Inzwischen war mein vielcitirtes Beglaubigungspapier (»comme officier supérieur«) wieder vorgezeigt worden und schuf hier eine völlige Verwirrung. Man wußte offenbar nicht, was man daraus machen sollte. Die ganze Scene erinnerte mich lebhaft an die Vorgänge, die sich in kleinen Badeörtern mit Filial-Apotheken regelmäßig zu wiederholen pflegen, wenn Lehrling, Gehülfe, Prinzipal das aus der großen Stadt kommende Rezept nicht entziffern, das neueste Modemittel nicht errathen können und nach langem Getuschel und Aufwand einiger Fremdwörter endlich erklären: ein solcher Arzneikörper existire nicht. So schien auch der gardien-chef entschlossen, nicht geradezu die Existenz eines officier supérieur, aber doch die Verpflichtung seinerseits bestreiten zu wollen, in seinem Gefängnisse einen solchen unterzubringen. Man kam endlich überein, gar nichts zu thun und mir die Initiative zu überlassen.

Wir stiegen nunmehr die Treppe hinauf; ein großer viereckiger Raum wurde geöffnet, die Badenser traten ein und man wartete ersichtlich, ob ich folgen würde. Ich folgte aber nicht. Dies machte einen Eindruck, und in rascher Ausnutzung des Moments bat ich jetzt um ein apartes Zimmer. Man weigerte sich auch nicht, blieb aber der Rolle treu, Alles der historischen Entwickelung zu überlassen, und ließ mich zunächst, das Weitere abwartend, in eine nebenangelegene Zelle eintreten. Sie war absolut kahl. Ich sagte ruhig: ah, c’est bon; seulement la fourniture là, — elle n’est pas très complète. Dieser Hohn wirkte; der gardien-chef lächelte verlegen, und ehe er sich noch besinnen konnte, schob ich ein: du feu me paraît indispensable; naturellement je le payerai. Das war das erlösende Wort und ohne Säumen wurde ich nunmehr in ein drittes Zimmer geführt, das als Schmuckkästchen der Gesammtlokalität zu gelten schien. Es war gewiß auch das beste, was man hatte, aber immer noch trist genug. Das Bett bestand aus einem Strohsack, der Kamin war ein großes schwarzes Loch und das Geflecht des Binsenstuhls hing wie ein Strohwisch nach unten. Es wirkte beinahe unheimlicher als der Nachbar-Raum; dennoch hatte ich nach gerade Erfahrung genug, um gleich zu erkennen, daß hier die Elemente zur Entwickelung gegeben waren. Es kam nur auf die rechte Hand an. Ich stellte mich also vor den Schließer hin, versicherte ihm, daß ich einen starken Appetit hätte und ihn bitten müsse, mir ein Diner und eine Flasche vom besten Wein zu bestellen. Ich fügte einen Frank für seine vorläufige Bemühung hinzu. Ersichtlich betroffen, willigte er ein. In der Thür rief ich ihn zurück und flüsterte vertraulich: Sie sorgen wohl für ein Feuer und ein gutes Bett. Er versprach Alles. Ich hatte meinen Zweck erreicht. Diner und Wein, die mir gleichgültig waren, fielen ihm schließlich als gute Prise zu, aber drei wollene Decken sah ich sich über die Matratze breiten und im Kamin flackerten und prasselten alsbald die großen Scheite von Kastanienholz. Eine Stunde später war das Zimmer wie umgewandelt. Ich saß auf dem Stuhl, der sein Geflecht wieder gewonnen hatte, wiegte mich hin und her und blickte träumend in die immer ruhiger werdende Flamme. Liebe, freundliche Gesichter traten mir entgegen; ich sah deutlich die großen klugen Augen meines Lieblings; es war mir, als spräch’ es lieb und traut in mein Ohr. So saß ich im Gefängniß zu Gueret, schwere Tage hinter mir, schwere Tage vor mir, und schrieb Verse in mein Notizbuch.

O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht
Und unser Winter bricht herein.

Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Werth,
Weil man’s nicht mehr erhoffen mag
Daß so die Stunde wiederkehrt.

Die Fluth des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh’, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;

Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz,
O sorge, daß uns keine fehlt
Und gönn’ uns jede Stunde ganz.

Der andere Morgen war hell und sonnig; aber ein scharfer Wind pfiff. Ich mußte trotzdem in den Hof hinunter, um meine Morgentoilette zu machen. Es war also immer noch dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen. An einem steinernen Brunnentrog badete ich den Oberkörper; eine »Brosse à dents« und ein geschliffenes Flacon mit Esprit de Menthe (Souvenirs von Langres her), die ich beide auf den breiten Rand des Steintrogs legte, nahmen sich in dieser Umgebung ziemlich wunderlich aus.

Etwa um 10 Uhr erhielt ich Besuch, der dann fast bis zum Moment meiner Weiterreise keinen Augenblick abriß. Der erste, der erschien, war ein Arzt, ein Mann von etwa sechszig, klugen Auges, mit Doktorhut und Doktorstock. Er habe gehört, so führte er sich ein, daß ich aus Berlin sei; »ob ich den berühmten Professor Wirscho kenne«? Ich stutzte einen Augenblick, fand mich aber schnell zurecht und erkannte, daß unser Virchow gemeint sei. Das gab nun ein Hin und Her. Er sprach lebhaft und voll Verbindlichkeit gegen die Deutschen, deren Wissenschaftlichkeit er auf allen Gebieten anerkannte. Auch in der Medizin. Nach so viel empfangenem Lob, glaubte ich schließlich auch ein Uebriges thun zu müssen und bemerkte, »daß die Pariser Schule wohl ebenbürtig sei«. Dies machte indessen gar keinen Eindruck auf ihn, und nur zum Zeichen, daß er meine Worte wohl verstanden habe, begann er seinen nächsten Satz mit der leichthingeworfenen Bemerkung: »naturellement, l’école de Paris c’est la première du monde« und fuhr dann in seinen Auseinandersetzungen, namentlich in einer Parallele zwischen Virchow und anderen deutschen Physiologen fort. Es war spezifisch französisch. Ich bemerke noch, daß er sich lebhaft nach dem Dr. Jacoby in Königsberg erkundigte, der überhaupt, neben Bismarck und Moltke, die in ganz Frankreich am meisten besprochene Persönlichkeit war. Jeder kannte ihn und Jeder knüpfte Hoffnungen an ihn. Der Ertrinkende greift nach einem Strohhalm.

Sehr bald nach dem Doktor erschien der Vicar. Ein großer, schöner Mann, blond, von den freundlichsten Augen und dem gefälligsten Wesen. Ueberhaupt war ich von hier ab in keinem Gefängniß mehr, in dem ich nicht den Besuch eines Geistlichen, oft von zweien, empfangen hätte. Dies ist eine sehr schöne Sitte. Freilich müssen die Geistlichen danach sein. Wenn sie kommen, um einem die Hölle heiß zu machen, oder auch nur, um einen Sermon zu halten, steif, langweilig, salbungsvoll, so sind sie unerträglich, wenn sie kommen, wie diese französischen Aumoniers, so kann kein Herz so roh, so verschlossen, so religionslos sein, daß es nicht Freude empfände an so menschlich schönem Zuspruch.

Dieser Vicar war nun von einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit, fein, klug, unterrichtet. Schade, daß ich erst um eine Stunde später erfuhr, wer er eigentlich war; unsere Unterhaltung würde sonst einen noch freieren Verlauf genommen haben. Er lenkte nämlich bald ins Politische hinüber, verwarf das Empire in lebhaften Ausdrücken, ein Bild 20 jähriger Corruption vor mir entrollend, beleuchtete dann die Republik, die in Frankreich eigentlich ohne wahren Boden, vielmehr abwechselnd ein Schatten oder ein Schrecken sei und versicherte mich dann einmal über das andere, daß alles Heil lediglich in Wiederanknüpfung an den abgerissenen Faden, lediglich in Legitimismus, in Henri-quint zu finden sei; der Orleanismus werde dann später (durch die Verhältnisse legitim geworden) die große Erbschaft antreten. Wie mir das im Ohr klang! Nach dem wüsten Geschrei in Lyon und Moulins endlich wieder eine Menschenstimme! Ich fühlte mich wie mir selbst zurückgegeben und vergaß fast, daß ich in einem Gefängniß sei. Ich sage »fast«. Es wäre besser gewesen, ich hätt’ es ganz vergessen; neue weitere Aufschlüsse würden der Lohn gewesen sein. Aber ich konnte das alles in jenem Augenblick nicht wissen! Neben dem lebhaftesten Interesse, mit dem ich folgte, lief doch immer wieder die Frage her: Wer ist es, der diese Sprache führt. Will man dich aushorchen? Sollen sich neue Verlegenheiten für dich bereiten! So blieb ich vorsichtig, abwägend, auf meiner Huth, ich bekämpfte sogar einzelne seiner Sätze, Auslassungen über Henri-quint, die ich wenigstens prinzipiell ohne Weiteres hätte unterschreiben müssen. Wie gesagt, ich hätt’ es rückhaltlos wagen können. Der junge Vikar, der anderthalb Stunden lang die Grundsätze der Legitimität vor mir verfochten hatte, war ein Vicomte d’Ussel, ein jüngerer Sohn der gleichnamigen, im Departement la Creuze begüterten Grafen-Familie. Der Legitimismus der Familie war übrigens kein Geheimniß; ihr Ansehn nur um so größer. Der Respekt, mit dem ich, noch am andern Tage, ein halbes Dutzend Personen darüber sprechen hörte, war sehr unrepublikanisch.