelne in eine beliebige Macbeth-Aufführung ohne die geringste Kostüm-Veränderung hätte eintreten können, erschienen in allen Thüren und unter dem Geschrei: Bismaarck, Bismaarck (immer mit langgezogenem a) verschwanden wir endlich im Gefängnißthore. Ich muß übrigens hinzufügen, daß das Ganze doch mehr den Charakter einer Volksbelustigung hatte. Gueret bezeichnete in dieser Beziehung die Grenze. Von da ab wurde es immer besser, bis zuletzt, auf dem Küstenstriche des Westens, jeder Beisatz von Verbissenheit aufhörte.

Das »Büreau« des Gefängnisses bestand aus drei Personen, aus dem Schließer, dem gardien-chef und der Frau dieses letzteren, einer großen braunäugigen Person von etwa sechsunddreißig, die nach der Art, wie sie uns musterte, eine Vergangenheit haben mußte. Selbst mit einer Lücke neben dem einen Augenzahn wußte sie geschickt zu kokettiren; sie gehörte eben zu denen, denen alles dienen muß, die oberen und die unteren Mächte. Ihr Beistand schien mir gewichtig. Ich machte einen Versuch, mich ihrer zu versichern, doch hatte sie Verstand und Erfahrung genug, um einen jungen Badenser mit Vollbart und rothen Backen vorzuziehen.